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Full text of "Schwarze Faden - Zeitschrift Nummer 0-77"

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Kommune - 


Debatte 


Kunst des 
Tortenwerfens 


Globalisierung 


Bookchin - 
Chomsky - Debatte 















































































Inhalt Nr. 61 

AKTUELLE THEMEN 

Lorenz Schrötter: Globalisierung - Lähmende Gesetzmäßigkeiten.S. 3 

Michael Wilk: Menetekel Globalisierung.S. 12 

Detlef Hartmann: Soziale Säuberungen in Köln..S. 17 


POLITISCHE DEBATTE 


Murray Bookchin: Die Einheit von Ideal und Praxis.S.21 

KURZES 

Aufgegriffen: ak, FAU, ÖkoLi, links, Lotta Continua.S. 30 

POLITISCHE DEBATTE II 

Waldo Mar: Das Leben in großen Rudeln und die.S. 35 

Burkhard N'dagire: "Wir sind alle Kinder dieser Kultur".S. 39 

Uwe Kurzbein: Gründet politische Kommunen!.S..41 

KULTUR 

Kees Stad: Laßt 1000 Torten fliegen. S. 43 

TERMINE. S.47 

GESCHICHTE 

Marianne Kröger: Die Freiheit Europas verteidigen - 

Simone Weil und Carl Einstein 1936/37.S.48 

Werner Portmann: Porträt Heiner Koechlin......s. 58 

Zeitschriftenschau. 65 

SF-Zeitschriftenpakete, Spendenliste...S. 66 

Verkaufsstellen des Fadens. 67 


Titelphoto: Wolfgang Müller 


Redaktions - und Anzeigenschluß: SF-62 (4/97): 20.8.97 
Erweiterte und veränderte Neuauflage der 
SF-Sondernummer Feminismus (3/97): 10.5.97 

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Impressum: 

Redaktions- & ABOadresse: 
Schwarzer Faden, PF 1159 
D-71117 Grafenau 
Tel. 07033-44273, Fax 07033-45264 
Einzelpreis: 8.-DM 
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Postgiro Stuttgart: Kto. W. Haug, 
Ktonr. 57463-703, BLZ 600 100 70 
Erscheinungsweise: 5 x jährlich 
Auflage: 2500 
Herausgeber: 

Trotzdem-Verlag/W. Haug, Grafenau 
ISSN: 0722-8988, ZIS-Nr. 701 

Namentlich gekennzeichnete B ei träge stehen 
unter der Verantwortlichkeit der Verfasser¬ 
innen und geben nicht die Meinung des 
Herausgebers oder des presserechtlich Ver¬ 
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Verlag, Satz & Vertrieb: Trotzdem-Verlag, 
Grafenau 

Druck & Weiterverarbeitung: Druck- 
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Das Redaktionskollektiv entscheidet über 
Inhalt und Form der Zeitschrift. Ein An¬ 
spruch auf Veröffentlichung besteht nicht. 
Der Abdruck erfolgt honorarfrei. anti- 
copyright: Nachdruck von Texten ist unter 
Angabe der Quelle und Zusendung eines 
Belegexemplars ausdrücklich erwünscht. 
Redaktion dieser Ausgabe: 

Wolfgang Haug, Andreas Ries, Harald Ro¬ 
macker, Herby Sachs (V.i.S.d.P.), Boris 
Scharlowski, Dieter Schmidt. 
Mitarbeiterinnen dieser Ausgabe: 
Murray Bookchin, Burkhard N’dagire, Detlef 
Hartmann, DonnaKiddie, Marianne Kröger, 
Uwe Kurzbein, Waldo Mar, Werner Port¬ 
mann, Helmut Richter, Lorenz Schrötter, 
Kees Stad, Malte Wendt, Michael Wilk, 
Mitarbeit: Der SF versucht eine Mischung 
aus aktuellen politischen Ereignissen, Inter¬ 
nationalismus, Aktualisierung libertärer 
Theorie, Aufarbeitung freiheitlicher Ge¬ 
schichte und einer Kultur- und Medienkritik 
von unten. Eingesandte Artikel, Photos, Gra¬ 
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SF 2/97 


Durch die ökonomische Umwälzung 
sind tiefe Veränderungen in Gang ge¬ 
kommen , die auch in Zukunft umfassend 
und einschneidend unser politisches und 
gesellschaftliches System umgestalten 
werden. Die ökonomischen und politi¬ 
schen Geschehnisse erzwingen u.a. 
Deregulierung der Arbeitsverhältnisse 
und die Zerstörung des Sozialstaats. 
Wo das Ende dieser Umgestaltung sein 
wird, weiß niemand. Was nicht heißt, 
daß keine Interessengruppe vorhanden 
ist, die radikale Zielvorgaben macht. 
Im Gegenteil; zum Erhalt und Auf¬ 
schwung des Kapitalismus bleibt nur 
ein sozialstaatliches Rudiment möglich. 
Da sich die Entwicklung gegen eine er¬ 


hebliche Zahl von Menschen richtet 
und deren Reaktionen noch nicht ein¬ 
zuschätzen sind, geht mit dem Sozial¬ 
abbau auch ein Demokratieabbau und 
ein Ausbau ökonomischer Machtposi¬ 
tionen einher, was hier nur angedeutet 
bleiben kann. Straffer, schneller und 
ohne bremsende Opposition ließe sich 
gegen »eine wachsende Gruppe von 
Menschen in unsicherer wirtschaftlicher 
Lage.« (Müller 1996: 12), noch mehr 
und zügiger durchsetzen. »Die Ökono¬ 
mie frißt die Demokratie« (ebd.) noch 
schneller, wenn sich die Massen auf 
den Fatalismus einlassen und »klar ist: 
Gegen die Globalisierung zu sein ist so 
sinnvoll, wie sich über das schlechte 


Wetter zu beschweren.« (Piper 1996: 
18) 

Aber die Ursachen gründen sich nicht 
aus übermenschlichen Marktgewalten, 
sondern sind über Jahrzehnte durch Be¬ 
schlüsse auf internationalen Treffen vor¬ 
angetrieben worden; ein Übriges leistet 
die technologische Entwicklung. Da¬ 
durch sind Zwänge entstanden, die hier 
aufgezeigt werden sollen. 

Die erfolgreiche Wiedereinsetzung 
der liberalen Wirtschftslehre hängt mit 
der Globalisierung eng zusammen nicht 
und die Gewinne fließen nicht anteilig 
in die Kassen der Gesellschaft. Das In¬ 
teresse an wirtschaftlichem Wachstum 
ist größer als das Interesse alle Men- 


Foto: Hörby Sachs/Version 
















sehen mit dem Nötigsten zu versorgen. 

Wenn, wie prophezeit wird, 20% 
lohnabhängig arbeitende Bevölkerung 
für den Weltkapitalismus ausreichen 
werden, fragt sich, welches Interesse 
die übrigen 80% am Erhalt des Weltka¬ 
pitalismus haben werden, wenn sie nicht 
existentiell und sozial abgesichert sein 
sollten. 


Neue Weltökonomie 

In derzeit vom 5.4.96 schrieb Nikolaus 
Piper: »Schon als Karl Marx starb war 
die Welt ein globales Dorf: Dampf¬ 
schiffe, Eisenbahnen, Telegraphen, der 
Bau des Suezkanals ließen den Globus 
schrumpfen.« Das legtden Schluß nahe, 
daß es heute wie damals um dasselbe 
Prinzip geht, aber unter anderen Bedin¬ 
gungen. Insofern führt der Begriff Glo¬ 
balisierung in die Irre, denn erst hinter¬ 
gründig werden die vielen komplexen 
und zum Teil widersprüchlichen Pro¬ 
zesse, die die neue ökonomische und 
politische Lage kennzeichnen, deutlich. 
In erster Linie ist mit dem Begriff die 
globale Vereinigung die Märkte und 
Ökonomien gemeint. 

1973 leitete die Deregulierung der 
Geldwirtschaftaufdem internationalen 
Finanzmarkt den Umbruch zum Neoli¬ 
beralismus ein. Denn durch die Zerstö¬ 
rung des Bretton-Woods Abkommens, 
d.h. die Aufhebung der Dollar-Gold 
Bindungen der Währungen, entstanden 
die überstaatlichen Finanzmärkte. (Vgl. 
Bischoff 1996: 10) Ebenso erhöhten 
sich durch die microelektronischen digi¬ 
talisierten Informations- und Kommuni¬ 
kationsmöglichkeiten die Datenmengen 
enorm, und es wurde möglich, auf brei¬ 
terer Basis und gleichzeitig schneller, 
international in Kontakt zu treten. 

Seit den 80em setztauf der wirtschaft¬ 
lichen Seite ein schneller Fluß von Geld 
und Technologie ein und ermöglicht 
flexible Produktionsverlagerung und 
wirtschaftlicheStrukturverändcrungen. 
»Weltmarkt heute heißt vor allem neue 
Nähe, hohe Dichte und Intensität der 
transnationalen Beziehungen ... «. 
(Altvater 1995:196) Für die BRD kann 
das heißen, daß wertschöpfungsinten¬ 
sive Kemfunktionen von Unternehmen, 
wiez.B. »Forschung und Entwicklung, 
Design,Finanzwirtschaft«,hierbleiben, 
während Iohnintensivcproduklionsnahe 
Bereiche eher in Wachstumsregionen 


wie Asien angesiedelt werden. (Vgl. 
Rösner 1995:477) Es findet eine dich¬ 
tere wirtschaftliche Verflechtung zwi¬ 
schen Südostasien (Japan), Nordameri¬ 
ka und der EU statt, das heißt, die soge¬ 
nannte Triade der Metropolen, zu der 
die Tigerstaaten mit ihren flexiblen 
Volkswirtschaften stoßen. Anhand der 


Raum nicht so global wie es zuerst 
klingt, aber es steht das technische Po¬ 
tential bereit, um den letzten Winkel 
der Erde mit einzubeziehen, wenn die 
ökonomische Ausweitung oder Ver¬ 
schiebung der bestehenden Blöcke dies 
erfordern sollte. Bedeutend sind in die¬ 
sem Zusammenhang Gen- und Atom- 



Entwicklung der letzten 10 Jahre läßt 
sich die zunehmende Konzentration des 
Handels und der Produktion auf die 
Metropolen ablesen. »Innerhalb der In¬ 
dustrieländer konzentrieren sich die 
Direktinvestitionen zu weit über 90% 
auf die Triade aus Westeuropa, Nord¬ 
amerika und Japan.« (Globale Trends 
1996 zit.n. Bischoff 1996: 3) Durch 
dieses Zusammenrücken des Weltwirt¬ 
schaftsraumes auf die Triade, ist der 


Wissenschaft, die den Microkosmos er¬ 
obern und die letzten weißen Flecken 
schließen. Patentiert und technisch er¬ 
faßt wird allesbis ins kleinste verwertbar 
gemacht. 

Gleichwohl bestehen Zentrum und 
Peripherie in verschärfter Form weiter. 
»Die Kehrseite ist eine geradezu er¬ 
schreckende Marginalisierung ganzer 
Regionen der Weltwirtschaft - allen vo¬ 
ran Afrika.« (Bischoff 1996: 3) Aber 





als ein Widerspruch halten in den Peri¬ 
pherien lohnintensive Produktivitäts¬ 
inseln Einzug, während auf der anderen 
Seite in den Metropolen stärker Merk¬ 
male der Peripherie, wie z.B. Analpha¬ 
betentum oder Verelendung, zu beob¬ 
achten sind. 

Aufgrund dieser Vernetzung, mittels 


der Intemationalisierung der Transport- 
> Informations- und Kommunikations¬ 
möglichkeiten, kann das Kapital immer 
autonomer agieren und ist an Standorte 
nicht fest gebunden. 

Letztlich führte die Auflösung der 
Bipolarität 1989 und der System Wett¬ 
bewerb zu einer Ausdehnung der kapi¬ 
talistischen Einflußsphäre. Der Begriff 
der »Neuen Weltordnung« setzte sich 
durch. Während des Konkurrenzkamp¬ 


fes des westlichen Kapitalismus und 
des Staatssozialismus im Osten, war 
der Westen zum Erbringen von Sozial¬ 
standards gezwungen, was nach dem 
Zusammenbruch des »realen Sozialis¬ 
mus« entfiel. 


Innovative Technologie 
als Motor der 
Globalisierung 

Durch die sogenannte »digitale Revo¬ 
lution, die mit der Entwicklung derMic- 
roelektronik einsetzte, kam es zu einer 
weltumspannenden Schaffung neuer 
Produktivkräfte, welche es ermögli¬ 
chen, sich per Satellitenkommunikation 


und neuen Steuerungs- und Kommuni¬ 
kationspotentiale weltweit Märkte zu 
suchen. Ein unmittelbarer Vergleich von 
Preis und Qualität, sowie Produktions¬ 
standorten wird möglich, weil».. fast 
überall... die gleichen hohen Techno¬ 
logiestandards eingesetzt und entspre¬ 
chend hochwertige Produkte erzeugt 
werden können.« (Rösner 1995:476), 
was die Wettbewerbsvorteile der füh¬ 
renden Industrieländer in Frage stellt. 
Wobei, wie oben dargestellt, sich der 
Vergleich überwiegend in den Blöcken 
und Metropolen bewegt und die Dyna¬ 
mik der Innovationsschübe stark be¬ 
schleunigt wurde, so daß das Halten der 
neusten technologischen Standards eine 
Frage des zur Verfügung stehenden Ka¬ 
pitals ist. 

Ob in China deutsche Telefonbücher 
abgetippt werden, eine deutsche Thea¬ 
terzeitschrift in Singapur gedruckt wird, 
um über die Karibik in die BRD ausge¬ 
liefert zu werden oder in Indien Bücher 
übersetzt werden, um dann via Com¬ 
puternetz in andere Länder und Konti¬ 
nente zu gelangen: 

»Die Flexibilität der Massenproduk¬ 
tion wird durch eine variable Automati¬ 
sierungstechnik sowie neue Organisa¬ 
tion- und Steuerungstechnologien her¬ 
gestellt, die zudem eine betriebsüber- 
greifende Reorganisation des Wert¬ 
schöpfungsprozesses ermöglicht.« 
(Bischoff 1996: 5) 

Jeweils günstigere Kostenstrukturen 
der verschiedenen nationalen Wirt¬ 
schaftsstandorte können mit diesen mo¬ 
dernen Technologien kombiniert wer¬ 
den. Während früher der Computer nur 
in der Lage war, in eine Kiste zu greifen, 
besitzt er heute die Fähigkeit unter den 
in der Kiste befindlichen Teilen zu unter¬ 
scheiden. Resultat ist,daß z.B. Produkte 
individuellen Wünschen angepaßt wer¬ 
den können, was die Angebotsbreite in 
der Autoindustrie zeigt. Bischoff führt 
die Systemtechnik als das alles ent¬ 
scheidende Merkmal, »..den springen¬ 
den Punkt der neuen Rationalisierungs¬ 
konzeptionen« an. Für die Angestellten 
und Arbeiterinnen (auch in lean pro- 
duction) bedeutet dies 
zunehmend »...computergestützt, also 
indirekt auch mit Hilfe der Mikroelek¬ 
tronik,. .. wegrationalisiert (zu werden).« 
(Kurz 1995:49) 

Aufgrund der verschwindend ge¬ 
ringen Transportkosten und der oben 
erwähnten Mechanismen, werden die 



SF 2/97 [5] 










einzelnen Nationalstaaten gegeneinan¬ 
derin Konkurrenz gesetzt und die trans- 
nationalen Unternehmen können sich 
daran orientieren,»... wo zum Beispiel 
die Besteuerungs- und Finanzierungs¬ 
konditionen günstiger, dieUmweltstan- 
dards großzügiger und die Arbeits- und 
Sozialkosten niedriger sind.« (Rösner 
1995: 479) 


Entscheidende 
Weichenstellungen über 
den Weltfinanzmarkt 

»Wenn von Globalisierung die Rede 
ist, gehtes jedoch zumeist nicht in erster 
Linie um die realwirtschaftliche Sphäre, 
wie es die Standortdebatte nahelegt. Im 
Zentrum stehen die Finanzmärkte« 
(Bischoff 1996: 60 schreibt Joachim 
Bischoff, denn die Umstrukturierung 
der Finanzmärkte führt dazu, daß »...die 
Großun temehmen m i t einer veränderten 
Geschäftspolitik (reagieren)...«, (ebd.) 
Mit der Aufgabe der S teuerung der inter¬ 
nationalen Finanzmärkte (Weltwäh¬ 
rungssystem) 1973, kam es zu einem 
dezentralen Aufbau, nämlich mehreren 
Finanzzentren, gekennzeichnet durch 
eine »dualistische Struktur«. Auf der 
einen Ebene den »...weitgehend unregu¬ 
lierten, staatsfreien internationalen Sek¬ 
tor...« und auf der anderen Ebene die 
»... miteinander konkurrierenden na- 
tionalstaatlichen Finanzsystemc()«der 
Metropolen, (ebd.) Die dominanten mo¬ 
netären internationalen Handelszentren 
üben dabei »... zunehmend Druck auf 
die nationalen Währungs- und Finanz- 
systemc« aus. (ebd.) Diese erste Ebene 
ist im Laufe der Zeit u.a. durch die 
fehlende Deckung realer Produktions- 
prozessce, durch Fabriken, Güter und 
Waren, zu einer »Blase« (Kurz) oder 
einem »spckulative(n) Kartenhaus« 
(Allvater) mutiert, mit hervorgerufen 
durch die Tatsache, daß »...täglich von 
1000 Mrd. (umgesetzten) US$...(nur) 
rund 1%, zur Abwicklung des Welt¬ 
handels benötigt« (Altvater 1994 a: 219) 
werden. Die seit 1973 erfolgte Abkopp¬ 
lung der globalen Finanzströme vom 
realen Kreislauf der Güter und Dienst¬ 
leistungen und die Beseitigung der 
Golddeckungen der Währungen, be¬ 
wirkte, daß »...kein Land mehr zu Wäh¬ 
rungsdisziplin und Leistungsbilanzaus¬ 
gleich verpflichtet war. (...) Man hatte 


das Welt-Währungssystem durch eine 

weltweite Konsumenten-Kreditma- 

schine ersetzt!« (Hankel 1995: 696) 
Die ökonomischen, sozialen und fi¬ 
nanziellen Unsicherheiten und Auflö¬ 
sungserscheinungen sind eine unmittel¬ 
bare Reaktion auf die »monetäre Welt¬ 
unordnung«. Die fehlende nationalstaat¬ 
liche Währungsautonomie bei der Über¬ 
setzung der einheimischen Währungen 
in ausländische Währungen und die 

»Konsumenten-Kreditmaschine« der 

»international banking Community« mit 
ihrem enormen Wachstum des intema- 


Unternehmen durch Kapitalexport 
marktnah.... (...) Hinzu kommt, daß die 
multinationalen Unternehmen (...) viele 
nationale Adressen haben möchten, d.h. 
in temationaleTausendfüßlermit vielen 
nationalen Beinchen werden wollen...«. 
(Fischer 1996: 291) 

Rekordgewinne ohne 
gesellschaftliche 
Verteilung 

Trotz der stagnierenden Nachfrage auf 
den Märkten melden die Konzerne, wie 


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i r e " G ? T dund Finanzkapitals,blei¬ 
ben für die Untemehmenspolitik voral- 
lem der Konzerne nicht ohne Wirkung 
so daß Rationalisierungen durch neue 
Steuerungs- und Automatisierungspo- 
tenüale, Deregulierungen der Arbeits- 

vcrhältnisseund »...Fragmentierung und 

Regionalisierung von Produktionspro¬ 
zessen und Dienstleistungsfunktio¬ 
nen .« (Rösner 1995: 475) praktiziert 
werden. Weil die nationale Währungs¬ 
autonomie nicht mehr gegeben ist und 
die Wechselkurse instabil sind, was die 
ständige Gefahr von Verlusten birgt, 
»... (investieren)... mehr und mehr (...) 


s&K.’, 


z.B. Volkswagen oder die Bayer AG, 
Rekorde an Gewinnen. Volkswagen 
verdoppelte die Gewinne des Jahres 
995 und Bayer verbesserte den Gewinn 
gegenüber 1995 um 18% und »... steuert 
nach glänzenden Geschäften 1996 er- 
neut(!) ein Rekordjahr an.« (Junge Welt 
Nr. 259, S.7, 6.11.96.) Ebenso zeigt 
sich international diese Entwicklung, 
denn die Globalisierung der Produktion 
verschafft den Großkonzemen riesige 
Gewinne. So konnten die »Global 500«, 
die 500 größten Unternehmen der Welt 
im Jahr 1995 15% und im Jahr 1994 
62% Gewinnzuwachs verbuchen. Diese 


[6] SF 2/97 






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Gewinne leiten sich aber weniger aus 
der Produktion ab, als vielmehr aus 
Spekulationen mit z.B. Wertpapieren 
auf dem Weltfinanzmarkt, In der Pro¬ 
duktion wird mit wachsendem Erfolg 
versucht durch die Verbilligung der Ar¬ 
beit, sogenannter Lohnveredelung, die 
Wirtschaftskriseabzufedem. Die Gelder 
aus der Weltfinanzspekulation werden 
nur geringfügig durch die Investition in 
Maschinen und Fabriken zurückgeführt. 
»Im letzten Jahr wurden nur 62 Pfennige 
von 1 DM eigenen Finanzierungsmitteln 
für Sachinvestitionen genutzt. In wach¬ 



sendem Ausmaß werden die Gewinne 
auf internationalen Finanzmärkten an¬ 
gelegt.« (Hickel 1996: 300) Für die Fi¬ 
nanzierung des sozialen Netzes bleiben 
diese Gewinne unerreichbar und nicht 
besteuerbar, wie bspw. die Löhne, son¬ 
dern bleiben dem Zugriff des Staats 
verschlossen. Die soziale Sicherung 
geht zu Lasten der Arbeiterinnen und 
Angestellten, deren Beschäftigungszahl 
sichtrotz aller Bemühungenbishernicht 
steigern lassen. Und von dieser Zahl 
bängt die Finanzierung der Sozialpoli tik 
im wesentlichen ab. 


Nationaler Sozialstaat im 
Umbruch 

Diegeschilderten Bedingungen zeigen, 
daß die nationalstaatlichen Handlungs¬ 
autonomien, bes. im sozialen Bereich, 
von der Globalisierung maßgeblich an¬ 
gegriffen werden. Den Staaten kommt 
auf Dauer das Nationale abhanden, je 
stärker die Probleme auf supra- oder 
subnationale Ebenen ängesiedelt wer¬ 
den. Am deutlichsten wurde das bisher 
im Zusammenhang mit der Erörterung 
ökologischer Gefährdungen. 

Bob Jessop führt an, daß die »... 
normsetzende (...) Entscheidungsmacht 
nach oben auf supranationale Gremien 
verlagert wird.« Ferner setze eine »Inter¬ 
nationalisierung des Nationalstaates« 
ein. Die nationale Regelung der Sozial¬ 
politik wird unter die »...vermeintlichen 
Imperative des internationalen Wettbe¬ 
werbes.« gestellt. (Jessop 1995:11-13) 

Nachdem der Kapitalismus in eine 
Wirtschaftskrise geriet und der Produk¬ 
tivitätsanstieg ins Stocken kam, wurde 
schließlich auf die »freie Entwicklung 
der Märkte« gesetzt. Der Charakter des 
kapitalistischen Wirtschaftssystems 
wurde bislang durch Interventionen des 
Staates sozial ummantelt, was nun zu¬ 
rückgenommen wird. Mit der Einleitung 
der GATT-Uruguay-Runde 1986 wurde 
auf der supranationalen Ebene begon¬ 
nen, der globalen kapitalistischen Öko¬ 
nomie Schranken und Hindernisse aus 
dem Weg zu räumen. Durch die Welt¬ 
handelsorganisation wird u.a. über¬ 
wacht, ob die Verpflichtungen der Mit¬ 
gliedsstaaten auf nationaler Ebene um¬ 
gesetzt werden. Schlüpfrigkeit des Fi¬ 
nanzwesens und ungezügelte transna¬ 
tionale Ausdehnung, bzw. deren An¬ 
drohung von Unternehmen und Kon¬ 
zernen, werden beschleunigt und setzen 
die Lohnabhängigen aller Länder unter 
Druck, die in den Regierenden ihrer 
Nationalstaaten kompetente Repräsen¬ 
tantinnen ihrer Belange vermuten. 

War die Ökonomie bis vor ca. einem 
Jahrzehntauf den Binnenmarktgerichtet 
und konnte bei nationalen Notfällen 
einer Branche oder von Sektoren staat¬ 
lich rettend eingegriffen werden, so be¬ 
steht transnational keine »weltsoziale 
Umverteilungsinstanz« füreine »Natio¬ 
nalökonomie« (, die)... unter die Räder 
des totalisierten Weltmarkts gekom¬ 
men« (Kurz 1992: 3) ist, um in irgend¬ 
einer helfenden Form tätig zu werden. 



Hier wird »gnadenlos gegen Zins und 
Zinseszins« (ebd.) abgerechnet. 


Marktwirtschaft in 
territorialen. Grenzen? 

Unter dem starken Eindruck der zuneh¬ 
menden Blockbildung (NAFTA/EU/...), 
die Ratifizierung der Verträgeder Welt- 
handelsorganisation(Verbesserungder 
Marktzugänge), der Entstehung des 
Weltkapitalismus und dergleichen, sind 
die territorialen Grenzen der Staaten 
für die Wirtschaft durchlässig gewor¬ 
den. Was also für das Finanzkapital seit 
Mitte der 70er Jahren möglich ist, soll 
nicht nur für Produkte, sondern soll 
auch für ganze Produktionsstätten gel¬ 
ten, indem »...die effektive Außerkraft¬ 
setzung zwischenstaatlicher Grenzen 
für Geld und Kapital« (Neyer 1995:14) 
stattfindet. Hat das Kapital die nationale 
Bodenhaftung aufgekündigt oder mit 
anderen Worten: läßt sich schnell eines 
der »vielen nationalen Beinchen« he¬ 
ben, wenn es unbequem zu werden 
scheint? Wenn »... der Vorsitzende des 
Aufsichtsrates von Daimler-Benz, 
Edzard Reuter, mit der Verlagerung der 
Produktion ins Ausland, vielleicht nach 
Rußland, wo es genug ausgebildete, ge¬ 
sunde und (so hofft man doch) fügsame 
Arbeiter gibt.« (Chomsky 1995: 101) 
droht, zeigt das, wie niedrig die Hürden 
geworden sind. Denn was Herr Reuter 
ankündigt, haben Daimler-Benz schon 
etliche Firmen vorgemacht. Was sich 
zwischen den USA und Mexikoabspielt, 
findet auch tagtäglich zwischen der 
BRD und Polen statt. In Mexiko stehen 
Fabriken in der unmittelbaren Nähe zur 
Grenze, »...in (denen) mit zeitweilig 
importierten Maschinen ebenfalls im¬ 
portiertes Rohmaterial bzw. Halbfer¬ 
tigwaren verarbeitet und/oder montiert 
und die Endprodukte wieder exportiert 
werden« so das »mexikanischeHandels- 
ministerium«. (ila, Nr. 185,5.95 zit.n. 
Klaß 1996:25) Mit diesen Maquiladora- 
Fabriken lassen sich Sozialstandards, 
Steuerabgaben, Umweltbestimmungen, 
Tarife bzw. Gewerkschaften bes. im 
Herkunftsland unterlaufen und unter 
Druck setzen. 

Bei der Betrachtung der BRD/Polen 
Grenze, die der zwischen den USA und 
Mexiko, als Zugangsbarriere für Mi- 
gran(Innen, an Sperr; und Überwa¬ 
chungsanlagen sehr ähnelt, ist zu er- 


SF 2/97 [7] 






kennen, wie stark die Funktion derarti¬ 
ger Grenzen ist. Auf der einen Seite 
schaffen Grenzen erst die Voraussetzun¬ 
gen, um Massen von mobilen Menschen 
abzuschotten oder/und für Industrie¬ 
subventionen, Maßnahmen zur Export¬ 
förderung und Steuerbegünstigungen 
für Besserverdienende u.v.m.. 

Auf der anderen Seite wird das natio¬ 
nale Territorium der Triade zunehmend 
zu einer Art Flickenteppich der Regio¬ 
nen mit speziellen, mehr oder weniger 
gefragten, Standortfaktoren, die eben¬ 
falls um Wettbewerbsfähigkeit buhlen 
und »...um unternehmerisches Engage¬ 
ment werben.« (Härtel 1994/95: 14) 
Das machen sich Unternehmen zu nutze, 
denn sie können »ihre Exportposition 
(...) langfristig (...) nur halten, wenn zu- 

mindestTeileder Wertschöpfungskette 
vom Roh- bis zum Fertigprodukt auf 
den Exportmärkten verankert werden.« 
(Allvater 1996: 1) 

Territoriale, nationale, oppositionelle 
Instanzen schließen nicht zum Vernet¬ 
zungsniveau der Ökonomie auf und be¬ 
werkstelligen nicht gemeinsame Ent¬ 
scheidungen und Übereinkünfte, um po¬ 
litische Eingriffe und Regulationen in 
der Geoökonomie durchführen zu kön¬ 
nen. »Wird man tatsächlich eine inter¬ 
nationale Gesellschaftsordnung nach 
dem Vorbild der Dritten Welt errichten 
können: hochprivilegiertc Wohlstands- 
inscln (teilweise rechtgroße Inseln, etwa 

die reichen Länder) in einem Ozean 
von Elend, totalitär anmutende Macht¬ 
mechanismen innerhalb demokratischer 
Formen, diezunehmend zur bloßen Fas¬ 
sade werden?« fragt Chomsky (1994* 
45 ). 

Für die Ökonomie spielen Grenzen 
immer weniger eine Rolle, aber sie pro¬ 
fitiert entschieden von sozial-gesell¬ 
schaftlichen Auswirkungen der Gren¬ 
zen. 


Standortdiskussion: Eine 
Scheindebatte? 

Ist Wirtschaftsslandort ein »Unwort« 
oder wird der Standort in Zukunft das 
alles entscheidende Kriterium sein, um 
nicht, im kleinen wie im großen, auf der 
ökonomischen Verliercrscitezu enden? 
Oft überwiegt der Eindruck, daß es bei 
der Argumentation vielmehr um den 
Standpunkt als um eine interessenfreie 
Bewertung der Zusammenhänge geht. 


»Das Kapital forscht, produziert, finan- 
ziert oder verkauft eben dort, wo die 
Bedingungen und die Profitmöglich¬ 
keiten am günstigsten sind« stellt Bar¬ 
bara Schreiber (1992: 41) fest. Die 
Standortargumentation gibt den Vertre¬ 
terinnen der ökonomischen Interessen 
ein Druckmittel in die Hand, mit dem 
sich zweifelsohne das Kräfteverhältnis 
verschoben hat, denn »je ungehinderter 
sich Waren-, Dienstleistungs-, Arbeits¬ 
kräfte und Kapitalverkehr entfalten 
kann, desto schwieriger wird es sein, 


»...ein unmittelbarer Vergleich von Pro¬ 
duktionsstandorten möglich gewor- 
den...«. (Rösner 1995: 475) Dabei 
»...sind in der internationalen Arbeits¬ 
teilung des 20. Jahrhunderts eher jene 
Länder bevorzugt, die nicht auf Roh¬ 
stoffexporte angewiesen sind, sondern 
technisch und organisatorisch innovativ 
mit neuen Produkten, produziert von 
qualifizierten Arbeitskräften, auf die 
Weltmärkte drängen können.« (Allvater 
1995: 200) 

Die Problematik liegt in der immer 



nationale Sonderregelungen aufrecht- 
zuerhauen, die die Wettbewerbsfähig. 

i e ^J ewe *ligcn Standortsbeeinträch¬ 
tigen. Eine Angleichung bzw. eineNor- 
mierung, orientiert am niedrigsten Stan- 

1 992V I 4 j]° rpr0grammiert -« (Schreiber 

Nachdem dietechnischen, wirtschaft¬ 
lichen und rechtlichen Bedingungen ent- 
w.ckelt und geschaffen wurden, ist 


weiter auseinanderlaufenden Zweiglei¬ 
sigkeit der sozialen und der ökonomi¬ 
schen Voraussetzungen. Während die 
politische Seite alles unternimmt, der 
Geoökonomie die Wege zu ebnen, in- 
dembspw. 128 Länder in Uruguay 1994 
em Übereinkommen über das Allge¬ 
meine Zoll- und Handelsabkommen 
( ATT) erzielten, treten auf der anderen 
Seite nationale Bündnisse zusammen, 


[ 8 ] SF 2/97 












um die sich verschärfenden sozialen 
Tendenzen in geregelte Bahnen zu len¬ 
ken. Der Prämisse Wirtschaft werden 
im ökonomischen Denken die sozialen, 
ökologischen Kostenfaktoren (Bildung, 
Krankenversorgung, Gesundheitsfür¬ 
sorge, Arbeitslose, Umweltsanierung, 
Umweltschutz, usw.) nachgeordnet. 

Wegbrechen 

sozialstaatlicher 

Grundpfeiler 

Die wesentlichen Wirkungsbereichedes 
Nationalstaats sind, laut Altvater, die 
Abschirmung »negaliverTendenzcn des 
Weltmarkts«, die Gewalt über die Sen¬ 
kung oder Erhöhung der Zinsen und die 
»nationalstaatliche Bildung der Löhne 
(•••) Wechselkurse undPreise«.(Altvater 
1995: 524 ff) Diese Bereiche haben 
sich der nationalstaatlichen Wirkung 
entzogen. Die nationale Währungsauto¬ 
nomie entfiel, was zum Verlust des 
»monetären Flankcnschutz« (Hankel 
1992: 2) des Nationalstaates führte. In 
diesem kausalen Zusammenhang 
wächst das Unvermögen, den Wohl¬ 
fahrtsstaat zu schützen und die Beschäf- 
tigung positiv zu beeinflussen. D.h. der 
Nationalstaat hat die wirtschaftliche 
Souveränität verloren und die soziale 
Identifikation wird aufgegeben. »Die 
Souveränität von Nationalstaaten be¬ 
steht in der Einsicht der politischen 
Klasse in die Wcltmarktzwänge und in 
die Fähigkeit, ihnen mit einer Wcltbc- 
werbsstratcgic Folge zu leisten.« (Alt- 
vatcr 1994a: 218) 

»Diese beruht auf neuen Formen der 
innerbetrieblichen Organisation, daß 
heißt »Aufwertung der Arbeit«, Grup¬ 
penarbeit, Qualitätszirkel, verantwort¬ 
liche Einbindung »schlanker« Lohnab- 
hängigenkeme in den Produktionspro¬ 
zeß sowieeiner technologischen Offen¬ 
sive, die sich auf die Einführung neuer 
Informations-und Datenver-arbeitungs- 
techniken sowie auf neue Produkte und 
Verfahren - zum Beispiel bei der bio¬ 
technologischen Umstrukturierung der 
Agrarproduktion - stützt« faßt Joachim 
Hirsch (1995: 22) die Wettbewerbs¬ 
strategie zusammen. Inwieweit es für 
diese Vorhaben Legitimität geben wird, 
bleibt abzuwarten. Mit dem Argument 
der (sclbslgeschaffenen.d. Verf.) welt¬ 
ökonomischen Zwangslage und der 
Verantwortungsschmälerung der »na¬ 


tionalen Volkswirtschaften«, die sich 
aus der Vernetzung in den »triadischen 
Wachstumspole(n)« (Jessop 1995:22) 
ergibt, lassen sich derartige Strategien 
evtl, durchsetzen. Auf die Staaten kom¬ 
me die Aufgabe zu, die »Anforderungen 
der Konkurrenz« zu erfüllen und die 
»nationale Ökonomie« ... und die Ge¬ 
sellschaft fit zu machen für diese Kon¬ 
kurrenz.« (Deppe 1995: 14) 

Unverhohlen zeigt sich, was nach 
dem Systemwettbewerb übrigbleiben 
soll: 

teilsubventionierte, schrankenlose 
Ökonomie, deren Gewinne privatisiert 
bleiben und deren Verlustsektoren ge¬ 
sellschaftlich getragen werden. 


Parlamentarische 

Resonanzverstärkung 

Die Koalition spricht in ihrem »Prog¬ 
ramm für mehr Wachstum und Beschäf¬ 
tigung« von »...einem entschlossenen 
Stabilisierungskurs (...) zur notwendi¬ 
gen (!) Vertrauensbildung...«, was be¬ 
deutet, daß vieles, was Betriebe oder 
Besserverdienende belasten könnte, ver¬ 
ändert wird, und all die Bereiche, die 
unter diesen Ebenen liegen, besteuert 
werden (z.B. Rentenversicherungs¬ 
pflicht während des Studiums bei gegen 
Entgelt Beschäftigten) oder Kürzungen 
unterliegen. Ob sich die SPD-Politiker- 
Innen für die Senkung des Spitzen¬ 
steuersatzes aussprechen oder Teile der 
Bündnisgrünen Wohlstandsverzicht 
einfordem, der schon vermuten läßt, 
welche Bevölkerungsgruppen davon als 
erste betroffen sein werden, immer geht 
es um die Durchsetzung einer Akzep¬ 
tanz für das neue Erscheinungsbild des 
Kapitalismus. 

Gleichwohl widerstrebt es Teilen der 
Bevölkerung, sich dem Druck der kapi¬ 
talistisch-ökonomischen Sachzwänge 
zu beugen, die ständig von den Poli¬ 
tikerinnen wiederholt werden, ohne de¬ 
ren Ursachen und Entstehung gleich 
mit zu nennen. Die Durchsetzung einer 
Akzeptanz für das neue Erscheinungs¬ 
bild des Kapitalismus steht im Vorder¬ 
grund. Die Konflikte werden härter, die 
Mitsprachemöglichkeiten aber nicht 
breiter. »Die ihr (der Verfassung, d. 
Verf.) innewohnende Beharrungskraft 
soll dem stetigen Wandel der Gesell¬ 
schaft und der Politik ein Gerüst einzie¬ 
hen und Grenzpunkte markieren« 


schreibt Wolfgang Schäuble (1996: 
12) und beklagt, daß Politik in zuneh¬ 
mendem Maße durch Konstitutionali- 
sierunggebremstwerde.DieVerschlan- 
kung des Staates und der demokrati¬ 
schen Strukturen verbessert die Ab¬ 
wehrmöglichkeiten gegen Interessen¬ 
gruppen, die versuchen, sich der Dyna¬ 
mik entgegenzustellen, und Gewaltan¬ 
wendungen können durch den Mythos 
Globalisierung wie ein Naturgesetz le¬ 
gitimiert werden. Ist das »weniger De¬ 
mokratie wagen«, wie Schäuble diese 
Tendenz beschreibt, nicht eher ein Zei¬ 
chen, daß die Grenzen schon erreicht 
sind und wegen fehlender demokrati¬ 
scher Partizipation der letzte Weg, die 
Klage vor dem Bundesverfassungsge¬ 
richt, immer häufiger wahrgenommen 
werden muß? 


Endlose Geschichte des 
Kapitalismus 


Das Ende der Geschichte wurde ver¬ 
mutet und der Kapitalismus als die ein¬ 
zig mögliche Wirtschaftsform postu¬ 
liert. Es ist gut hundert Jahre her, daß 


Neuerscheinungen 


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deveranstaltung eines 
Regierungspolitikers? 
Welche Möglichkeiten 
gibt es im Rahmen von 
repräsentativen Staatsereignissen oder gegen 
den ganz alltäglichen Rassismus? Prinzipien, 
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me der internationalen 
Solidarität, internationa¬ 
listische Militanz, »Poli¬ 
tical correctness«. Beiträge von Neville Alex¬ 
ander, Christiha Thürmer-Rohr, Henning Mel¬ 
ber, Joachim Hirsch, W.-F. Haug, Frank Deppe, 
Claudia Koppert, Claudia Fregiehn/Oliver Tol- 
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SF 2/97 [9] 






eine politische Klasse begann, eine So¬ 
zialpolitik auf den Weg zu bringen, und 
mit ihrer wachsenden Bedeutung konnte 
sie soziale Forderungen gegen die Inte¬ 
ressen der Kapitalistlnnen durchsetzen. 
Der heutige Prozeß ist umgekehrt, denn 
die Sozialpolitik droht ohne entspre¬ 
chende Lobby und dem herrschenden 
Kapitalismusglauben in die Bedeu¬ 
tungslosigkeit zu sinken. 

Der politische und wirtschaftliche Teil 
derGesellschaft, verkörpert durch Kon¬ 
zerne, Banken, Untemehmensverbände 
und Politikerinnen und zum größten 
Teil auch der Gewerkschaften, versucht 
als Lösung der anhaltenden Kriseneben 
der Verbilligung der Arbeit, die Daseins¬ 
versorgung seitens des Staates abzu¬ 
bauen. In jedem Lebensbereich werden 
Normen der kapitalistischen Ökonomie 
eingefordert, so daß immer öfter die 
Nutzen-Kosten-Relation angelegt wird, 
um die Akkumulationskrise zu über¬ 
winden. Das ist im kulturellen, medialen 
oder im universitären Bereich zu beo¬ 
bachten. Dabei wird die Entwicklungs- 



J Anita wirklich ein Verhältnis mit 

Chefarzt Fleischhauer? Und ist Emil 
Ider Mörder des bezaubernden Taxi- 


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richtung mit auffallender »freiwilliger 
Unterwerfung« (Hirsch 1995 b: 162) 
getragen. Die Gesellschaften tendieren 
dazu sich dem ungehemmten globalen 
Kapitalismus unterzuordnen, ohne in 
dem Zusammenhang nach dessen Ent¬ 
stehung zu fragen und damit auch den 
Ursachen derrealen oder vermeintlichen 
Zwänge näher zu kommen. 

Um Alternativen ist es in der Tat 
schlecht bestellt, zumal nach dem 
Systemumbruch des Ostblocks andere 
Politik- und Wirtschaftsformen undenk¬ 
bar erscheinen und ein »... fatalistisches 
und (...) radikal antiutopisches Bewußt¬ 
sein...« (ebd.) besteht. Andererseits wird 
die jetzige Entwicklung gern als revo¬ 
lutionäre Veränderung aller Lebensbe¬ 
reiche beschrieben und »... ein inter¬ 
ventionistisch (...), (aber) vor allem in 
seinen Eingriffs-, Überwachungs-, und 
Kontrollmöglichkeiten entscheidend 
erweiterter Sicherheitsstaat« (Hirsch 
1995 b: 160) als entsprechende Beglei¬ 
terscheinung glorifiziert. 


Utopische 

Weltsozialgesellschaft 

Die Symptome, die dem Weltmärkte! 
stammen und von einer Politik verstäi 
werden, die»... der internationalen Kc 
kurrenz höchste Priorität einräumt u 
nicht mehr durch Rücksicht auf B 
schäftigungsstand und soziale Belan 

(»Sozialklimbim«, »sozialcHängemi 

te«, »Freizeitpark« etc.) ...« (Altval 
1994 b: 525) gekennzeichnet ist, n 
nationalstaatlichen Vorschlägen zu b 
antworten, wirkt absurd. 

Die Wirtschaft vernetzt sich zune 
mend in den globalen Zentren ab 
eine Einigung auf Sozialstandar, 
kommt nicht zustande. Globale Ar 
Worten können nur von den Gewer 
schäften ohne deren »Co-Manag 
ment«, sozialen Bewegungen, den A 
beitslosen u.a., mit internationale 
Selbstverständnis, entwickelt u. 
durchgesetzt werden. 

Die Ausschlußmechanismen bei d 

eteiligung an Fortschritt und Wo! 
stand des Kapitalismus zurückzi 
drangen, wäre das eine und hielte a 
bestehenden Wirtschaftssystem fe< 
Das andere wäre eine Weltsozialora 
nisation, die als Dachorganisation eir 
Demokratisierung und Sozialisier™ 
der Gesellschaften bewirken kann un 


die Verwurzelung der Gewerkschaften, 
Arbeitnehmerinnen und generell Lohn¬ 
abhängigen, dieanEinfluß immermehr 
einbüßen und von Entscheidungen mul¬ 
tinationaler Unternehmen immer ab¬ 
hängiger werden, aufzuheben in der 
Lage wäre. 

Die fehlende Intemationalisierung der 
Klassen der Lohnabhängigen verhindert 
eine globale Absprache untereinander. 
Daß z.B, Belegschaften wie bei VW ge¬ 
schehen, gegeneinander ausgespielt 
werden, ist unter den heutigen Umstän¬ 
den schwer abzuwenden. Durch eine 
internationale Organisierung würde der 
zunehmenden Monopolisierung des 
Kapitals, dessen Klassen sich über die 
WTO und anderen Institutionen ab- 
sprechen, auf der anderen Seite Rech- 
nung getragen und die Durchsetzungs¬ 
kraft der Lohnabhängigen gestärkt bz w. 
verbessert. »Arbeit wird weltweit billig 
wie Dreck« und international setzen 
sich die niedrigsten Standards durch, 
wenn jegliche Gegenbewegung nationa¬ 
listisch und unsolidarisch verhaftet blei¬ 
ben sollte. 

Uber eine Weltsozialorganisation 
könnte es gelingen, die Gewinne der 
Konzerne einer Verteilung in die Ge¬ 
sellschaften zuzuführen und sie evtl, 
steuerlich greifbar zu machen. Das 
schließt eine Ausformung von Macht¬ 
mittel zur Durchsetzung sozialer Be¬ 
lange mit ein. Eine Antwort auf die wie¬ 
derkehrenden Krisen des Systems könn¬ 
te auch heißen, sich gemeinsam an die 
Konzeption eines Neuen zu machen, 
als die Krisen auf Kosten der Schwachen 
zu verwalten. 

Lassen sich die eigenen Interessen 
von anderen vertreten und können statt 
der Arbeitenden, Arbeitslosen, Ange¬ 
stellten und dgl. m. in der Politik andere 
sogenannte Repräsentantinnen diese 
Aufgabe übernehmen? 


Das Ende herbeiführen! 

Sind wir schon in die »Global isierungs- 
falle« getappt? Das Ringen um den 
Erhalt von Sozialleistungen, wie kürz¬ 
lich in Frankreich und anderen europäi¬ 
schen Ländern, zeigt, daß sich (noch?) 
Widerstand regt. 

Es ist sch wer zu beurteilen, ob das die 
letzten Zuckungen sind, weil der gesell¬ 
schaftliche Korpus schon in Individuen* 
zerlegt ist. Oder werden sich daraus 
z.B. Erkenntnisse ableiten, daß den glo- 


[10] SF 2/97 














balen Fallenstellern möglicherweise nur 
mit einer internationalen Widerstands¬ 
formation effektivEinhaltgeboten wer¬ 
den kann. Wieso kommt es nicht min¬ 
destens in Europa zu einem solidari¬ 
schen Netz der Gewerkschaften, wel¬ 
ches dem Konkurrenzgerangel bei der 
Beschaffung von Aufträgen in den Be¬ 
trieben ein Ende bereitet? Statt dessen 
wird überwiegend versucht bestehende 
Arbeitsplätze zu verteidigen. Ist es nicht 
höchste Zeit, daß auch Arbeitslose eine 
gewerkschaftliche Politik eröffnen? 

Daß wir auf »... die historische Soll¬ 
bruchstelle zu (treiben) ... an der ein 
Umschwung erfolgt (, ...der)... ein Um¬ 
schwung in die Katastrophe sein kann 
♦..« (Zinn 1993:26) ist bei der Bearbei¬ 
tung der Fragestellung hervorgetreten. 
Wir befinden uns mitten drin. Inwieweit 
in diesem Umschwung eine Determi¬ 
nation vorliegt, daß wir das latent Bruch¬ 
hafte als Ganzes nicht ersetzen oder re¬ 
formieren können, bleibt offen. Eine 
affirmative Antwort würde schließlich 
Hoffnungslosigkeit bedeuten, minde¬ 
stens für alle, die unter den bestehenden 
Verhältnissen leiden oder langsam zu¬ 
grunde gehen. 

Wenn wir eine allgemeine Unzufrie¬ 
denheit mit dieser Form oder mit dem 
Kapitalismus überhaupt voraussetzen 
können, fragt sich, wie es gelingt, daß 
sich eine unmenschliche und naturfeind¬ 
liche Daseinshaltung festigen kann? 

Da es, wie Altvater feststell t,»... keine 
systemimmanente Grenze, an der kapi- 
tolisüsches Wachstum aufhört (gibt) und 
die Expansion stoppt, selbst wenn äuße¬ 
re Grenzen erreicht worden sind ...« 
(Altvater 1994a: 222 ), kann an die Stelle 
einer aktiven Abänderung nur das 
schicksalsergebene Warten auf die Ka¬ 
instrophe treten. 


Anmerkungen 

1 Unter neoliberalem Theoriegebäude mit 
verbesserter Koordinierung und zen-__ 
tralen V erwal tungsstellen der W el töko- 
nomie (WTO/Gatt, G 7 »Internationaler 
Währungsfond, Weltbank) wurden und 
werden, ohne öffentliche Kontroll- oder 
Mitsprachemöglichkeiten, bedeutungs¬ 
volle Entscheidungen gefällt, die 
zwangsläufig bis auf die nationale Ebene 
durchschlagen. Dennoch sind die Wir¬ 
kungen für die nationalen Regierungs¬ 
vertreterinnen nicht überraschend, die 
zu den Unterzeichnerinnen der Schlu߬ 


dokumente des Gatt - Vertragswerks 
gehören. Daher kann es kaum verwun¬ 
dern, daß der Gesellschaft eine parla¬ 
mentarische Verstärkung der Ökonomi¬ 
schen Kräfte widerfährt. 

Ist dadurch nicht eine Tendenz 
vorgegeben, wohin die Reduzierung des 
Sozialen in den Nationalstaaten führen 
wird? Während von den Regierungs¬ 
vertreterinnen der 128 Unterzeichner¬ 
staaten eine Wel thandelsorganisation ins 
Leben gerufen worden ist, steht der So¬ 
zialpolitik nichts derartiges zur Verfü¬ 
gung. 

2 Weder Gewerkschaften noch irgend¬ 
welche Nichtregierungsorgansationen, 
sehen sich in der Lage oder sind Willens, 
eine internationale Institution zu schaf¬ 
fen, an der die Kräfte und Zwänge des 
Marktes nicht vorbeikönnen. Von den 
Regierungen kann eine derartige Initia¬ 
tive nicht kommen. Die Meldungen über 
Rekordgewinne und Rekordjahre der 
Konzerne reißen nicht ab. Derartige Tat- 
sachen tangieren aber die Beschäfti¬ 
gungs-Verhältnisse. 

3 World trade Organisation / General 
Agreement on Tarifs and Trade»... Süd¬ 
korea, Sinapur, Taiwan, Honkong, Ma¬ 
laysia, Thailand, Indonesien, schließlich 
China.« (Bischoff 1996: 3) 

4 Bspw. die gen technische Patentierung 
der Ureinwohnerlrmen der Philippinen. 

5 Wertschöpfung: Die von den einzelnen 
Wirtschaften (Landwirtschaft, Industrie, 
öffentliche Verwaltung usw.) innerhalb 
einer Rechnungsperiode durch den Ein¬ 
satz von Arbeit, Kapital, Bodennutzung 
neugeschaffen Werte, die zu dem vor¬ 
handenen Vermögen dazukommen. Ws. 
umfaßt Gehälter, Löhne, Zinsen für 
Fremdkapital und Betriebsgewinne. 

6 »Grundlage ist eine technologische Ver¬ 
änderung in den Verkehrs-, Informa¬ 
tions-, und Kommunikationssystemen, 
mit denen eine Verschlankung des Wert- 
schöpfungsprozesses, eine Individuali¬ 
sierung der Produkte und eine engere 
Verzahnung der Produktions-, Ver¬ 
triebs- und Logistik-Standorte auf ver¬ 
schiedenen Kontinenten angestrebt wer¬ 
den kann.« (Bischoff 1996:5) 

7 Vgl.: Schäfer 1996: 91 

8 Ein »Nationalstaat« ist innerhalb eines 
klar abgegrenzten Territoriums organi¬ 
siert und wird von den meisten anderen 
Staaten als der formelle Souverän in 
diesem Territorium anerkannt. Seine po¬ 
litischen Subjekte bilden eine staats¬ 
bürgerliche Nation oder eStaatsnationi 
(d.h. sie sind den allgemeinen Gesetzen 
unterworfen, sprechen die offizielle(n) 
Sprache(n), identifizieren sich mitein¬ 
ander als Landsleute und erkennen in 
ihrem Territorium den Staatsapparat als 
legitime Autorität an).« (Jessop 1995: 
14) 


9 »Maquila« war in der Kolonialzeit das 
Mahlgeld, das der Müller für seine Arbeit 
erhielt. So steckt in Maquiladora der 
Gedanke an eine Teilarbeit, die integriert 
ist in einen größeren, andernorts ge¬ 
steuerten Produktionsprozeß (ila, Nr. 
185,5.95 zita Klaß 1996:25) 

10 »Die Territorialität des Nationalstaats 
wird “entbündelt”« (Altvater 1994a: 
218) 

11 Abbau von Versorgung und Versiche¬ 
rungen, Einschränkungen von Rechten» 
Verschlechterung von Arbeitsbedingun¬ 
gen etc. 

12 Horst Afheldt in einem Interview im 
SPD-Mitgliedermagazin Vorwärts im 
Januar ‘96 



Themenheft 3/97 

Daten & Fakten 

Mit Beiträgen von u.a.: 

• Christian Schmidt: 
Bundeswehr out of area 

• Ralf Bendrath: 

NATO und WEU 

• Martin Beck: 

Polizei in den 90ern 

• Harald Nuding: 
Militärausgaben Deutschlands 

• Frank Thomas: 
Bundesnachrichtendienst 

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Frauen in der Bundeswehr 

Abo: (9 Normal-/ 3Themenhefte) 

DM 50, Ausland: DM 60. Themenheft: 
DM 5 (+Porto). Probeheft gratis. 
WWW: http://fub46.zedat.fu-berlin.de: 
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Bezug: Telefon/Fax: ++30-215 10 35 
e-mail: ami@zedat.fu-berlin.de 
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antimilitarismus 

Information 


SF 2/97 [11] 



MACHT UND HERRSCHAFT TEIL IV 



Globalisierung, Neustrukturierung 
des Weltmarkts mit verschärften kapi¬ 
talistischen Produktionsbedingungen, 
einhergehend mit einer sich durchset¬ 
zenden Liberalisierungs- und Deregu¬ 
lierungspolitik, unterzieht die existen¬ 
ziellen Rahmenbedingungen einer eige¬ 
nen speziellen Dynamik. Was Anhän¬ 
gerinnen eines neo-liberalen Pragma¬ 
tismus frohlocken läßt, weil diese eine 
neue Ära prosperierender und wach¬ 
sender Wirtschaft heraufziehen sehen, 
wirkt sich für andere katastrophal aus: 
Zunehmende soziale Ungleichheit, 
wachsende Verteilungskämpfe und 
soziale Konflikte, ansteigende Flucht 
und Migrationsbewegungen. 

Unter der Dynamik der Globalisie¬ 
rung scheint sich die Bedeutung natio¬ 
naler ökonomischer Steuerungsregula¬ 
rien zu verändern, die staatlichen Rah¬ 
menbedingungen zunehmend den Be¬ 
dürfnissen eines global operierenden 
Kapitals unterzuordnen und anzupas¬ 
sen. 

Es ist schwierig zwischen realen Mo¬ 
menten ökonomischer V eränderung und 
der Fiktion eines bedrohlichen Szena¬ 
rios zu unterscheiden, das die Globali¬ 
sierung zum übermächtigen Faktor 
werden läßt, der jedwede herkömmliche 
Machtstruktur unterzuordnen scheint 
und der den Menschen zu verstehen ge¬ 
ben will, sie seien einem unabwendba- 


Anm. der Red.: Vorliegender Text mußte 
aus Platzgründen erheblich gekürzt werden. 
Er wird in seiner ursprünglichen Form 1998 
in Buchform erscheinen. 


Menetekel Globalisierung 

von Michael Wilk ~ 


Globalisierung wirkt somit dual 
nicht nur auf der Basis realer Struktur 
Veränderung, sondern ebenso auf ide 

eller, besser propagandistischer Ebene 

»Allein der Markt regiert. Eine neui 
industrielle Revolution bricht an: Ka 
pitalismus ohne Grenzen. Der weltweit* 
Wettstreit um Jobs und Löhne wird da: 
Leben radikal verändern. Hilflos stehei 
nationale Regierungen, die allein da: 
Wohl ihres Landes im Auge haben 
Konzernen und Anlegern gegenüber 
die längst global denken. Verliert di( 
Politik ihre Macht?«(Spiegel,Nr. 39,9.96 

Alle sind unterworfen, alle müsser 
sich beugen, selbst die Regierunger 
(die nur das Beste wollen !!!) müsser 
sich unterordnen. Das ist bitter, Wenr 
schon die Mächtigen ohnmächtig sind- 
was soll der/die Einzelne da noch aus- 
richten. Besonders bemerkenswert in 
der Darstellung des Spiegel- der als 
so eher implizierte Interessengegensatz 
zwischen nationaler Regierung und 
Konzernen. Die BRD als Opfer einer 
Konzemverschwörung ? 

Die ökonomische Struktur der BRD 
mit einer Vielzahl transnational operie¬ 
render deutscher Konzerne ist mitnich¬ 
ten Opfer, sondern integraler Bestandteil 
weltwirtschafüicher Prozesse. Entga- 
rantierung, Destabilisierung und Abbau 
sozial-staatlicher Versorgung sind ge¬ 
wollt, entsprechen diesem Kontext und 
erfolgen keineswegs unter dem Zwang 
der Verhältnisse, wie den Untertanen 
glaubhaft gemacht werden soll. 

Die Klage deutscher Industriemag¬ 
naten und Wirtschaftsführer über uner¬ 
träglich hohe Lohn- und Lohnneben¬ 
kosten klingt angesichts des ökonomi¬ 
schen Potentials der Unternehmen wie 
blanker Hohn. »Nicht nur liegen die 

Lohnstückkosten,die diegesammte Ar- 


beitskostenbelastung umfassen (Quo¬ 
tient aus Lohnkosten pro Arbeitsstunde 
und Stundenproduktivität der Beschäf¬ 
tigten) in Deutschland 1995 niedriger 
als in allen anderen Industrienationen 
(USA, Japan, Großbritanien, Frank¬ 
reich), sondern sie sind auch noch seit 
1993 stärker gesunken als in drei der 
anderen Nationen.« (J.Huffschmid,n. 
Klartext, IG Medien Wiesb. 3/96) 

Die deutsche Wirtschaft, die am Bei¬ 
spiel der Exporte seit Jahren einen der 
Spitzenränge belegt, konnte, trotz einer 
DM-Aufwertung und der damit verbun¬ 
denen Preissteigerung der Produkte um 
ca. 30 Prozent in den letzten 6 Jahren, 
ihre Position und damit ihre Gewinne 
sichern. (Huffschmid) 

Das Streben nach Profitmaximierung 
und die gleichzeitige Minimierung der 
Unkosten ist an sich nichts Überraschen¬ 
des- so sehr jedoch Ausbeutung auf der 
einen Seite hemmungslos im weltweiten 
Rahmen betrieben wurde, so sehr war 
auf der anderen Seite die deutsche 
Arbeitnehmerinnenschaft im Rahmen 
sozialpartnerschaftlicherGepflogenhei- 
ten vor härtester Ausbeutung geschützt 
und über soziale Sicherungssysteme vor 
dem tiefen Absturz relaüv abgesichert. 
Neokolonialistische Wirtschaftsbezie¬ 
hungen gereichten im Rahmen der alten 
Weltwirtschaftordnung so nicht nur 
Banken und Großkonzemen zum Vor¬ 
teil, sondern verschafften der Bevölke¬ 
rung der Industrienationen das Privileg 
über ein relativ hohes Einkommen am 
Konsumder Warengesellschaftbeteiligt 
zu sein. Soziale Auseinandersetzungen 
in Westeuropa, ist unter diesen Voraus¬ 
setzungen immer auch gekennzeichnet 
durch das Bemühen um Besitzstands¬ 
wahrung. Die Globalisierung der Wirt¬ 
schaft und die damit einhergehende 
Umstrukturierung des sozial-ökonomi- 


[12] SF 2/97 



sehen Gefüges weckt Befürchtungen 
bei denen, die um ihre gewohnte S icher- 
heit und Konsumkraft bangen. 

Befürchtet wird nicht nur ein ins 
ökonomischer Hintertreffen geratener 
Stand-ort Deutschland, sondern ein 
Zusammenbruch des sozial-politischen 
Kontext: Die Furcht vor Verlust 
gewachsener sozial-ökonomischer 
Strukturen, und die Gefahr, der 
Deklassierung anheimzufallen, scheint 
begründet und wirkt als Disziplinie¬ 
rungsinstrument. Aber genau da besteht 
der Unterschied zwischen z.B. westeu¬ 
ropäischen und den Ländern des Südens: 
Eben darin, etwas zu verlieren zu haben, 
was ein angestammtes Recht zu sein 
scheint: konsumieren zu können, sozial 
abgesichert zu sein und eine Rente und 
Versorgung im Krankheitsfall erwarten 
zu können- im Gegensatz zu denjenigen, 
die dies alles nicht, oder nur sehr einge¬ 
schränkt für sich in Anspruch nehmen 
können. Diebei der Auseinandersetzung 
um den Standort Deutschland so in den 
Vordergrund gedrängte Lohnkostendis¬ 
kussion, läßt den Mitbewerber z.B. aus 
Polen immer als Konkurrent und nie als 
solidarischen Mitstreiter erscheinen. 
Was für die einen als Bedrohung ihres 
Wohlstands darstellt, ist für die anderen 
möglicherweise die -wenn auch trüge¬ 
rische- Hoffnung Anschluß an die Seg- 
nungen des Kapitalismus zu finden, 
worunter genau jene Qualitäten ver¬ 
standen werden, die jetzt perfiderweise 
postfordislisch gefährdet sind. 

Globalisierung trifft somit auf unter¬ 
schiedliche Opfer, spaltet sie weiterauf, 
entsolidarisiert und hetzt sie gegenei¬ 
nander. Globalisierung ist also nicht 
nur ein Prozess, der reale ökonomische 
Bedingungen verändert, sondern ebenso 
die Vorstellung, Phantasie, Angst und 
Hoffnung von Menschen; eine Fiktion 
die massenspychologisch eine eigene 
Dynamik entwickelt. (...) 

Für die BRD bedeutet dies, daß die 
momentane Regierung nicht unter 
ökonomischer Not der Großunter¬ 
nehmen zum Ausdünnen der sozialen 
Sicherungen gezwungen ist, sondern 
sie arbeitet in enger Koordination und 
unter Ausnutzung allgemeiner Ängste 
und unter Benutzung der Standorthys- 
tCr ie, zusammen mit Arbeitgeberver¬ 
bänden, an der Maximierung der Ge¬ 
winne. Was gegenüber der Öffentlich¬ 
keit als Zwang dargestel 11 wird, ist weit¬ 
aus weniger ein schicksalhaftes sich 


Foto: Umbruch-Bildarchiv 

fügen müssen, sondern vielmehr die 
Chance aus einer S taatskonzeption aus¬ 
zusteigen, deren integrative und ver¬ 
sorgende Bestandteile zu unprofitabel 
erscheinen. Zur Disposition gestellt wird 
somit auch ein Herrschaftskonzept, 
dessen soziale Sicherungsmaßnahmen 
systemstabilisierend wirken. 

Regierungen und Kapital verfügen 
durch die Globalisierung der Märkte 
über ein hochwirksames Instrument und 
Argument zur Deregulierung. In wie¬ 
weit dieses genutzt und umgesetzt wird, 
ist jedoch nicht nur von den Erforder¬ 
nissen dieses Globalmarkts und seiner 
Mechanismen abhängig, sondern eben¬ 
so von den nationalen Bedingungen des 
jeweiligen Machtzentrums. Die Gege¬ 
benheit, daß sich der Kapitalismus zu¬ 
nehmend transnational strukturiert, 
heißt nicht, daß er sich von seiner natio¬ 
nalen Basis abwendet. Im Gegenteil, 
ein global operierender Konzern bedarf 
weiterhin stabiler nationaler Strukturen, 
eines funktionierenden Staates mit re¬ 
gionalen und kommunalen Institutio¬ 
nen, im Bedarfsfall auch militärischer 
und polizeilicher Absicherung 

Basis kapitalistischer Verwertung 
bleiben bis auf weiteres national gefasste 
sozial-ökonomische Strukturen, deren 
jeweiliger Wandel eine spezifische Dy¬ 
namik und Struktur erhält. Deregulie¬ 
rung und Entgarantierung sind so zwar 
durchgängig zu verzeichnen, wirken 
sich jedoch nach Ausmaß und Aus¬ 
gangssituation sehr differenziert aus¬ 
eben nicht nur abhängig von den theore¬ 
tischen Möglichkeiten der Profitmaxi¬ 
mierung, sondern ebenso abhängig von 
Aspekten der Sicherheit, des Machter¬ 
halts, der Einbindung und letztlich auch 
vom Widerstand gegen verschärfte 
Ausbeutung. 

Die Staaten hoher wirtschaftlicher 
Potenz haben, im Gegensatz zu den 
Ländern mangelnder wirtschaftlicher 
Attraktivität, die Möglichkeit spezi¬ 
fischer auf den Globalisierungprozess 
zu reagieren. 

DieKonzeptenanonaZ-ökonomischer 
Verbundsysteme am Beispiel des Euro¬ 
markts oder auch der NAFTA werden 
durch Globalisierungstendenzen nicht 
aufgehoben, sondern werden von den 
beteiligten Staaten weiter mit Hoch¬ 
druck betrieben. Regional protektio¬ 
nistische Züge sind dabei durchaus e;in 
Merkmal im Kampf um Marktvorteile 
in der Auseinandersetzung zwischen 



den vorherrschenden kapitalistischen 
Zentren. 

Die USA auf dem amerikanischen 
Kontinent, Europa unter der Füh¬ 
rungsmacht BRD und Japan in Femost, 
versuchen weiterhin zur Stärkung ihrer 
Position regionale Einflußsphären aus¬ 
zubauen undabzusichem. Das jeweilige 
Vorgehen ist dabei durchaus unter¬ 
schiedlich: steht bei der amerikanischen 
NAFTAdieeher an ökonomischen Ge¬ 
sichtspunkten orientierte Freihandels¬ 
zone deutlich im Vordergrund, so geht 
es in der EU auch um eine politisch 
strukturelleEtablierung. Die sozio-öko- 
nomische Realität der verschiedenen 
Gesellschaftmodelle weicht erheblich 
von einander ab. Gewachsene Struktur 
staatlich -gesellschaftlicherRegularien, 
sei es das Verhältnis Bürgerinnen/Staat 
oderauch sozio-kulturellc Bedingungen 
führen zu unterschiedlichen Reaktionen 
auf die veränderten globalisierten öko¬ 
nomischen Bedingungen. 

Zweifellos wachsen auch in den 
Staaten Zentral-und Nordeuropas die 
sozialen Ungleichheiten und es zeichnen 
sich verstärkt gesellschaftliche Diffe¬ 
renzierungen und regionale Verwerfun¬ 
gen ab. In den Ländern mit einer sozial¬ 
partnerschaftlichen Tradition geht diese 
Entwicklung jedoch von einem, im 
internationalen Maßstab, sehr hohen 
sozialen Niveau aus. Das heißt, daß die 
strukturellen Sicherheitsnetze einen 





Foto: Sabine Adorf/Version 



I vergleichsweise hohen Standart besit- 

; zen und somit einen relativ breiten 

Spielraum zur Ausdünnung anbieten, 
aber auch noch (zur Zeit) soviel Netz 
| übriggelassen werden kann, daß der 

* Sturz ins Bodenlose vermieden wird. 
Es verschärft sich die Polarisierung, 
aber ein völliges Auseinanderdriften 
der Sozialstruktur kann vorerst ver- 

; mieden werden. 

Die besonderen historischen Bedin- 

• gungen, die zu einer speziellen Ent¬ 
wicklung des Kapitalismus in einigen 
europäischen Ländern geführt hat, sind 
nicht einfach auf andere Länder über- 

I tragbar. Die Tendenz, daß neoliberale 

1 Bestrebungen sich hier (von der Periode 

| des Thatcherismus in GB einmal abge- 

! sehen) langsamer und modifizierter auf 

ökonomische/soziale Regularien aus¬ 
wirken, als z.B. in den USA, heißt noch 
nichts in Bezug auf den Ausgang des 
Rennens, um den Sieg in der nächsten 
Etappe, im Kampf um Märkte und 
! Gewinne. 

»Tatsächlich scheint sich das herr¬ 
schende imperialistische Konkurrenz¬ 
verhältnis zwischen verschiedenen ka¬ 
pitalistischen Gesellschaftssystemen zu 
entwickeln. Welches dieser Zentren sich 
! lctztendlich als dominierend durch- 

j setzen wird ist durchaus offen. Offen ist 

j allerdings auch, ob sich die regionalen 


-- waw ncuuoe- 

ralen Globalisierungspolitik durchhal¬ 
ten lassen.« (J.Hirsch,Die Restrukturie¬ 
rung des kapitalistischen Weltsystems, Die 
Beute 2/96) »Der ökonomische Erfolg 
der südostasiatischen Tiegerstaaten 
könnte im übrigen darauf hinweisen, 
daß nicht dem demokratisch-sozialen, 
sondern dem dort herrschenden autori¬ 
tären und sozial entfesselten Kapita¬ 
lismus die Zukunft gehört.«(ebenda) 

Innerhalb der ökonomischen Rah¬ 
menbedingungen der BRD, ist es durch 
hohe Produktivität und (trotz relativ 
hoher Löhne) niedrigen Lohnstück¬ 
kosten möglich, hohe Gewinne zu er¬ 
wirtschaften. Das System sozialer Ab¬ 
sicherung wird, wenn auch ausgedünnt 
weiter finanziert. Diese Finanzierung 
wird zunehmend schwieriger, weil sie 
klassischerweise vom Beschäftigungs¬ 
grad abhängig ist. Sozialabgaben, Kran¬ 
kenversicherungsbeiträge und Renten¬ 
beiträge werden bekanntermaßen hälftig 
von Arbeitgeber und -nehmer geteilt. 
Dteim Rahmen moderner Produktions¬ 
verfahren und der Verlagerung von Ar¬ 
beitsplätzen ins Ausland eingesparten 
Arbeitsplätze, vermindern einerseits die 
Einahmen des Staates, erfordern ander¬ 
erseits finanziellen Aufwand beim Ein¬ 
satz sozialer Sicherung. Unter dem Ge- 
sichtpunktreiner Profitmaximierung ist 
dies kein Problem, im Gegenteil. 
Schwieriger stellt sich dies bei der Frage 
des künftigen Finanzierungsmodus 

staatlicher/sozialer Sicherungssysteme 

dar. Die Auseinandersetzung über die 
Korrelation von Profitmarge zu Renten- 
und Gesundheitssystem, sowie sozialer 
Mindestsicherung ist im Gange- Sie 
wird von Kapitalseite vor allem mit 

demArgumentderStandortattraktivität 

(S.O.), von Gewerkschafts- und SPDseite 
auf klassischer Grundlage alter sozial- 

partnerschaftlicher Parität geführt. Dreh 

und Angelpunkt dieses Ansatzes istund 
bleibt eine möglichst hohe Beschäfti¬ 
gungsrate, ein Ansatz, der bei steigender 
Produktivität und zugleich fallenden 
Beschaftigungszahlen reichlich anti¬ 
quiert anmutet. Abschaffung von Über¬ 
stunden und auch die Verkürzung der 
Arbeitszeit, sind unter dem Aspekt, die 
anfallende Arbeit gleichmäßiger ver¬ 
teilen zu wollen richtig gedacht - gehen 
aber, leider, leider, ein wenig an den 
Bedingungen kapitalistischer Produk 
üon vorbei. Was zählt, ist ein möglichst 


hoher Ausstoß an Waren oder Dienst¬ 
leistungen, bei geringst möglichem 
Kapitaleinsatz. Unter dem Einsatz von 
High-Tech Fertigung und Slim-Produc- 
tion trägt die Möglichkeit Kosten im 
Personalbereich einsparen zu können, 
in einem ähnlichen Maß zur Gewinn¬ 
steigerung bei, wie die direkte Absatz¬ 
steigerung. Warum sollte unter dieser 
Prämisse auch nur ein Arbeitsplatz mehr 
geschaffen werden als unbedingt nötig? 
»Es geht längst nicht mehr um die 
Umverteilung von Arbeit, sondern um 
die Umverteilung von Arbeitslosigkeit¬ 
eben auch verdeckt in den neuen 
Mischformen von Arbeitslosigkeit und 
Beschäftigung, weil diese offiziel als 
(Voll)Beschäftigung gelten (befristete, 
geringfügige, Teilzeit-Arbeit u.s.w.) 
Dies gilt gerade auch für die sogenann¬ 
ten Beschäftigungsparadiese USA und 
Großbritanien, wo diejenigen, die in 
der Grauzone zwischen Arbeit und 
Nichtarbeit leben und sich oft mit 
Hungerlöhnen begnügen müssen, längst 
die Mehrheit bilden.« (Ullrich Beck, 
Kapitalismus ohne Arbeit, Spiegel 20/1996) 

Die Menge derer, die bereit (natürlich 
auch gezwungen) sind, sich für weniger 
Geld zu verkaufen, wächst. Das Fest¬ 
halten an den alten Maximen eines 
Wohlstands durch Vollbeschäftigung, 
wie es zu Zeiten fordistischer Produk¬ 
tionsregularien Gültigkeit besaß, wird 
heute zum Bremsklotz in der Entwick¬ 
lung neuer Perspektiven. Die Tatsache, 
daß steigender Gewinn und Wirtschafts¬ 
wachstum nicht neue Arbeitsplätze in 
den ökonomischen Zentren schafft, 
sondern vielmehrwachsenderProfitcrst 
durch Abbau von Arbeitsplätzen er¬ 
möglicht wird, sollte eigentlich auch 
den letzten Anhängerinnen sozialpart¬ 
nerschaftlicher Denkart die Augen 
öffnen. 

Das mentale Kleben an der überkom¬ 
menen Regel der Vollbeschäftigung, 
wird zur Schere im Kopf, bei der Ent¬ 
wicklung und Neuformulierung neuer 
(alter) Ziele. Die breite gesellschaftliche 
Akzeptanz einer Maxime, nach der der 
Wert eines Menschen entscheidend an 
seiner Leistungsfähigkeit und Produk¬ 
tivität gemessen wird, hat in Zeiten 
erheblich reduzierter Arbeitsplätze weit¬ 
reichende (nicht nur auf geringeres Ein¬ 
kommen bezeihende) Konsequenz. Die 
Tendenz und Akzeptanz dafür, ge¬ 
sellschaftliche Probleme, die sich aus 
der verschärfenden ökonomischen Si- 



Foto: Herby Sachs/Version 


tuation ergeben, mittels sozialdarwi- 
nistischer Methoden zu lösen, wächst 
erheblich. Mit steigendem Frust da¬ 
rüber, die eigene Leistungsbereitschaft 
gar nicht mehr (oder nur noch schlecht 
bezahlt) unter Beweis stelleh zu können, 
schwindet nicht nur das eigene Selbst- 
wcrtgefühl, es wächst auch die Wut, 
die, nach altbewärlem Muster, gegen 
dieandcren gerichtet wird. Es sind nicht 
nur Ausländerinnen und Flüchtlinge, 
die in bekannt rassistischer Manier, als 
Bedrohung deutscher Arbeitsplätze 
herhalten müssen, sondern es sind auch 
Alte, Kranke und Behinderte, die mehr 
und mehr als unproduktiver Unkosten¬ 
faktorgesehen werden. DasBild sozialer 
Auseinandersetzung wird durch eine 
Diskussion geprägt, in der Menschen 
vor allem im Kosten/Nutzen Kontext 
erscheinen. 

Solange es auch von den Betroffenen 
akzeptiert bleibt, daß der Wert von 
Menschen sich an ihrer Verwertbarkeit 
mißt, besteht nicht nur die Gefahr 
sozialer Deklassierung und 
Ausgrenzung, sondern die Perspektive 
des Horrors: vom nicht Vollwertigen, 
über das Minderwertige- zum Unwerten 
Leben erklärt zu werden. 

Kürzungen bei Beninerinnen, Ein¬ 
sparungen bei Kranken und Behinderten 
und verminderte Sozialhilfe auf der 
einen Seite, bei gleichzeitig wachsenden 
Reichtum auf der anderen Seite, er¬ 
fordern die Infragestellung des Prinzips 
Leistung/Wert genauso, wie die Tatsa¬ 
che das ein großer Teil gesellschaftlicher 
Arbeit (fast ausschließlich von Frauen) 
sowieso unentgeltlich erfolgt. 

Im Rahmen einer Perspektivdiskus¬ 
sion kann es also nicht mehr länger nur 
darum gehen, vorhandene Arbeitsplätze 
zu retten, Überstunden umzuverteilen 
und sich möglichst teuer zu verkaufen. 
Um nicht falsch verstanden zu werden: 
es ist absolut richtig all dies zu tun, und 
es wäre schon ein Fortschritt, würden 
die betrieblichen Auseinandersetzung 
konsequent und nicht oft genug im 
unpassenden, vorauseilenden Gehorsam 

beigelegt. 

Trotzdem ist es nicht genug, denn all 
dies nützt denjenigen, die aus den Zir- 
kularien der Verwertung herausge¬ 
schleudert wurden, zu alt oder nie leis¬ 
tungsfähig genug waren, wenig. Es gilt, 
die Verknüpfung von Wert und Pro¬ 
duktivität zu entkoppeln, die Defini¬ 
tionen von Wert, als auch von Arbeit 


neu zu fassen, und auf dieser Grundlage, 
eben nicht nur über die Verteilung von 
Arbeit(splätzen) sondern vor allem auch 
über die egalitäre Verteilung von ge¬ 
sellschaftlichen Reichtum nachzuden¬ 
ken. 

Mit dem partiellen quanti-und quali¬ 
tativen Rückzug aus der Garantenstel¬ 
lung des Staates bei sich gleichzeitig 

verschärfender Ökonomischersituation, 
verändern sich die Rahmenbedingungen 
im Mensch/Staat Verhältnis. Es entste¬ 
hen Spannungen und Risse im gesell¬ 
schaftlichen Gefüge, die jedoch nicht 
automatisch zur Grundlage emanzipa- 
tiver Prozesse werden. Die Diversifi¬ 
zierung der sozial/ökonomischen Struk¬ 
tur, sowohl im Sinne vertikaler Verän¬ 
derung (Kapitalkonzentration, steigen¬ 
der Armut, geringfügige und Teilzeit¬ 
arbeit), als auch in Bezugauf horizontale 
Modifikation (urbane attraktive Stand¬ 
orte, Global Cities, Ballungszentren; 
periphere Gebiete) führen zu einer fort¬ 
schreitenden Destabilisierung gewohn¬ 
ter und als halbwegs sicher empfundener 
Umgebung. Angst vor sozialem Ab¬ 
sturz, und dieFurchtdavor, selbsteinem 
Desintegrationsprozess anheim zu fal¬ 
len, führen mehrheitlich zu Anpassungs¬ 
und Verteidigungsmechanismen viel¬ 
fältiger Art. Die seltenen Fälle eines 
sich entwickelnden breiten Widerstands 
sind meist getragen vom Bestreben den 
sozial-ökonomischen Status quo ante 
wieder herzustellen. Die Enttäuschung 
über einen Staat, der sich in den Augen 
vieler, genau in dieser Situation seiner 
Verantwortung entzieht, läßt zwar 
vordergründig Distanz und Mißtrauen 
gegenüber staatlichen Organen wach¬ 
sen, führt aber seltenst zur grund¬ 
sätzlichen Infragestellung der Herr¬ 
schaftsmechanismen, ganz zu schwei¬ 
gen von der Entwicklung humaner 
libertärer Altemativstruktur. Anstatt 
sich sich dieser Auseinandersetzung zu 
stellen, wünschen sich viele nur den 
alten Vater Versorgungungsstaat zu¬ 
rück, der den sozialen Frieden, und 
damit die eigene Position, sichern mö¬ 
ge, und/oder sie rufen nach jenem star¬ 
ken Staat der sie schützen soll, notfalls 
auch gegen die Andern, die Nicht¬ 
deutschen, die Mafia, die Bulgaren, oder 
wer auch immer gerade aktuell als 
Bedrohungsmoment aufgebaut wird. 

Die potentielle Gefahr, daß sich in¬ 
nerhalb der aufbrechenden Risse des 
Sozialgefüges und einer etwaigen wach¬ 



senden Distanz gegenüber staatlicher 
Regulation emanzipative Ansätze ver¬ 
breitern und an Struktur gewinnen 
könnten, scheint durch die autoritäre/ 
versorgungsgewohnte Struktur der 
meisten Betroffenen auf ein kalkulier¬ 
bares Maß reduziert zu sein. Diejenigen, 
die staatlic he Entgarantierung forcieren, 
bauen darauf, daß Denken und Handeln 
der Betroffenen nicht aus dem ge¬ 
wohnten Rahmen ausschert, andere We¬ 
ge sucht, letztendlich unkalkulierbarer 
und eigenständiger wird. Es ist kaum 
verwunderlich, daß die meisten derje¬ 
nigen, die jetzt z.B. von Arbeitsplatz¬ 
verlust oder Lohnminderung bedroht 
sind, ihr Heil in der Anpassung und 
nicht im offenen Widerstand suchen. 
Nicht nur mangelder Erfolg, vielmehr 
unzureichende Erfahrung auf derEbene 
konfrontativer Auseinandersetzung, der 
Mangel sozial tragender Struktur, die 
Isolation und die Angst des/der Ein¬ 
zelnen überwindbar erscheinen läßt, 
sind oftmals fehlende Elemente, die zur 
Entstehung weitergehender emanzipa- 
tiver Prozesse nötig wären. 

Die partiell veränderten Rahmenbe¬ 
dingungen und die ansatzweise Ent¬ 
flechtung von Mensch und Staat, die 
sich unter der Entgarantierungstendenz 
abzeichnet, treffen auf eine gesell¬ 
schaftliche Grundstruktur, die nach wie 


SF 2/97 [15] 










?uä$s BÖrr’ÄyHS, 


Foto: Umbruch Bildarchiv 



Eine Broschüre zuri Situation von 
Migrantinnen im Frauenknast 
Plotzensee (Berlin) 

Die Frauen des LA2 (Lateinamerikazentrum)- 
rrauenplenums besuchen seit 1991 Frauen ohne 
deutschen Paß im Frauenknast Plötzensee. 
in dieser Broschüre werden ihre Erfahrungen 
und Informationen über Ursachen und Ausmaß 
weltweiter Migrationsbewegungen, die Folgen 
des Ausländer- und Asylgesetzes, die Haftbe- 
dingungen in Plötzensee, die Berliner Abschie- 
epraxis sowie über (rassistische) Drogenpolitik 
und den Mythos der “organisierten Kriminalität” 
veröffentlicht. 

Erscheinungsdatum Okt. '95.72S. (DIN A4), 

/ ü V 0 rsan d) • Wiederverkäufer/innen 
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ANARES Nord 
Postfach 2011 -31315 Sehnde 


vor, über Einbindung und Identifikation 
des/der Einzelnen mildem Gesamtsys¬ 
tem funktioniert. Die Methode soziale 
Sicherungssysteme kostengünstig aus¬ 
zudünnen, gefährdet auf Dauer diese 
Ebenen der Einbindung und Identi¬ 
fikation erheblich. Noch kann darauf 
vertraut werden, daß Momente des 
Widerslands relati v beschränkt bleiben. 
Dies mag eine Zeit lang funküonieren, 

solange Mindestgaranüen und vor allem 
die Angst dieses wenige eventuell auch 
noch zu gefährden, die Menschen in 
verunsicherter Starre abwarten lassen. 
Auf Dauer jedoch könnte, ein zu radi¬ 
kales Vorgehen auf Seiten der Entga- 
rander er den noch tragfähigen Konsens 
einer Gesellschaftgefährden, die Polizei 
und Justiz nur im Ausnahmefall gegen 
Streikende und Protestierende einzu¬ 
setzen pflegte. Konnte bisher getrost 
darauf vertraut werden, daß sich die 
meisten (der wenigen aktiv protesüe- 
renden) selbständig und mit der Schere 
im Kopf den eigenen Aktionsradius 
beschneiden, so könnte dies in Zukunft 
weniger gut funktionieren. Die Ereig¬ 
nisse der vergangenen Wochen und Mo¬ 
nate, Kohle- Bergbau, Bauarbeiter- 
Berlin, Thyssen/Krupp Fusion mit ca. 
6000 drohenden Entlassungen, stehen 
für Ereignisse, die zu schnell aufeinan¬ 
der und von ihrer Tragweite zu heftig 
erfolgten, um einfach wieder in Ver¬ 
gessenheit zu geraten. Zeitlich parallel 
protestierten und blockierten Tausende 
in Gorleben gegen den Castor-Trans- 
port. Noch erfolgen Aktionen dieser 
Art weitgehend unabhängig voneinan¬ 
der, ausgehend von scheinbar getrennten 


so ist, - und diese Verbindung nachz 
weisen ist eine Aufgabe. 

Es gilt zu intervenieren, nicht n 
weil wir selbst Betroffen sind, sonde 
auch, um nicht jenen Raum zu gebe 



"—uuu autoritären inti 
ten füllen, die schnelle Lösungen i 
bieten, auf Kosten derer, dieausgegre 
oder von Ausgrenzung bedroht sii 
Emanzipative Ansätze entwickeln si 
nichtautomatisch aus gesellschaftlich 
Spannungen heraus; ein sensibler U 
gang mit der Angst vor neuen (nii 
autoritären) Perspektiven bedarf eir 
ansatzweisen tragfähigen sozialen C 
rust. Strukturen die im persönlich 
und menschlichen Bereich Sichert, 

vermitteln, eine Sicherheit die nicht ( 

druckt undneue Abhängigkeiten schal 
sondern Handlungsebenen erschliel 
Aspekte einer Widerstandskultur <j 
sich, wie schon oft gefordert, eben nie 
nur an den Frakturlinien des gese 
schaftlichen Funktionierens entwicke 
darf, sondern vorallem auch im Bereii 
des normalen sozialen (Alltags) G 
fuges. Die kritische Überprüfung u, 
serer zwischenmenschlichen Bezi 
hungen und von Gruppenstrukturen h 
an Notwendigkeit nichts eingebüf 
Erwartung von emanzipativen Verha 
ten wird schnell zur arroganten Übe 
forderung, wenn nicht eigene Berei 
Schaft zum sozialen Handeln dieser E: 
Wartung eifahrbar zur Seite gestellt wiri 
Die Auseinandersetzung mit Widei 
Standsperspektiven, muß somit di 
strukturellen. Veränderung ökonc 


mischer Faktoren berücksichtigen, ohne 
dabei die sozialpsychologischen Ebe¬ 
nen und deren Durch Wirkung zu ver¬ 
nachlässigen. 

Just -in -Time -Produktion z.B. hat 
nicht nur fatale Auswirkungen durch 
die Möglichkeit überflüssige Stellen 
abzubauen, sie macht das ökonomische 
System auch angreifbarer und verwund¬ 
barer. Die Blockade der nahtlos ver- 
knüpften Produktion-Transport-Pro- 
duktion-Komplexe durch französische 
und später spanische Transportarbei¬ 
terinnen, brachte die Gefahr erheblicher 
(teuerer) Verzögerung bei der Endmon- 
tagez.B. deutscher PKW* s. Verdichtete 
ökonomische Systeme werden so ra¬ 
tioneller, aber auch in jeder Hinsicht 
empfindlicher gegenüber Störungen, die 
nur durch reibungslosen Ablauf zu 
vermeiden sind. Proteste bewirken in 
diesem Zusammenhang eine kaska¬ 
denartige Verkettung von Folgepro¬ 
blemen, bleiben nicht regional begrenzt 
sondern wirken analog der ökono¬ 
mischen Verflechtung sogar trans¬ 
national. Über die zur Entstehung eines 
solchen Protestes nötigen Vorbeding- 
ungen, seiner Inhalte und Ziele, sowie 
die vorausgesetzten sozialen Faktoren 
ist damit noch nichts gesagt, also auch 
nichts über seinen emanzipativen Cha¬ 
rakter. Dieser ergibt sich erst aus dem 
psycho-sozialen Kontext, so nicht zu¬ 
letzt aus der Frage, ob es nur um Be¬ 
sitzstandswahrung geht, oder um mehr, 
letztendlich die Frage nach gerechteren 
Produktions- und Verteilungsaspekten 
und somit auch um die Frage nach 
gerechten globalen Lebensbeding¬ 
ungen. 


[16] SF 2/97 












“Soziale Säuberungen” in Köln 

als Teil eines weltweiten Umbruchmanövers 


von Detlef Hartmann 


"Ruschmeier räumt die Domplatte auf , 
so lautete die Balkenüberschrift der 
letzten Seite des Kölner Boulevardblat¬ 
tes "Express" vom 23. Februar 1997. 
Ruschmeier ist der Kölner Oberstadt¬ 
direktor, die Domplatte der zentrale 
Platz der Stadt Köln. Vor dem Dom ge¬ 
legen verbindet er Bahnhof und Fu߬ 
gängerzone, die großen Femsehstatio¬ 
nen und den Museenkomplex. Er sym¬ 
bolisiert damit die Attraktivität der 
Stadt, die sich als Metropole der Kon¬ 
gresse, Messen, Medien und Kunst ins 
globale Spiel der Wachstumszentren 
einbringen will. Der praktisch ganzsei¬ 
tige Artikel ist reißerisch aufgemacht. 
Auf das große Farbbild des Domvor¬ 
platzes und die Balkenüberschrift ist 
über die gesamte Bildbreite hinweg, 
das Foto des lachenden Oberstadt¬ 
direktors aufmontiert, seine Hände 
greifen ins Bild. Es scheint eine Pose 
der Macht, Herrschaft, Kontrolle und 
des zukunftsgerichteten Optimismus. 
Der Artikel gibt neue Säuberungsziele 
gegen Bettler, Straßenmusiker, S traßen- 
maler, Gaukler, Pantomimenspieler, 
Skateboardfahrermitder Ankündigung 
strenger Kontrollen wieder. Es ist der 
vorerst letzte Akt einer langen Kette 
säuberungspolitischer Maßnahmen, die 


in diesem Beitrag schlaglichtartig be¬ 
leuchtet werden sollen. 

Bevor ich beginne, ein Wort zur Vor¬ 
sicht. Natürlich bildet der Express-Arti¬ 
kel den Oberstadtdirektorals zukunfts- 
gewandtenoptimistischen Triumphator 
ab. Auch das gehört mit zur Strategie. 
Über die sozialen Aktivitäten, gegen 
die sich die offizielle Säuberungspolitik 
richtet, wird praktisch nicht mehr positiv 
berichtet. Es wäre verkürzt, dies mit 
einer Gleichschaltung der Presse zu 
erklären. Natürlich gibt es Absprachen, 
Insider-Informationen wollen z.B. 
davon wissen, daß es in der Bürokratie 
des öffentlichen Fernsehens regelrechte 
Anweisungen hierzu geben soll. Aber 
die Vorstellung von Gleichschaltung 
schiebt den repressiven Aspekt zu sehr 
in den Vordergrund. In der Standort¬ 
konkurrenz der europaweiten und glo¬ 
balen Entwickiungskeme und Metro¬ 
polen vereinigen sich Medien, Kapital- 
und Verwaltungsapparate zu gemein¬ 
samen Initiativen, auch im sozialen 
Krieg der Säuberungen. Ihre Triebkräfte 
sind weit komplexer, als daß sie auf 
einen Aspektreduziert werden könnten. 
Aus diesem Grund kommt das Subjekt 
der Auseinandersetzung bei ihnen 


praktisch nicht mehr vor. Auch ein 
Artikel, der über die Strategie der 
“sozialen Säuberungen”berichtet, stellt 
die Initiative von Oben in den Vorder¬ 
grund. Er vernachlässigt das Gewicht 
und die Bedeutung der sozialen Pro¬ 
zesse, gegen die sie sich richtet. Dieses 
“Vorurteil” für die “Stadt von oben” 
scheint schwer zu vermeiden. Die Pro¬ 
zesse der “Stadt von unten” erscheinen 
für die intellektuelle Betrachtung nur 
beschränkt zugänglich. (“Von unge”, 
von unten ist der Name einer Kölner 
Stadtzeitung, in der die Akteure dieser 
Prozesse von ihren Formen der Selbst¬ 
organisation etc. berichten.) Darüber 
hinaus scheint die Initiative im sozialen 
Umbruchsgeschehen zur Zeit noch 
immer bei denjenigen zu liegen, diedie 
Gesellschaft pausenlos dem Bom¬ 
bardement ihrer sozialen Schocks aus¬ 
setzen . Außerdem ist die Realität sozia¬ 
ler Gegenbewegung von unten kaum 
aus der Metropole selbst zu begreifen. 
Vor allem nicht aus dem begrenzten 
Bereich einer deutschen Metropole. 
Das, was sich von unten mit der Politik 
der sozialen Zerstörung und Säuberung 
von oben konfrontiert, wird dieser 
Entwicklung nicht gerecht. Dazu weiter 
unten. 


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SF 2/97 [17] 









“Soziale Säuberung”, von der ich im 
folgenden berichte, ist nur Teil eines 
umfassenden sozialen Angriffs, indem 
sie neben stadtplanerischen, technolo¬ 
gischen, ökonomischen im engeren 
Sinn, institutioneilen Seiten nur einen 
Aspektdarstellt. Einige Ereignisse ragen 
heraus. 


Die “Säuberungen” im 
“Drogenbereich” 

Eine der spektakulärsten Einzelheiten 
warein neuer Stadtplan, der irgendwann 
nach Beginn des Vorweihnachtsge¬ 
schäfts vor 2 1/2 Jahren ausgegeben 
wurde. Einer der zentralen Plätze der 
Stadt Köln ist der “Neumarkt”, ein gro¬ 
ßer, mit Bäumen bestandener Platz, der 
direkt an die Fußgängerzone angrenzt. 
Dieser Platz wurde auf dem Stadtplan¬ 
ausschnitt mit einigen angrenzenden 
Arealen durch durch eine regelrechte 
“Sozialgreenze” umrissen. An Drogen¬ 
abhängige und Dealer erging das Ver¬ 
bot, sich in diesem Räum aufzuhalten. 
Die Stadt Köln wurde insoweit regel¬ 
recht “zoniert”, das Recht der Frei¬ 
zügigkeit wurde praktisch aufgehoben, 
die Stadt als homogener Raum des 
sozialen “Gemeingebrauchs” wurde 
einem neuen territorialen Regiem un¬ 
terworfen. Zuwiderhandelnde wurden 
mit Platzverbot belegt, das im Wieder¬ 
holungsfälle mit Festnahmen durch¬ 
gesetzt wurde und zu Inhaftierungen 
führte. Wirklich Drogenkranke, die am 
Metadonprogramm teilnahmen, be¬ 
klagten sich darüber, daß sie nur über 
das ausgegrenzte Territorium zum Ge¬ 
sundheitsamtgelangen konnten, um die 
Tagesdosis dort entgegenzunehmen. 
Personen, dieaufgrund ihres Aussehens 
verdächtigt wurden, drogenabhängig zu 
sein, beklagten sich über die Willkür- 
lichkeit der ihnen gegenüber angewen¬ 
deten Maßnahmen. Sie war zum Teil 
sehr entwürdigend. Eine Frau berichtete, 
daß sie auf den Weg zum Gesundheits¬ 
amt festgenommen und über Stunden 
in Gewahrsam genommen worden sei. 
Als man sie nachts freigelassen habe 
und sie sich darüber beklagte, daß die 
öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr 
führen und sie kein Geld für ein Taxi 
hätte, sei ihr entgegnet worden, sie solle 
sich das Taxigeld doch auf dem Strich 
verdienen, das täte sic ja sowieso. Der 
Zeitpunkt und Ort, der für diese Ma߬ 


nahme gewählt wurde, war eindeutig 
und ließ kaum Zweifel offen. Betroffene 
und Kenner der Verhältnisse berich¬ 
teten, daß der Neumarkt über Monate 
hinweg als geduldeter Drogenum¬ 
schlagplatz in auffälliger Weise regel¬ 
recht “aufgebaut” wurde. Polizeibeamte 
und Ordnungskräfte hätten nur wenig 
eingegriffen, selbstdawooffensichüich 
gedealt wurde. Auf diese Weise kon¬ 
zentrierte sich ein großer Teil des 
Drogengeschehens auf den Neumarkt 
oder soll man sagen “wurde konzen¬ 
triert”? 

Dann schlug die Politik um. Im Her¬ 
bst, als die Vorbereitungen des Weih¬ 
nachtsfestes heranrückten, setzte eine 
regelrechte Medienkampagne ein. Der 
Neumarkt ist der Platz, auf dem tradi¬ 
tionell der Weihnachtsmarkt stattfindet, 
wo sich Erwachsene, vor allem aber 
Kinder im Kauf- und Konsumrausch 
auf das heil ige Fest vorbereiten können. 
Die Medien stilisierten die Drogenab¬ 
hängigen zum Sicherheitsproblem, zu 
einem kriminellen Angriff auf unsere 
lieben Kleinen, auf die Unschuld ihrer 
freudigen Adventserwartungen. Darge¬ 
stellt als hohlwangige, abgerissene 
Figuren wurden sie in sozialrassistischer 
Weise sügmaüsiert und zum Objekt der 
Verachtung ausgesondert und freige- 
geben. 

Das gilt auch für den Angriff der 
Stadtpolitik auf die Obdachlosen. Ge¬ 
rade der Dombereich und vor allem der 
Domvorplatz wurde zu einem wichtigen 
Bereich ihrer Aktivitäten. Obdachlose 
Jugendliche hielten über einen längeren 
Zeitraum den historischen sogenannten 
_ Teufelsbrunnen” besetzt, der mit seiner 
Vertiefung gute Aufenthalts- und 
Schlafmöglichkeiten bot. Die Dom¬ 
platte selbst, der vordere Dom vorplatz 
wurde zum Ausgangspunkt vieler Ini¬ 
tiativen und Aktionen. 


Der Kampf gegen die 
Klagemauer 

Einen wichtigen “Anker” stellte die 
Klagemauer für den Frieden” dar. Sie 
bestand aus drei Masten mit dazwischen 
gespannten Netzen, in denen Briefe aus 
aller Welt, politische, vor allem auch 
antifaschistische Botschaften, Gebete 
Wünsche angebracht wurden, zu Tau¬ 
senden. Leute blieben stehen, dis¬ 
kutierten, ganze Schulklassen und Ju¬ 


gendgruppen kamen, der B ürgermeister 
von Hiroshima war ebenso häufiger 
Gast, wie Antifaschistinnen, Arbei¬ 
terpriester aus anderen Ländern. Vor 
allem aber gingen von ihr Demonstra¬ 
tionen und Aktionen vo Obdachlosen 
und Armen aus. Im Winter war sie eine 
starke Garantie dafür, daß lebensret¬ 
tende Schlafpläzte von Obdachlosen 
im nahegelegenen Bahnhof besetzt und 
gehalten werden konnten. 

Vier Jahre hat die Klagemauer gehal¬ 
ten, aber die Säuberungspolitik gegen 
sie und die Obdachlosen wurde inner¬ 
halb dieser Zeit stetig verschärft. Im 
Frühsommer 1994 wurde eine interne 
nichtöffentliche V erwaltungskonferenz 
der wichtigen Dezernenten der Stadt 
Köln einberufen. Sie beschloß eine 
konzertierte Politik zur Säuberung und 
Kontrolle mit dem Ziel, die sozialen 
Zusammenhänge von unten mit“Nadel- 
stichen, die zur Verunsicherung bei¬ 
tragen” sollten, ordnungsrechtlichen 
Zugriffen, Platzverweisen, eindeutiger 
Öffentlichkeitsarbeit zu mobilisieren 
und aufzulösen, nachdem durch “inten¬ 
sive Beobachtung ein harter Kern her¬ 
ausgeschält” worden sei. 

Kern der Auseinandersetzung war die 
Klagemauer, deren weltweites morali¬ 
sches Gewicht nicht zu ignorieren war. 
Im Tandem führten Domkapitel und 
Stadt mehrjährig Prozesse, die sie zu¬ 
gleich als Privatisierungspolitik be¬ 
trieben. Sie stützen ihre Ansprüche aus¬ 
schließlich auf das private Eigentum 
auf dem Territorium, obwohl es doch 
Öffentliches Gelände war und die 
Klagemauer eine öffentliche Initiative 
darstellte. Die Nadelstiche bestanden 
zum Teil aus dem lächerllichen Einsatz 
von Säuberungsfahrzeugen, wohl eher 
als Mittel abwertender Stigmatisierung 
gedacht. 

Als dann Ende des letzten Jahres die 
Stadt ein Räumungsurteil gegen Walter 
Herrmann, den langjährigen Initiator 
und Wächter der Klagemauer, erlangte, 
setzte schlagartig eine härtere Gangart 
ein und das Klima verschärfte sich 
merklich. Die Klagemauer wurde 
geräumt, Walter Herrman wurde in 
Strafverfahren und Anzeigen wegen 
Verstoßes gegen das Versammlungs¬ 
gesetz etc. systematisch kriminalisiert, 
Demonstrationen wurden behindert, 
eine wurde eingekesselt, die “Nadel¬ 
stiche” gegen die Obdachlosen und Ar¬ 
men wurden intensiviert. Dennoch: 


[18] SF 2/97 




Walter Herrmann ist mit einer mobilen, 
eher symbolischen Klagemauer weiter 
unterwegs, sammelt zum Teil haltlose 
Ermittlungsverfahren auf sein Haupt. 
Das in Jahren gewachsene Beziehungs- 
geflechtder Prozesse von unten istnicht 
so leicht zu zerstören und erhält durch 
die “Monatagsdemo” und weitere 
Initiativen seinen Halt. 


Privatisierung des 
öffentlichen Raums 

Eine Einschätzung, wie sich dieser 
Antagonismus weiter entwickeln wird, 
ist aus der begrenzten thematischen 
Perspektive nicht möglich. Die hier 
dargestell tc S äuberungspol itikstelltnur 
eine Facette aus dem komplexen sozia¬ 
len Angriff dar. Der Krieg gegen die 
Obdachlosen hatte seinen Vorlauf in 
der Flüchtlingspolitik und seine Ent¬ 
sprechungen in der Kampagne gegen 
die Alten zur Verminderung der “Alters¬ 
lastquote”, und in der Gesundheitspoli¬ 
tik, die beide die Trennlinien zwischen 
wertem und unwertem Leben drastisch 
verschieben. In all diesen Politikbe¬ 
reichen sind analoge sozialpsycho¬ 
logische Techniken der S tigmatisierung, 
der Herstellung des sozialen Feindes 
und der Steigerung des Aggressions- 
Potentials neuer Eliten, der neuen 
Schichten, auf die es ankommt, am 
Werk. Auf dem Gebiet kommunaler 
Ordnungspolitik gilt dies bundesweit, 
gerade die aufstrebenden “Zitadellen¬ 
städte” flankieren ihren Anspruch auf 
ei nen global herausragenden Standort 
roit ähnlichen Säuberungsstrategien. 
Vorreiter scheinen Frankfurt, Köln, 
Hamburg, Berlin, wie die Inszenierun¬ 
gen um die neuen Verordnungen zur 
Steigerung der “inneren Sicherheit” 
zeigen. Es ist der in vielen innen¬ 
städtischen Bauvorhaben symbolisierte 
Un d manifestierte Anspruch auf Teil¬ 
habe am Spiel globaler Standortmetro- 
polen, die oft sinnlos scheinenden 
kostspieligen Investitionen in Stadt¬ 
symbole der Zitadellnmacht, die den 
Korn einer neuen sozialen Aggressivität 
g e gen das stigmatisierte und ausge¬ 
sonderte Subjekt symbolisieren und sich 
als Bezugsgröße für die neuen Eliten 
anbieten, das “Humankapital” innova- 
üver Standortmacht. Dieser sozialpsy¬ 
chische Prozeß zur Herstellung eines 
mnovativen aggressiven Subjekts im 



Verhältnis zum “Anderen” seines Ob¬ 
jekts ist immer der Kern und Aus¬ 
gangspunkt aller faschistoiden und 
sozialimperialistischen Formierungs¬ 
prozesse gewesen. 

Bezogen ist die Säuberungspolitik auf 
eine Reihe von Strategien zur Konsti¬ 
tution sozialer Macht auf einem neuen 
Niveau. Der Domplatz verbindet Bahn¬ 
hof und Fußgängerzone, zentrale Be¬ 
reiche der Transformation sozialer 
Macht. Bahnhöfe werden privatisiert, 
Plastik-Cardtechnologien zur Regulie¬ 
rung von Zugang und Teilhabe erprobt 
und zum Teil schon angewendet. Das¬ 


selbe gilt für innenstädtische “Malis” ^ 
und “Passagen”. Zur institutionellen 5“ 
Garantie wird das Eigentumsverhältnis 
umgestaltet und öffentliche Räume 3- 

privatisiert. Die Privatisierung der Bahn cz> 

hat als wesentliche Seite auch die g. 

Privatisierung des privaten Komman- ^ 

dos, die privaten Wachdienste ver- üf 

zeichnen ein geregeltes Wachstum unter §’ 

der sich zurückziehenden und dünner 3 
werdenden Kontrolle öffentlichrecht¬ 
licher Ordnungsmacht. Dasselbe gilt 
für die Fußgängerzonen. In jeder der 
“Zitadellenstädte” werden Pläne zur 
Privatisierung des öffentlichen Raumes 


SF 2/97 [19J 





vorangetrieben, Protagonisten sind die 
großen Kaufhausfirmen, aber auch 
Ketten wie etwa die Fa. Douglas in 
Köln. Sie plädiert für eine neue Form 
des Innenstadteigentums, beziehungs¬ 
weise der Innenstadtpacht plädiert mit 
totaler privater territorialer Kontrolle. 
Solche Innenstädte stellen die techno¬ 
logischen Knotenpunkte dar für die 
Entwicklung neuer Maut- und Verkehrs¬ 
leitsysteme. Informatikmultis wie Sie¬ 
mens Nixdorf haben sie als Terrain für 
Investitionen in Milliardenhöhe ins 
Auge gefaßt. Eurokommissar Bange¬ 
mann ist einer der Befürworter, sie mit 
Satelliten gestützen Systemen als An¬ 
satzpunkte für eine europäische In- 
vestiüonskonjunktur zu bestimmen. 

Damit ist der Komplex “sozialer Säu¬ 
berungen” in den neuen Zitadellen¬ 
städten nur eine Facette in einem glo¬ 
balen Projekt, das der Ökonom Schum¬ 
peter die “schöpferische Zerstörung” 
genannt hat. Schumpeter ist inzwischen 
jenseits der sogenannten neoliberalen 
Platitüden fünfzig Jahre nach seinem 
Tod wieder zu einem der wichtigsten 
Theoretiker sozial-ökonomischer Stra¬ 
tegiebildung avanciert. Die “Wirt¬ 
schaftswoche” druckt regelmäßig eine 
Kolumne mit der Überschrift “Schum¬ 
peter” ab, in der exemplarisch Beispiele 
“schöpferischer Zerstörung” dargcstellt 
werden. In seinem erstmals 1911 er¬ 


schienenen Werk der "Theorie der 
wirtschaftlichen Entwicklung" machter 
die gerade neu entwickelte Rassen¬ 
hygiene zum Paradigma planmäßiger 
Politik einer innovativen schöpferischen 
Zerstörung mit ihren Strategien der 
“Vernichtung der mit hoffnungslos Un- 
angepaßtem verbundenen Existenz” und 
des “Lebensunfähigen”. 

Obwohl die Intell igenz, auch die linke 
Intelligenz, immer anfällig für den 
Triumph und den Fortschritt innovativer 
Sozialstrategien gewesen ist, sollten 
auch wir uns klarmachen, daß bei aller 
Brutalität der Säuberungen und allem 
Triumphalismus des imperativen Gestus 
die Situation völlig offen ist. An und 
um die Klagemauer erweist sich, daß 
die Moral der neuen Herren stündlich 
zerbröselt und zerbricht, daß alle ver¬ 
antwortungsethischen und kommuni- 
taristischen Diskurse nicht ausreichen 
diese Verluste wettzumachen. Das 

S ubjekt dieser Auseinandersetzung die 

Armen, Obdachlosen, Flüchtlinge’ha- 
ben zwar nicht die Mittel techno- 
logischerund institutioneller Macht. Sie 

haben aber das moralische Gewicht und 

die Möglichkeiten neuer sozialer Ge¬ 
flechte und von Gesellschaftlichkeit von 
unten gegen die neuen sozialzerstö¬ 
rerischen Barbareien auf ihrer Seite 
Bezüge zwischen Städten, Regionen,' 
Landern müssen auf diesem Niveau 


neu geknüpft werden. Die Beziehungen 
zu den weltweiten Bewegungen von 
Flüchtlingen und Bewegungen von 
unten in anderen Ländern der drei 
Kontinente müssen offengehalten und 
konkret gemacht werden. Die nächsten 
beiden Jahre werden für diese Prozesse 
von unten sehr wichtig. 


. JEKH CHIB Nr, 6/7, Feb 97 

Schwerpunkt: „Das andere Gedenken' 1 

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[Vorbemerkung:Im Herbst 1996sandte 
die SCHWARZER-FADEN-Redaktion 
einen Brief an mich ab, offensichtlich 
mit näheren Informationen über die 
vorgesehene Debatte zwischen Noam 
Chomsky und mir. Leider habe ich 
diesen Brief nie erhalten - und erst vor 
kurzem, nämlich aus SF 60, erfuhr ich, 
daß man dort die Frage der Mitglied¬ 
schaft in einer Partei als „vorder¬ 
gründig ” einstift. (Nicht die Mitglied¬ 
schaft in einer Partei wurde in der letzten 
Ausgabe generell als 'Vordergründig” 
bzw. oberflächlich eingestuft, sondern 
die Mitgliedschaft Noam Chomskys in 
einer Partei. Die SF-Red.) Hätte ich von 
dieser - in einer anarchistischen Zeit¬ 
schrift wahrhaft ungewöhnlichen - Ein¬ 
schränkung der Debatte vorher gewußt, 
dann hätte ich mich gar nicht erst dara uf 
eingelassen; ich bin auch jetzt nicht 
dazu bereit. Denn andernfalls würde 
ich einer radikalen Trennung zwischen 
Theorie und Praxis zustimmen, und 
einer solchen Trennung wird der SF 
doch wohl hoffentlich nicht das Wort 
feden. Sobald man erst einmal Inkon¬ 
sistenz zwischen den Idealen und dem 
P r aktischen Leben zuläßt, zwischen 
1 Visionen und Zielen ”, wird die ganze 
Diskussion akademisch; was wir schrei¬ 
ben oder als Ideale auf diesen Seiten 
P r °pagieren, steht dann in keinem Zu¬ 
sammenhang mehr mit unserem poli¬ 
tischen Verhalten in der Realität.] 


I 

Mir begegnen neuerdings Menschen - 
v or allem Jüngere - die sich zwar als 
»Linke“ bezeichnen, dabei aber selbst 
die elementarste Kenntnis der seit 
langem gültigen Kapitalismus-Analyse 
der Linken vermissen lassen. Genau so 
wenig wissen sie über die Geschichte 
der revolutionären, zur bürgerlichen 
Gesellschaft in fundamentaler Oppo¬ 
sition stehenden Bewegungen. Es 
schmerzt mich zu sehen, daß die 
altbekannten ideologischen Abgren¬ 
zungen zwischen dem Kapitalismus und 
der Linken ebenso in Vergessenheit 
geraten sind wie die kritischsten 
Erkenntnisse des libertären Sozialismus 
un d des revolutionären Anarchismus. 
Angesichts dieses um sich greifenden 
gesellschaftlichen Gedächtnisschwun¬ 
des sehe ich mich gezwungen, erst ein- 
m al kurz die Entwicklung des Kapi¬ 



talismus und die Pflichten der revolu¬ 
tionären Linken darzustellen, bevor ich 
meine politischen und gesellschaft¬ 
lichen Ideale vorstellen kann, sind diese 
doch nahtlos mit der Tradition dieser 
Linken verwoben. 

Es gibt einige Grundauffassungen, 
die sich in der traditionellen Linken und 
dortvorallembeiden Sozialanarchisten 
finden [Bookchin spricht von „social 
anarchists” und meint damit offen¬ 
sichtlich diejenigen Anarchisten, die 
sich - im Gegensatz zu den „Individual¬ 
anarchisten” - auf das Ziel einer Um¬ 
gestaltung der Gesellschaft insgesamt 
konzentrieren. Anm.d.Übers.]. Wenn 
sich Menschen mir gegenüber als 
Sozialanarchisten bezeichnen, dann 
gehe ich davon aus, daß sie - so denn ihr 
politisches Handeln überhaupt einen 
Sinn haben soll - diese Auffassungen 
teilen. Ich gehe davon aus, daß für 
Sozialanarchisten, die ja Linke sind, 
der Kapitalismus ein marktwirtschaft¬ 
liches Wettbewerbssystem darstellt,das 
die miteinander rivalisierenden bürger¬ 
lichen Unternehmen zu unablässigem 
Wachstum verurteilt. Und daß sie dieses 
Wachstum als absolut unausweichlich 
ansehen, ist doch die treibende Kraft 
dahinter selbst nach Meinung der 
Bourgeoisie der „Druck des freien Wett¬ 
bewerbs“ in Produktion und Konsum. 
Und so wenig wie in einer vom Klassen¬ 
gegensatz beherrschten Wirtschaftsord- 
nungdie Ausbeutung der Arbeiterschaft 
beseitigt werden kann, so wenig wird 


sich diese „Antriebskraft“ zu Lebzeiten 
des Kapitalismus abstellen lassen. So¬ 
zialanarchisten, so darf ich wohl an¬ 
nehmen, sind davon überzeugt, daß ein 
fortdauernder Kapitalismus katastro¬ 
phale Folgen für Natur und Gesellschaft 
haben würde. All dies liegt im seinem 
Wesen begründet; wer etwas anderes 
erwarten würde, hätte es nicht mit dem 
Kapitalismus zu tun. 

Des weiteren darf ich bei einem So¬ 
zialanarchisten wohl die Überzeugung 
voraussetzen, daß der Kapitalismus 
restlos zerschlagen werden muß, bevor 
die Menschheit das Ziel einer freien 
und rationalen Gesellschaft erreichen 
kann. Im Gegensatz zu anderen Linken 
vertreten jedoch die Sozialanarchisten 
die Auffassung, die an die Stelle des 
Kapitalismus tretende Gesellschafts¬ 
ordnung müsse einen kollektivistischen, 
ja eigentlich einen libertär-kommuni¬ 
stischen Charakter haben und man 
würde dort Produktion und Distribution 
von dem Grundsatz Jede und jeder 
nach den Fähigkeiten, jeder und jedem 
nach den Bedürfnissen“ leiten lassen 
(natürlich nur soweit es die Produktiv¬ 
kraft der Gesellschaft zuläßt). Und die 
Sozialanarchisten sind sich gewiß auch 
darüber einig, daß zum Aufbau einer 
derartigen libertär-kommunistischen 
Gesellschaft nichtnur der Kapitalismus, 
sondern auch der Staat abgeschafft wer¬ 
den muß - dieser Staat mit seiner Be- 
rufsbürokraüe, seinem Gewaltmonopol 
und seiner angeborenen Bindung an die 
Interessen der Bourgeoisie. 


i 


I 

! 


\\ 


i 1 


SF 2/97 [21] 











Auch sind sich die Sozialanarchisten 
vermutlich darin einig, daß der Staat 
durch ein Reich der politischen Demo¬ 
kratie abgelöst werden muß, mit unter¬ 
einanderföderierten „Kommunen“ oder 
Gemeinden. Bei den Anarchosyndika¬ 
listen sollen diese Föderationen haupt¬ 
sächlich von Fabrikausschüssen und li¬ 
bertären Gewerkschaften bestimmtsein, 
bei den Anarcho-Kommunisten finden 
sich diverse andere Modelle. Auf meine 
eigenen Vorstellungen komme ich noch 
zu sprechen. Jedenfalls erwarte ich von 
jedem Sozialanarchisten, daß er oder 
sie die erwähnten Mindestgrundsätze 
vertritt - also die Kemanalyse des Kapi¬ 
talismus und seiner Entwicklung sowie 
die Notwendigkeit, libertäre Institu¬ 
tionen an die Stelle der konkurrenz- 
und marktorientierten Sozialbeziehun¬ 
gen zu setzen. 

Auch wenn cs etwas lehrhaft wirken 
mag: Ich bleibe dabei, daß ein Verzicht 
auf irgendeines dieser Prinzipien gleich¬ 
bedeutend ist mit einer Selbstaufgabe 
nicht nur des Sozialanarchismus, son¬ 
dern der gesamten revolutionär-liber¬ 
tären Linken. Ich weiß - derartige Ge¬ 
danken sind heutzutage nicht populär. 
Es gibt ehemalige Linke, die sich 
zunächst von einigen dieser Prinzipien 
lossagen, um besser in der real exi¬ 
stierenden Gesellschaftmitschwimmen 
zu können, nur um dann über alle, die 
diese Grundsätze der revolutionären 
Linken noch hochhalten, ohne Unterlaß 
herzuziehen. Man beschimpft sie als 
„Dogmatiker“, tut ihre Konsequenz, auf 
die sie so stolz sind, als „totalitär“ ab 
und prangert ihre Fixierung auf das 
Gesellschafüicheals „Sektierertum“ an. 
Und indem sich die Klarheit gesell- 
schafdicherund politischer Ideen immer 
stärker verflüchtigt, drängt man diese 
prinzipientreucn Linken immer wieder 
aufs neue, ihre Militanz abzulegen - 
will sagen, sich jenem geistlos-plura¬ 
listischen Durcheinander hinzugeben, 
das als „Vielfalt“ allgemeine Bewun¬ 
derung genießt. Vor allem aber sollen 
sie es ihren ehemaligen Genossen 
gleichtun: nämlich der Linken vollends 
den Rücken kehren und sich dem 
herrschenden Anpassungsdruck unter¬ 
werfen. 

Diesem zwischenmenschlichen und 
kulturellen Druck zum Trotz sollten 
Sozialanarchisten weder zulassen, daß 
ihr Denken und Tun in Stücke bricht 
und auf einer Müllhalde von Ideologien 


voller rettungsloser Widersprüche lan¬ 
det, noch der Bourgeoisie zum Liebes- 
mahl der Klassenkooperation in die 
Arme sinken. Gerade heute muß eine 
revolutionär-libertäre Linke, die Ge¬ 
sellschaft im Blick, unerschütterlich zu 
sich selbst und zu ihren Idealen stehen. 
Dann gibt es aber Grenzen, die niemand, 
der Sozialanarchist bleiben will, über¬ 
schreiten darf. 

In dieser Aussage - und das ist wichtig 
- drückt sich nicht etwa Intoleranz aus. 
Ich möchte damit vielmehr dazu auf- 
rufen, das Spezifische, Klare und 
Selbstdefinitorische gegenüber einem 
alles durchdringenden kulturellen Ver¬ 
fall zu bewahren - einem Verfall, der 
mit Scheinbegriffen wie „Vielfalt“, 
„Harmonie“ oder „Kompromiß“ be¬ 
eindrucken möchte, dabei aber alle 
wichtigen Unterscheidungsmerkmale 
verwischt und dadurch verhindert, daß 
wesentliche politische Unterschiede 
deutlich werden. 

Auch möchte ich die Fragen, denen 
die Sozialanarchisten sich gegenüber 
sehen, und ihre Vorgehensweise nicht 
einem ganz unangebrachten „Entweder- 
Oder unterwerfen. Wo immer ein 
Unternehmen oderein Staat daran geht, 
die Arbeitsbedingungen zu verschlech¬ 
tern oder die Löhne zu drücken, wo 
man den Armen und Schutzlosen die 
elementaren Lebensgrundlagen ver¬ 
weigert, dort sollen die Sozialanar¬ 
chisten ihre Stimme im Protest erheben 
und sich denen anschlicßen, die der¬ 
gleichen zu verhindern suchen. Kurz 
sie sollen an allen Fronten gegen Aus¬ 
beutung und Unrecht kämpfen und sich 
den vielfältigen Bemühungen um das 
Abstellen ökonomischer, sozialer oder 
ökologischer Mißstände anschließen, 
wo immeres nötig ist. Sozialanarchisten 
lassen sich in ihrer Empfindsamkeit 
gegenüber menschlichem Leid und in 
ihrer Entrüstung über krankhafte Ent¬ 
artungen der Gesellschaft von nieman¬ 
dem übertreffen, auch nicht von den 
wohlmeinendsten Reformpolitikern. 

Jedoch: Sie dürfen sich nicht darauf 
beschränken, bloße Verbesserungen 
anzustreben. Das kann die Bourgeoisie 
sehr gut selbst, wenn sie will, und sie 
kommtdabei nochbillig davon. Ist doch 
das Bürgertum bisweilen geradezu 
übereifrig dabei, gesellschaftliche 
Mißstände in eigener Regie zu beheben 
und genau dadurch gewisse weiter 
ausgrei fende Probleme der Gesellschaft 
zu verdecken sowie der Gefahr sozialer 


Unruhen entgegenzuwirken. 

Zwischen den Wegen, die im All¬ 
tagskampf von Sozialdemokraten, 
Linksliberalen und anderen Wohlmei¬ 
nenden beschritten werden, und denen 
der Sozialanarchisten und der übrigen 
revolutionären Linken besteht in meinen 
Augen ein gewaltiger Unterschied. So¬ 
zialanarchisten ziehen zwischen ihren 
Idealen und der Praxis keine Trennlinie. 
Was die meisten Reformisten vermissen 
lassen, bringen sie in den Kampf ein: 
das Bemühen um Aufklärung über die 
Wurzeln der sozialen Übel; die gedul¬ 
dige Belehrung und Mobilisierung für 
den Aufbau einer Bewegung, die die 
Verbindungen zwischen den Mißstän¬ 
den um uns herum und der Gesell¬ 
schaftsordnung per se aufzeigt - 
schließlich sind sie aus dieser er¬ 
wachsen. Sie wollen in erster Linie den 
Menschen klarmachen, woher ihre 
Leiden stammen und wie sie durch 
bewußtes Handeln für einen um¬ 
fassenden gesellschaftlichen Wandel 
sich davon befreien können . In der 
Verbreitung dieser Erkenntnis - früher 
pflegte man von Klassenbewußlsein zu 
sprechen (paßt auch heute noch) oder 
auch von gesellschaftlichem Bewußt¬ 
sein - liegt eine der wichtigsten Auf¬ 
gaben jederrevolutionären Organisation 
oder Bewegung. Sozialanarchisten 
müssen jeden Protestfall zum Anlaß 
nehmen, auf das weitere gesellschaft¬ 
liche Umfeld hinzuweisen; sie müssen 
ihreOppositionsarbcitin diesen Kontext 
stellen und auf den Übergang zu einer 
rationalen Gesellschaftsordnung (etwa 
dem libertären Kommunismus) hin¬ 
wirken. Versäumen sie dies, dann bleibt 
ihre Opposition zufälliges Stückwerk, 
eben im Grunde reformistisch. 

Wenn die Sozialanarchisten be¬ 
stimmte Mißstände auf den Kapita¬ 
lismus zurückführen, müssen sie m.E. 
deutlich machen, daß zur vollständigen 
Heilung Veränderungen in der Gesell¬ 
schaft selbst erforderlich sind. Eine 
Reform mag erfolgreich sein oder nicht 
- worauf es ankommt, ist die Aufklärung 
über ihre eigentliche Ursache , über ihr 
gesellschaftliches Umfeld und über die 
Querverbindungen zu anderen, weniger 
ins Auge springenden Problemen. So 
werden sich am Ende die nur scheinbar 
unverbundenen Elemente zu einem 
Ganzen zusammenfügen, das die herr¬ 
schende Gesellschaftsordnung in Frage 

stellen kann. 


[22] SF 2/97 




Denn wollten wir den Übeln in der 
Gesellschaft allein mit Reformen zu 
Leibe rücken und diese Aufgabe auch 
noch dem Staat übertragen, dann wür¬ 
den wir nur das System stützen; wir 
würden dadurch die Verwirrung ver¬ 
stärken, die Legitimation untermauern 
und die ideologische Patina aufpolieren, 
die für sein Fortbestehen unerläßlich 
sind. Von 1848 bis zum heutigen Tage 
haben alle Bewegungen, die für einen 
Wandel an traten, vor allem unter dieser 
reformistischen Praxis - und sei sie noch 
so idealistisch - gelitten. Wer den Kampf 
nur im Rahmen des gegebenen Systems 
führt und durch diese Reformen viel¬ 
leicht sogar zur Linderung mancher 
Übel beiträgt, dient letzten Endes nur 
dem Mythos vom „Kapitalismus, der es 
bringt“ (Marcuse) und vom Staat, der 
angeblich über die widerstreitenden 
Interessen hinweg dem großen Ganzen 
dient. 


II 

Wie in vielen westlichen Ländern, so 
gibt es heutzutage auch in den USA 
zahlreiche sozialdemokratische Orga¬ 
nisationen und Um weltgruppcn, die sich 
mit gesellschaftlichen und ökologischen 
Problemen herumschlagen; wobei sie 
zuweilen über Lobbyarbeit bei den 
Mächügen kaum hinaus kommen. Man 
sieht sie und man hört sie, obschon sie 
gerade in Schlüsselfragen zu Kom¬ 
promissen neigen. Da sie üblicherweise 
in die staatlichen Strukturen eingepaßt 
sind, stoßen sie gelegentlich auf Stellen, 
wo das System auf die Bedürfnisse der 
Armen und Verletzlichen ansprechbar 
ist. Mit ihrem viel gerühmten „Realis¬ 
mus“, ihrer Politik des kleineren Übels 
und ihrer systemorientierten Heiltätig¬ 
keit erzielen sie zuweilen eine Linde¬ 
rung, die das Leben der Hilfesuchenden 
zu erleichtern scheint. 

Sobald jedoch im Volk Forderungen 
nach Veränderungen laut werden, die 
den Grundinteressen der Bourgeoisie 
zuwiderlaufen, ist vom Staat kein 
Nachgeben zu erwarten. So wurde bei¬ 
spielsweise dasNAFTA-Abkommen im 
Kongreß verabschiedet und von Clinton 
unterzeichnet, obwohl sich neben gro¬ 
ßen Teilen der Bevölkerung auch zahl¬ 
reiche Gewerkschaften und Umwelt¬ 
schützer dagegen aussprachen. Das 
(Groß)kapital wollte nun mal NAFTA 
haben, und damit basta. Natürlich gibt 



es solche und solche Staaten. Die Ge¬ 
schichte hat Sklavenhalterstaaten ge¬ 
sehen, feudalistische Staaten, monar¬ 
chistische, republikanische und totali¬ 
täre Staaten. Es wäre naiv, sie alle für 
gleich zu halten, nur weil es sich um 
Staaten handelt. Und doch sind auch 
die vorgeblich „freiesten , an Verfas¬ 
sungen gebundenen und von uns eu¬ 
phemistisch als „Demokratien“ be- 
zeichneten Republiken in der soge¬ 
nannten Ersten Welt nichts anderes als 
Klasseninstitutionen. Ihre Traditionen, 
Verfassungen, Gesetze, ihre Bürokra¬ 
tien und Rechtsorgane, ihre Polizei und 
ihr Militär haben einen strukturellen 
Schutzwall um Eigentum,Profite, Wett¬ 
bewerb, Kapitalakkumulation und die 
wirtschaftliche Vorherrschaft der Bour¬ 
geoisie und der übrigen privilegierten 
Schichten errichtet. Dies ist eine der 
Grundlagen des modernen Staates. 

Während der gesamten Geschichte 
des Sozialismus hat bei allen antikapi¬ 
talistischen Revolutionären, also auch 
bei den Sozialanarchisten, die Smats- 
frage einen der obersten Ränge einge¬ 
nommen. Marxisten sind immerhin 
konsequent; wenn sie sich auf den 
Parlamentarismus einlassen, denn 
schließlich stand für Marx zweifelsfrei 
fest, daß der Staat auch nach einer pro¬ 
letarischen Revolution noch gebraucht 
würde, um den Sozialismus aufzubauen. 
1872 meinte er sogar, man würde mit 
Hilfcdes bürgerlich-parlamentarischen 
Systems den Sozialismus in England 
und den USA, vielleicht auch in den 
Niederlanden per Gesetz einführen 
können - eine Liste, die Engels dann 
noch um Frankreich erweiterte. 

Sobald das Volk die politische Macht 
verliert, beansprucht sie der Staat für 
sich; umgekehrt müssen die Massen 
alle Macht an sich ziehen, die nicht 


Foto: Monika FoIImann 

beim Staat liegt. Bei den heutigen 
politischen Parteien handelt es sich 
entweder um Staaten im Besitz der 
Macht oder aber - solange sie nicht an 
der Regierung sind - um solche, die auf 
die Machtübernahme warten. Sie wollen 
als staatliche Organe operieren, also 
kommen sie angesichts der Staatsmacht j 

gar nicht umhin, den Staat in einem 
gewissen Grade zu imitieren. Wollen i 

sie an die Macht gelangen, so müssen ; 

sie sich ebenso zwangsläufig top-down l 

als verlängerte Staatsorgane konsti¬ 
tuieren, wie kapitalistische Unterneh- i 

men sich - ungeachtet ihrer angeblichen 
Verpflichtung auf das „Gemeinwohl“ - j 

an der Allgemeinheit bereichern müs¬ 
sen. Eigenü ich istes doch so: Je kräftiger 
der libertäre Anstrich von Parteien, , 

Unternehmen, ja selbst von Staaten j 

leuchtet, desto krasser besudeln sie 
genau jenes öffentliche Ehrenamt, das 
ihnen angeblich so teuer ist. 

Ein solches Spannungsverhältnis 
zeigte sich auch bei den GRÜNEN in 
Deutschland, die ja zunächst den An¬ 
spruch erhoben hatten, eine „Anti- I 

Parteien-Partei“ zu sein. Einmal im j 

Bundestag, konnten siediese Spannung 
nicht beliebig lange durchhalten. Auch 
wenn ihre Sprecherinnen von den besten 
Absichten beseelt gewesen sein moch¬ 
ten, so muß ten doch infolge der Teil habe I 

der Partei am Staat alle „Anti-Partei“- ! 

Vorstellungen unweigerlich zugunsten ! 

der Parteiorientierung in den Hinter- j 

grund treten. Inzwischen sind die j 

Grünen von einer Gefahr für die Gesell- ! 

schaftsordnung in Deutschland zu einer j 

ihrer wichtigsten Stützen geworden. j 

Dahinter steckt kein böser Wille bei I 

diesem oder jener Grünen. Es ist viel¬ 
mehr die unvermeidliche Folge, wenn 
man im Staat agiert statt gegen ihn. Wer 


SF 2/97 [23] 








den Staat mit dessen eigenen Mitteln 
bekämpfen will, wird im Gegenteil 
zwangsläufig vom Staat selbst gesteuert 
und geformt. 

Im Unterschied zu den Marxisten 
erblicken die Sozialanarchisten im Staat 
an sich ein mächtiges institutionelles 
Hindernis auf dem Weg zum libertären 
Sozialismus oder Kommunismus. 
Wenn sie in einer bürgerlichen Republik 
zur Wahlenthaltung aufrufen, bezeugen 
sie damit ihre Entschlossenheit, dem 
Staat seine Legitimation zu entziehen 
und den Mythos, er sei für die „öffent¬ 
liche Ordnung“ und eine wohlorgani¬ 
sierte Gesellschaft unentbehrlich, zu 
demontieren. Mit ihrer Verweigerung 
gegenüber parlamentarischen Ritualen 
wollen die Sozialanarchisten das auto¬ 
ritäre Fundament des'Staates enthüllen, 
seine Legitimität als „naturgegebener“ 
Hort der Ordnung zerstören und seinen 
Anspruch durchkreuzen, über den Klas¬ 
sen zu schweben und - im Unterschied 
zur Inkompetenz der Massen bei der 
Wahrnehmung der öffentlichen Ange¬ 
legenheiten - über die alleinige Kom¬ 
petenz zur Machtausübung zu verfügen. 

Bei dieser Verantwortung des Sozial¬ 
anarchismus für die Aufgabe, den Kapi¬ 
talismus und den Nationalstaat sowie 
ihre gegenseitigen Verbindungen zu ent¬ 
zaubern, also ihre Legitimität als „na¬ 
turgegebene“ apriori-Phänomene in 
Frage zu stellen, handelt es sich kei¬ 
neswegs um ein bloßes theoretisches 
Konstrukt. Reale Folgen für die Men¬ 
schen werden sich nur dann zeigen, 
wenn dieses Ziel sich in einer für alle 
erkennbaren Praxis widerspiegelt - einer 
Praxis, die die Forderung nach Refor¬ 
men des existierenden Systems (worauf 
es sich immer mal einläßt) in den Ruf 
nach seiner revolutionären Umgestal¬ 
tung verwandelt (gegen die es sich stets 
sperren wird). 


III 

Viele Leserinnen des SF wissen es be¬ 
reits: Für mich ist der Sozialanarchismus 
mit der Errichtung einer Demokratie 
von Angesicht zu Angesicht verbunden, 
die den Menschen eine direkte Mit¬ 
wirkung an ihren gemeinschaftlichen 
Angelegenheiten ermöglicht. Im Ge¬ 
gensatz zur „repräsentativen Demo¬ 
kratie“ (ein Widerspruch in sich!) lebt 
eine libertäre Demokratie von Volks¬ 
versammlungen auf Gemeindeebene, 


die an die Stelle der derzeitigen Kom¬ 
munalmagistrate treten. Diese Ver¬ 
sammlungen stehen allen Erwachsenen 
zur Mitentscheidung offen (jedenfalls 
denen, die sich beteiligen möchten). 
Hier kann die Gemeinschaft selbst über 
ihre Angelegenheiten bestimmen. In den 
Versammlungen läuft nichts im gehei¬ 
men ab; sondern sie unterliegen der 
öffentlichen Kontrolle. 

Ich habe dieses kommunalistische 
System bürgerlicher Selbstverwaltung 
„Libertärer Kommunalismus “ getauft. 
Als politische Lehre von der direkten 
Demokratie bildet der Libertäre Kom¬ 
munalismus einen scharfen Gegensatz 


zu Staat, Parlamentarismus und dem 
Repräsentativen Prinzip. Das Wort 
Politik bleibt dort einzig und allein der 
Regierung einer Gemeinschaft mittels 
direkter Präsenz in der Volksversamm¬ 
lung Vorbehalten. Auch wenn ich Gefahr 
laufe, mich zu wiederholen, so muß ich 
noch auf das Spannungsverhältnis zu 
dem diametralen Gegenbegriff hin wei¬ 
sen, nämlich zur Staatsräson [state- 
craft ], bei der das staatliche Gewalt¬ 
monopol letztlich zu einem System 
hauptberuflicher Top-down-Repräsen- 
tanten geführt hat. 


Der Libertäre Kommunalismus be- 


_ ruht auf der Überzeugung, daß die Stadt 

Lwi/llkireWISBBBWWB 


Politische Vierteljahreszeitung 1-97 


„Beschäftigung" - 
„Globalisierung" - „Standort"... 

Anmerkungen zum kapitalistischen 
Verhältnis zwischen Arbeit und Reich¬ 
tum (II) 

Aktuelle Fälle von Recht und 
Politik in Deutschland 

Juristische DDR-Bewältigung - Terroristen¬ 
prozesse - Mykonos-Prozeß - Der Fall Schmid¬ 
bauer/Mauss - Deutsch-tschechische 
Aussöhnungserklärung - Der Fall Lopez 

Vom Kanzler der Einheit 
zum Kanzler des Niedergangs? 

üne Nation hadert 
mit ihrem Führer 

Bosnien - Kroatien - Serbien 

Das Ergebnis der Zerschlagung 
Jugoslawiens - drei Mal 
beaufsichtigter Nationalismus 

Albanien - Bulgarien 

Aufruhr in Europas neuem Hinterhof 

Ein Fiskus ohne Finanzen, ein Volk: ohne Lohn, 
sin aat ohne Macht und eine Regierung, die 
alles regiert 

Eigenarten des russischen Notstands 

Eine Seele groß wie Rußland 

ßoris Nikolajewitsch Jelzin 

Brasilien 

Ein Fall von „Emerging" 


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[24] SF 2/97 - 






- die ohnehin noch vor dem Staat auf 
der geschichtlichen Bühne erschien - 
das grundlegende Feld menschlicher 
Gemeinschaftsbildung außerhalb des 
Kreises von Familie, Freunden und Ar¬ 
beitskollegen darstellt. Die Gemeinde - 
in größeren Städten das Stadtviertel - ist 
die wahre Heimstätte der Politik im 
etymologischen Sinn einer direkten 
Demokratie, wie sie in der athenischen 
polis des 5. vorchristlichen Jahrhunderts 
herrschte. (Natürlich sehe ich in Athen 
kein „Vorbild“ und erst recht keine 
libertär-kmmunalistische Idealstadt, 
auch wenn mir das häufig unterstellt 
wird. Gleich meinen Kritikern bin auch 
ich mir über die freiheitsfeindlichen 
Züge und die sonstigen Schwächen des 
antiken Athen im klaren; aber wir sollten 
uns doch dadurch nicht davon abhalten 
lassen, die funktionsfähigen Institutio¬ 
nen einer direkten Kommunaldemo- 
kratie zu studieren, wie sie seinerzeit in 
der sich selbst regierenden polis Athens 
entstanden waren.) Wenn wir uns ein 
Bild davon machen wollen, wie ein 
Libertärer Kommunalismus in der 
Praxis aussehen könnte, so liefern uns 
die in Athen - und fast nur dort - 
entwickelten demokratischen Institu¬ 
tionen unschätzbare Hinweise. Dies gilt 
vor allem für die Versammlung, die 
ckklesia. 

Eine bestimmte anarchistische Strö¬ 
mung lehnt Demokratie in jeglicher 
Form ab, weil damit die Mehrheit der 
Minderheit ihren Willen aufzwingt. 
Anders als die sozialistische Richtung 
im Anarchismus mit ihrer Betonung 
der gesellschaftlichen Freiheit stellt 
diese eigentlich liberalistisehe Richtung 
die persönliche Autonomie in den Mit¬ 
lolpunkt. Ich denke, wenn hier ein Ent¬ 
scheidungsverfahren autoritär ist, dann 
mchtdas Mehrheitsprinzip, sondern die 
Forderung dieser Individualanarchisten 
nach Konsens im großen Stil. Keine 
Gesellschaft kann funktionieren, die der 
Tyrannei der Einzelnen ausgesetzt ist, 
wenn diese glauben, sich den Wünschen 
der Mehrheit in den Weg stellen zu 
dürfen. 

Der Libertäre Kommunalismus ist 
a uch keine lokalistische Lehre; er geht 
nicht davon aus, daß Gemeinden auto- 
n °m und nur auf sich selbst gestellt 
existieren können. Ganz im Gegenteil: 

der heutigen Gesellschaft sind alle 
Gemeinschaften und Regionen bei der 
Befriedigung ihrer Bedürfnisse von¬ 
einander abhängig. Hier tritt jetzt immer 



der Staat auf den Plan, doch der Sozial¬ 
anarchismus bietet eine Alternative 
dazu: die Föderationen , der libertäre 
Weg zur Pflege der gegenseitigen Be¬ 
ziehungen. Im Libertären Kommuna¬ 
lismus entsenden die Gemeinden ihre 
Delegierten miteinem festgelegten und 
jederzeit widerrufbaren Mandat in den 
Föderationsrat; dort wird dann umge¬ 
setzt, was die einzelnen Versammlun¬ 
gen beschlossen haben. Ein solcher Rat 
darf einzig die administrative Durch¬ 
führung von Maßnahmen festlegen und 
keinesfalls politische Grundsatzent¬ 
scheidungen fällen; diese bleiben den 
Volksversammlungen Vorbehalten. 

In einer Föderation wird nicht reprä¬ 
sentiert, sondern koordiniert. Was im 
Grundsatz zu geschehen hat, entscheidet 
jeweils die Mehrheit der Gemeindebür¬ 
gerinnen; genau dies kennzeichnet das 
Föderale Prinzip . Zusammengefaßt 
finden sich meine Ansichten zur Liber¬ 
tären Föderation in dem vor kurzem er¬ 
schienen Buch von Janet Biehl Liber¬ 
tär ian Municipalism: The Politics of 
Social Ecology (Black Rose Books, 
Montreal 1997). Am ausführlichsten 
habe ich den Libertären Kommuna¬ 
lismus in Die Agonie der Stadt (Trotz¬ 
dem Verlag 1996, über den SF be¬ 
ziehbar) dargestellt. 

Der Libertäre Kommunalismus, der 
ja eine Variante des anarchistischen 
Kommunalismus ist, will alle wirt¬ 
schaftlichen Angelegenheiten auf die 
Gemeinde übertragen. D.h. jede Volks- 
versammlung kontrolliert die wirt¬ 


schaftlichen Aktivitäten auf ihrem 
Stadtgebiet. Eine derartige Vergemein¬ 
schaftung ist etwas ganz anderes als 
Nationalisierung, denn bei letzterer wird 
auch wieder nur der Staat gestärkt und 
das Management kann rasch totalitäre 
Züge annehmen. Sie folgt aber auch 
nicht dem syndikalistischen Ansatz, bei 
dem die Wirtschaftsmacht von Arbei¬ 
terkollektiven ausgeübt werden soll, 
weil das dann wiederum kapitalistische 
Kollektivunternehrnen entstehen ließe. 
Nein, in einer vergemeinschafteten 
Wirtschaft entscheiden die B ürgerlnnen 
auf ihren Versammlungen direkt über 
ökonomische Fragen, und sie lassen 
sich dabei nicht von ihren jeweiligen 
Fach- oder Berufs-interessen zugunsten 
bestimmter Unternehmen leiten, son¬ 
dern vom Wohl der gesamten Gemein¬ 
schaft. 

Sollten wir ernsthaft an der Fähigkeit 
der Menschheit zweifeln, eine direkte 
Demokratie nach Art des Libertären 
Kommunalismus zu schaffen, dann 
müssen wir uns m.E. nicht nur vom 
Sozialanarchismus verabschieden, 
sondern können uns jede Bemühung 
um eine humanistische und rationale 
Gesellschaftsordnung sparen. Zwar 
existiert eine Alternative: der Syndi¬ 
kalismus, die unter Arbeiterkontrolle 
gestellte Wirtschaft. Könnte ich nur 
hoffen, daß dies auf konsequent libertäre 
Weise möglich ist, dann wäre mir auch 
dieser Weg zu einer Sozialanarchisti¬ 
schen Gesellschaftsordnung willkom¬ 
men. Nur stört mich noch der Berufs- 


SF 2/97 [25] 










Die Monatszeitung für Selbstverwaltung 
Unsere Schwerpimktthemen: 


Schwerpunkt Januar 1997: 
Regionalentwicklung Schweiz 
Aufbruch Basel 


Soziale Ökonomie; »Local work for local peo 
ple using local resources« • Region Basel: Ver¬ 
eine in die) soziale Ökonomie • Die Fördera¬ 
tion »Netzwerk Zukunft« • Tauschen ohne Bar¬ 
geld in Basel 


Schwerpunkt Februar 1997: 
Sozialabbau am Beispiel 
Berlin-Wedding: Projektesterben 


Mädchenladen Wedding • Frauenladen der Ber¬ 
liner Suchthilfe • Frauenladen der AWO ■ Auto- 
feminista • LesbenarchivSpinnboden • Weddin¬ 
ger Kinderfarm • AWO Frauenprojekte • Putte, 
Fabrik Osloer Straße • Projekt Lernstatt e.V. • 
Stadtteilladen Rat & Tat 


Schwerpunkt März 1997: 

Kommerz & Alternativer Welthandel 
Vom Antiimperialismus zum FairTrade 


Kommerz im alternativen Welthandel? • Inter¬ 
view mit einem Mitarbeiter des Marburger 
Weltladens - El Punte GmbH: Partnerschaft le¬ 
ben! 


Schwerpunkt April 1997: 
Tauschwirtschaft 
Schattendienste werden sichtbar 


MORE: Das Herz von Grane Hill ■ Seniorenge¬ 
nossenschaften • Tauschgeld Lohn für Hausar¬ 
beit? • 3. bundesweites Tauschringtreffen in 
Kassel • Tauschringe in Oberösterreich • 
Tauschring Heidelberg u.v.m 


ln Vorbereitung: 

Kommunen • Europa ■ Freie Radios 
• Wohnungsgenossenschaften 


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D-69035 Heidelberg, Fax (0 62 21) 16 44 89 


egoismus, mit dem der Syndikalismus 
bislang belastet ist. Außerdem besteht 
wenig Grund zu der Hoffnung, syndi- 

kalistischeGewerkschaftenkönntendie 

einer Fabrikgesellschaft gemäßen 
hierarchischen Strukturen vermeiden. 

Auch wenn die Werktätigen eine 
zentrale Rolle bei der Umgestaltung 
der Gesellschaft spielen, so sind doch 
die Zeiten einer Hegemonie des Pro¬ 
letariats vorbei, die ihm Marxisten wie 
Syndikalisten gleichermaßen zuge¬ 
schrieben hatten. Die Sozialanarchisten 
müssen darüber hinaus die Lebens¬ 
bedingungen aller Menschen im Blick¬ 
feld haben, die bei der libertären Umge¬ 
staltung beteiligt sein werden. Schlie߬ 
lich sind die Werktätigen auch Men¬ 
schen: Sie leben in ihren Gemeinden» 
leiden unter Umweltverschmutzung, 
haben Probleme bei der Ausbildung 
ihrer Kinder und der Versorgung ihrer 
Familien. Sie sind nicht ausschließlich 
ein Produkt ihres Arbeitsplatzes, son¬ 
dern sind Bürgerinnen ihrer Gemeinde 
und von den dortigen Entwicklungen 
auch in ihrer Freizeit tangiert. 

Wer sich näher mit der Geschichte 
der Revolutionen befaßt, wird bald er¬ 
kennen, daß kein Volksaufstand aus¬ 
schließlich ökonomische und soziale 
Komponenten besaß; es ging stets auch 
um das Leben in den Siedlungsgemein¬ 
schaften. Wir könnten überhaupt nicht 
verstehen, wieaus Arbeitern und Bauern 
bis hin zu radikal eingestellten Teilen 

der Mittelschicht revolutionäre Massen 

werden konnten, wenn wir den Blick 
auf die Gemeinden und Wohnviertel 
versäumten, die ihnen den Kontakt 
untereinander ermöglichten und in deren 

Rahmen sich auch in der privaten Le¬ 
benssphäre eine poliüsche Kultur aus¬ 
bilden konnte. 

Am Libertären Kommunalismus wird 
immer kritisiert, unsere Städte seien für 
eine Selbstverwaltung durch Volksver¬ 
sammlungen viel zu groß geworden 
selbst wenn Städte wie New York, Paris 
oder Mexico City sich in ihre Wohn¬ 
viertel aufteilen und dort lokale Ver¬ 
sammlungen einberufen würden, denn 
auch diese wären noch zu groß für eine 
praktikable Entscheidungsfindung. 
Doch dabei wird meistens einfach un¬ 
terstellt, in den Versammlungen würde 
sich die gesamte Bevölkerung ein¬ 
schließlich der Kleinstkinder, der Kran¬ 
ken, der pflegebedürftigen Greise und 


der Unzurechnungsfähigen zusam¬ 
menfinden. Eine der wichtigsten kom- 
munalistischen Revolutionen verdan¬ 
ken wir den demokratischen Volksver¬ 
sammlungen von 1793 in Paris; die 
Stadt hatte damals 700.000 Einwohner 
und war in 48 sections eingeteilt. Die 
gleiche sektionale Demokratie finden 
wir 1848 und 1871, obgleich Paris in¬ 
zwischen auf 2 Millionen an gewachsen 
war. 

Kritik dieser Art geht auch davon 
aus, alle Teile einer Großstadt würden 
sich sozusagen im Gleichschritt ent¬ 
wickeln, oder niemand würde eine 
einzige Versammlung auslassen - ganz 
gleich, wie gut oder schlecht die An¬ 
reisemöglichkeiten sind. Schließlich 
meint man auch, wir würden es bis in 
alle Ewigkeit mit den Großstädten 
modernen Zuschnitts zu tun haben. Dem 
Libertären Kommunalismus liegt aber 
ein prozeßhafter Politikbegriff zu¬ 
grunde - ein zugegebenermaßen lang¬ 
wieriger Prozeß in wechselndem Tem¬ 
po. In manchen Gebieten wird sich das 
politische Bewußtsein rasch entwickeln, 
in anderen langsamer. Auch müssen 
wir damitrechnen, daß die Institutionen 
einem heute noch gar nicht absehbaren 
Wandel mit verschiedenen Durchgangs¬ 
stadien unterliegen werden. Aus heu¬ 
tiger Sicht läßt sich nur ein anarchi¬ 
stischer oder kommunalistischer Poli¬ 
tikansatz auf den Weg bringen, der dann 
über die Jahre sein eigenes Bewegungs¬ 
gesetz entwickeln muß; in dieser Zeit 
werden aber die Institutionen in den 
Städten sich erheblich verändern und 
zum Schlußpunkt einer allgemeinen 
Dezentralisierung hinführen. 


IV 

Allen modernen Märchen zum Trotz, 
die uns den Staat als Garanten der 
„Öffentlichen Ordnung“ oder als Repa¬ 
raturinstanz für soziale Verwerfungen 
schildern (wozu auch die wachsenden 
Mißstände im Gefolge des modernen 
Kapitalismus zählen), bleibt der Staat 
nun einmal eine Interessenvertretung 
der Großwirtschaft - und das heißt: einer 
Klasse verpflichtet. Nur mit Hilfe des 
modernen Staates können die Konzerne 
expandieren und ihre Macht festigen. 

Heute redet jeder vom „globalen 
Kapitalismus“, und es ist natürlich 
verführerisch für die Linke, sich nur 


[26] SF . 2/97 









auf wirtschaftliche Machtzusam- 
•nenballungen zu konzentrieren und, 
anstatt den Staat zu bekämpfen, von 
dort sogar noch Hilfe gegen die alles 
verschlingenden globalen Unterneh- 
n, en zu erwarten. Doch verliert man 
damit eine Grundeigenschaft des 
Staates aus dem Auge, nämlich seine 
Bindung an die Interessen von Besitz 
nnd Reichtum. Man muß doch nicht 
den Staat gegen die Konzerne stärken, 
nur weil diese autoritär geprägt sind. 
Das waren sie schließlich immer. Die 
Fabrikbesitzer der Industriellen Revo¬ 
lution vor zweihundert Jahren trafen 
ltlr e Entscheidungen mit derselben 
'Arroganz wie nur irgendein Vorstands¬ 
vorsitzender unserer Tage, und mit 
denselben einschneidenden Auswir¬ 
kungen auf zahllose Menschen. Es über¬ 
rascht mich, der ich in Tarifkommissio- 
nen mitgearbeitet und dabei das Raub- 
dergebaren der Manager und Kapi- 
la,is tcn erlebt habe, schon sehr, wenn 
sich heute noch Linke von dem autori- 
Klima in Industriebetrieben und 
eiizernVerwaltungen überrascht zei¬ 


gen. 

Grundelement des Kapitalismus sind 
nun mal die kapitalistischen Unterneh¬ 
men, und da ist es doch naiv, von den in 
deren Dienst stehenden staatlichen 
Institutionen zu erwarten, ausgerechnet 
sie könnten diese Unternehmen bän¬ 
digen oder gar zurückdrängen. Was 
diese derzeitige Tendenzauf der Linken, 
dem Kapital mit staatlichen Mitteln Pa¬ 
roli zu bieten, zum Scheitern verurteilt, 
ist der schlichte Widerspruch zwischen 
ihrer Hoffnung , die staatliche Ma¬ 
schinerie könne die bourgeoise Pro¬ 
duktions- und Wachstumsdynamik 
unter Kontrolle halten, und der Tat¬ 
sache, daß das Kapital sich ebendiese 
Maschinerie selbst geschaffen hat, um 
die gesamte Gesellschaft unter ihre 
Kontrolle zu bringen. 

Ebenso wenig wieeinen Großkonzem 
können wir den Staat von innen heraus 
bekämpfen. Gegen beide - Staat und 
Kapitalismus - bedarf es des Aufbaus 
einerGegenmacht. Deren konsequenter 
Widerstand gegen den mit Recht so 
genannten Staatskapitalismus muß sich 


Foto: Sabine Adorf/Version 

auf die unterschiedlichsten Kräfte 
stützen, von denen viele gar nicht neu 
sind und nurden Gegebenheiten unserer 
Zeit angepaßt werden müssen. 

Schöpfer dieser Gegenmacht aber 
können allein die Massen sein - all die 
vielen Menschen, die sich beiseitege¬ 
schoben sehen, die um ihre ökono¬ 
mischen und politischen Rechte ge¬ 
bracht, vom Staat und seinen Institu¬ 
tionen unterdrückt und ihres Wesens 
beraubt sind. Vor diesen gesellschaft¬ 
lichen Instinkten verblassen auch die 
klassischen Abgrenzungen zwischen 
Proletariat und Kleinbürgertum. Da sind 
die Industriearbeiterinnen, deren Exi¬ 
stenz - nicht anders als die der Ange¬ 
stellten - jederzeit dem technischen 
Fortschritt zum Opfer fallen kann; da 
siehtsichderEinzelhändler der Invasion 
der großen Handelsketten gegenüber; 
da werden selbstLehrkräfte überflüssig, 
indes elektronische Lehrmittel an ihre 
Stelle treten. Die Reihe derer, denen die 
Gesellschaft buchstäblich keinen Platz 
zum Leben mehr läßt, nimmtkeinEnde. 

Gesellschaftlich läßtsich diese Masse 

SF 2/97 [27] 








BEfaasa 



| 


nicht klar definieren. Diese Menschen 
wohnen nebeneinander und sehen sich 
denselben Problemen gegenüber: Zu¬ 
sammenbruch der Infrastruktur ihrer 
Gemeinde, Umweltverschmutzung, 
vernachlässigte Kinder, Arbeitsüber¬ 
lastung, Verfall der Innenstädte bei 
gleichzeitig wuchernden Einkaufs¬ 
zentren. Zwar resultieren all diese 
Probleme aus dem Kapitalismus, doch 
entziehen sie sich den traditionellen 
Klassenkategorien. Gleichzeitig nimmt 
die Ungleichheit der Einkommens- und 
Vermögensverteilung - zumindest in 
den USA - ein noch nie dagewesenes 
Ausmaß an. Dem Durchschnittsmen¬ 
schen ist schon klar, daß es die Ha¬ 
benden gibt und die Habenichtse; daß 
die einen übereinen geradezu obszönen 
Reichtum verfügen, während die an¬ 
deren erleben müssen, daß ihr Ein¬ 
kommen, ihre Ausbildungschancen, 
ihre medizinische Versorgung und ihre 
soziale Mobilität in erschreckendem 
Tempo dahinschwinden. 


Wenn der Libertäre Kommunal ismus 
vor allem die Kommunen in die Lage 
versetzen will, die Macht vom Staat 
und von den Wirtschaftsuntemehmen 
zurückzuerobem, verkennt er keines¬ 
wegs die elementaren Beleidigungen, 
die unsere Gesellschaft den Armen und 
Unterprivilegierten zufügt. Aber wäh¬ 
rend die meisten Linken auf die staat¬ 
lichen Institutionen starren, um dort 
ihren infinitesimalen Einfluß ausüben 
zu können, liegt die große Chance der 
Sozialanarchisten in einer neuen, an 
ihren höchsten Idealen orientierten 
praktischen Politik. Nur sie können 
gegen den Staat die Forderung nach 
Macht für die Gemeinschaft Vorbringen 
- einer echten, institutionalisierten, kon¬ 
kreten Macht. Nur sie können sich daran 
machen, auf der lokalen und regionalen 
Ebene föderierte Organisationen „zum 
Anfassen“ zu errichten, also das Forum 
für die öffentliche Debatte über alles, 
was die Menschen in der Gemeinschaft 
bewegt. 


Die „Kommune“ - worunter wir heute 
die politische Gemeinde verstehen - ist 
ja zu allen Zeiten der Grundstein der 
sozialanarchistischen Vision von einer 
libertären Gesellschaftsordnung gewe¬ 
sen. Erstens gab es Kommunen schon 
vor dem Staat, und zweitens bildeten 
sie später häufig genug die Antithese 
dazu, so etwa in den Auseinanderse¬ 
tzungen zwischen den Städten auf der 
einen Seite und den Feudalherren, den 
absoluten Monarchien oder auch den 
zentralistischen Institutionen der eli¬ 
tären Revolutionäre vom Schlage der 
Jacobiner und ihrer Erben, der Bolsche¬ 
wiken, auf der anderen Seite. Zwischen 
Gemeinde und Staat hat ein lang- 
dauerndes Spannungsverhältnis bestan¬ 
den, und das historisch spätere zwischen 
Föderationen und dem modernen Na¬ 
tionalstaat steht dem in nichts nach. 

Ich möchte mich also für eine neue 
libertäre Politik aussprechen, an deren 
Ende die politische Macht, statt beim 


Foto: Theo Heimann 









Staat, wiederbei den Menschen in ihren 
Kommunen liegt. Dabei denke ich, wie 
schon gesagt, als Sozialanarchist nicht 
nur an engagierte Proteste, sondern an 
den Aufbau einer auf das Ziel einer 
direkten Demokratie gerichteten Be¬ 
wegung. Diese Forderung, die die 
Menschen in den Städten real an die 
Macht bringen soll, müssen die Sozial¬ 
anarchisten zu der ihren machen. Woes 
Gemeindeverfassungen gibt, muß die 
Berechtigung der Bürgerversamm¬ 
lungen zu einschneidenden Beschlüssen 
über die örtlichen Belange darin Ein¬ 
gang finden. Sozialanarchisten sollten 
sogar - doch, doch - Kandidatinnen in 
die Gemeindeparlamente entsenden und 
dort für eine stärkere Beteiligung der 
Bürgerversammlungen an der Kom¬ 
munalpolitik eintreten. 

Da viele der heutigen Stadtregie¬ 
rungen staatlich geprägte Funktionen 
ausüben oder auf staatliche Unterstü¬ 
tzung angewiesen sind, mache ich mir 
keine Illusionen über ihre Reaktionen 
auf derartige Bestrebungen. Wo So¬ 
zialanarchisten für Bürgerversamm¬ 
lungen eintreten, werden sie unter den 
Menschen, die es angeht, immer nur 
eineMinderheitdarstcllen. Jedoch wird 
sich dadurch ein Potential für politische 
Macht, für Diskussionen und Lernpro¬ 
zesse bilden, und aus diesem Potential 
kann sich dann langsam und mühevoll 
eine Gegenmacht zum Staat bilden - 
und sofern aus dem Kreis der Wirtschaft 
genügend Unterstützung gewonnen 
w ird, auch eine Gegenmacht zum Big 
Business. Und wenn dann viele Men¬ 
schen diese duale Macht stärken, kann 
sieschließlichdiedirekte Konfrontation 
mit dem Staat und den kapitalistischen 
Strukturen suchen und eine libertär¬ 
kommunistische^Gesellschaft erkäm¬ 
pfen. 

Was ich hier vorschlage, fügt sich 
a uch in die anarchistische Idealvorstel¬ 
lung von der „Kommune der Kommu- 
nen“ ein. Ich kann mir eigentlich über- 
hauptkeinen anderen libertär geprägten 
Weg vorstellen, auf dem das Volk der 
Staatsmaschinerie ernstlich gefährlich 
werden könnte. Ich habe nun jahr¬ 
zehntelang Gewerkschaftsarbeit be¬ 
trieben und in Organisationen für direkte 
Aktion (z.B. der Bürgerrechtsbewegung 
und der Clamshell-Anti-AKW-Allianz) 
sowie bei der Neuen Linken mitgewirkt, 
ich war auch an der Gründung der US- 
Grünen beteiligt, bevor diese in die 



Foto: Ralf Land 


nationale Politik gingen, und ich sehe 
nur meine anarchistische Überzeugung 
bestätigt, daß nämlich jede pariamen-. 
tarisch gestaltete Politik von Natur aus 
korrumpiert. 

Wer die Anti-Staats-Haltung als 
bloßes Idealmodell ansieht und blind 
ist für ihre Praxisrelevanz, läßt damit 
vermuten, daß er weder das Ideal noch 
die Praxis ernst nimmt. Denn eine Ent¬ 
scheidung für den Reform-Parlamen¬ 
tarismus und für staatsfixiertes „poli¬ 
tisches“ Handeln, vielleicht noch gar 
innerhalb der Parteien, ist gleichbe¬ 
deutend mit einer Überlebensgarantie 
für Staat und Kapitalismus und miteiner 
Unterwerfungserklärung unter autori¬ 
täre Institutionen, sofern man nur einen 
Rest Freiraum erhielte, in dem man sich 
mit Erlaubnis der modernen bürger¬ 
lichen Gesellschaft bewegen dürfte. 

Wir können unsere Ideale den Men¬ 
schen, die sie noch nicht kennen, nur 
durch eine dazu passende Praxis ver¬ 
mitteln. Stehen Ideale im Widerspruch 
zum Alltag, dann verkommen sie leicht 
zu Tagträumen, wenn nicht zu Schlim¬ 
merem. Aus der Geschichte wissen wir, 
welche furchtbaren Folgen für die Ge¬ 
sellschaft es hatte, wenn in einer von 
den hehrsten Idealen befeuerten Kreuz¬ 


zugsbewegung - ob christlich oder so¬ 
zialistisch - Ideal und Praxis aus¬ 
einanderfielen. Ohne eine Praxis, in der 
sie sich verkörpern können, verblassen 
unsere Ideale zu reinen Einbildungen, 
die wir nach Wunsch pflegen oder 
verwerfen können - ja, mit denen man 
sogar ein gänzlich plattes, dem Sozial¬ 
anarchismus wesensfremdes Polit- 
verhalten noch scheinbar aufpeppen 
könnte. 

A us dem Amerikanischen 
übersetzt von Helmut Richter 












Aufgegriffen 

zusammengestellt von 


Wolfgang Haug 



Organisierung - aber wie? 

Beispiel 1:25 Jahre a&k 
(ehemals Arbeiterkampf 
und KB) 



Der Kommunistische Bund sah sich 
nach den Hochzeiten der ML-Bcwe- 
gung, nach den Spaltungen in Mchr- 
heitsfraktion und Minderheitsfraktion 
(Gruppe Z), gerne als Bindeglied zwi¬ 
schen den reformistischen Grünen und 
den radikalen Autonomen. Mit der Zeit 
wurde der KB von seiner Schamier- 
funktion so bestimmt, daß der Rechts¬ 
drall der Grünen und der politische Zer¬ 
fall der Autonomen den KB im poli¬ 
tischen Vakuum stehen ließen, - und 
das ohne eigene politische Inhalte und 
ohne eigene Aktivistenbasis. Der KB 
nahm - wie viele andere Linke - die 
Rechtsentwicklung und Anpassung (die 
nach dem deutschen Herbst begann) 
der neuen Mittelschichten, die weiterhin 
ihre politische Heimat in den GRÜNEN 
finden, nicht ernst genug. Immerhin 
vcrhalf diese Entwicklung seiner Zei¬ 


tung a & k zu einem jährlichen Spen¬ 
denaufkommen seiner ehemaligen Ak¬ 
tiven von ca. 40.000.-DM (beneidens¬ 
wert! , das muß auch einmal zugegeben 

werden); damit läßt sich bis heute, wenn 

auch nicht die politische, so doch zu¬ 
mindest die Arbeit an der Zeitung gut 
absichern. Der ursprüngliche Politik¬ 
ansatz des KB, mit dem er bundesweit 
Bedeutung erlangte, nämlich politische 

Bündnisse zusammenzubringen, gehört 

jedoch nunmehr seit Jahren der Ge¬ 
schichte an. Der Ausweg für die KB- 
Aktivisten bestand in der politischen 
Einflußnahmeauf dieGrünen und später 
auf die PDS. Das aber hieß, anstatt der 
bisherigen Politik in der ersten Person 

in den Basisbewegungen, nunmehreine 

Politik von Oben zu machen, über die 
Mitgliedschaft in den Parteiapparaten 
und die Präsenz in den Medien. Daß es 
dabei zu gremienpolitischen Spiele¬ 
reien, zu Hinterzimmermauscheleien 
und zur unmerklichen Anpassung alter 
Kader an die neue/alte bürgerliche Ge¬ 
mächlichkeit kommen mußte, liegt auf 
der Hand. Als 1989 die DDR von der 
DM einverleibt wurde, wiederholtesich 
dieses politische Sackgassengeschäft 
mit der PDS. 

1988 wurde aus dem Arbeiterkampf 
der ak, Analyse und Kritik. Der Versuch 
der KB-Minderheit (Gruppe K, Baha¬ 
mas) aus der politischen Sackgasse via 
eine neue politisch aktive Mitglieder¬ 
basis, die Radikale Linke”, herauszu¬ 
kommen, konnte sich nur 1990 kurz¬ 
zeitig über die “Nie-wieder-Deutsch- 
land”-Kampagne in Szene setzen. Im 
Oktober 1995 löste sich die Gruppe K, 
die sich anfangs auch zum libertären 
Kommunismus bekannte, selbst auf. 
Ihre Zeitschrift Bahamas hat diese 
Auflösung überlebt, wird aber nur noch 
von der Berliner Gruppe gemacht. 

DicKB-Mehrheitsfraktion und damit 
der a&k arbeitet weiter über die Par¬ 
teiapparate, hauptsächlich der PDS, - 
und ist so den ehemaligen Trotzkisten 
um die Zeitung SOZ vergleichbar, die 
sich ebenfalls der PDS angeschlossen 
haben. Die wesentliche Arbeit beider 
Gruppen beschränkt sich heute (zwangs¬ 
läufig) auf die Zeitungsarbeit. Diese 
Entwicklung führte logischerweise zur 
direkten Kooperation mit der SOZ, so 
daß inzwischen gemeinsame Beilagen 
herausgegeben werden. 


Beispiel 2:20 Jahre FA U 



Die FAU will "raus aus der Anarcho- 
Ecke", so eine Selbstanalysc 1997 in 
der Direkten Aktion Nr. 120. Man will 
eine “klassenkämpferische Einheits¬ 
organisation”. "Wir sollten auf typisch 
anarchistische Symbole und pseudore- 
voluzzerhaftes Vokabular verzichten. 
Zwanzig Jahre FAU als linksradikale 
anarchistische Sekte haben deutlich 
gezeigt, daß eine Sackgasse, auch wenn 
sie lang ist, immer eine Sackgasse 
bleibt." So die selbstkritischen (oder 
markigen?) Worte eines Hamburger 
Mitglieds. Stehen die Massen vor der 
Tür und zieren sich, der anarchosyndi- 
kalistischen Organisation beizutreten, 
weil zuviel anarchistische Symbolik 
betrieben wird? Wohl kaum. Auch sollte 
es den Anarchismusgegnern Vorbe¬ 
halten bleiben, Anarchismus mitRcvo- 
luzzertum und "Sekte" glcichzusclzcn. 
Wir erleben derzeit in den offiziellen 
Medien in Sachen Albanischer Bür¬ 
gerkrieg ja wieder einmal den infla¬ 
tionären Gebrauch des Wortes Anarchie 
gleichgesetzt mit Chaos und Durch¬ 
einander, da müssen wir nicht selbst 
den Sprachhülsen unserer Verleumder 
auf den Leim gehen und uns "fort¬ 
schrittlich" empfinden, wenn wir diese 
reaktionären Floskeln nachäffcn.Doch 
das nur nebenbei. 

Wie sollen wir aber die neuen (pseudo- 
revolutionären) Vokabeln deuten? 
“Klassenkampf’ steht in rot über dem 
Artikel, “Karl Marx-Zitate” garnieren 
als eingeschobenc Kästen die Argumen¬ 
tation, das neue Schlagwort heißt “Ein¬ 
heitsorganisation” - nur: die propagierte 
Öffnung der Organisation geht nicht 
allzuweit, oder wie ist der folgende 
Satz zu verstehen? 


[30] SF 2/97 



“Wir brauchen eine klassenkämpfe¬ 
rische Einheitsorganisation, die für alle 
Sozialrevolutionären Genossinnen von 
rätekommunistisch bis anarchistisch 
offen ist” 

Wir geben zu, wir haben geschlafen 
und die rätekommunistischen Massen 
von heute nicht bemerkt!? 

(Einschub:) Um nicht falsch verstan¬ 
den zu werden: Der Beitrag enthält 
durchaus einige berechtigte Fragen, 
wenn er z.B. fordert: "Wir sollten 
verbindlich klären, welche Rechte uns 
in der EU als Minderheitengewerkschqft 
zustehen, wie wir die deutsche Be¬ 
sonderheit der arbeitsrechtlich abge¬ 
sicherten Dominanz des DGB durch¬ 
brechen können. Was können wir für 
Kolleginnen und Genossinnen wirklich 
vor Arbeitsgerichten und im Betrieb 
erreichen?” Hier nämlich liegt das 
eigentliche Dilemma der FAU verbor¬ 
gen. Sie wollte in erster Linie eine 
Gewerkschaftsorganisation sein, aber 
als Gewerkschaftsorganisation konnte 
sie ihren Mitgliedern bislang nichts an¬ 
bieten. Es blieb bei einer Ideenorgani¬ 
sation, die sich bestenfalls dazu auf¬ 
schwingen konnte, politische Kam¬ 
pagnen mitzutragen (britischer Berg¬ 
arbeiterstreik 1985 ) oder garanzuzetteln 
(Laura Ashley-Boykott, Lebcnsbaum- 
koykott 1996). Eine Ideenorganisation, 
die die verschiedenen Strömungen des 
Anarchismus aufnimmt und ihnen einen 
Or ganisatorischen und politischen 
Aktionsrahmen verpaßt, wolltedieFAU 
n ic sein, obwohl ihr historisch in der 
alten BRD genau diese Rolle zufiel, 
w eil es keinen anderen ernstzuneh- 
a^enden anarchistischen Organisations- 
r ahmen gab. Aus diesem Dilemma be¬ 
freite sich die FAU nie und deshalb 


blieb sie 20 Jahre lang auf ihren 100 
Mitgliedern hängen. Hätten wir Einblick 
in die Mitgliedsbücher, könnten wir es 
genauer analysieren, so bleibt uns nur 
die Spekulation, daß in dieser Zeit ver- 
mutlich 20x100 Leute die FAU 
"durchlaufen” haben, - sprich wenig¬ 



stens auf 2000 Aktive hätte es diese 
Organisation bringen können. Solle 
keine(r) sagen, daß dies nicht eine 
erstrebenswerte Basis für eine kleine 
Organisation gewesen wäre, um in 
gesellschaftliche Auseinandersetzun¬ 
gen einzugreifen und dadurch weitere 
Mitglieder zu gewinnen. Stattdessen 
tobte in der FAU immer der Kampf 
zweier Linien: Gewerkschaftsarbeit 
(Betriebsarbeit, ohne wirkliche Ver¬ 
ankerung in den Betrieben) oder 
Organisierung anarchistisch gesinnter 
Individuen und damit Ausrichtung der 
politischen Arbeit an den Sozialen 
Bewegungen. In dieser Gespaltenheit 
haben sich x-GenossInnen folgenlos 
aufgerieben. Das Beste an der FAU war 
und ist ihre sehr lesenswerte Zeitung 
Direkte Aktion und insofern ist die 
Arbeit der FAU mit dem KB und dem 
a&k vergleichbar: ohne die Zeitungs¬ 
arbeit wäre es vorbei mitdem politischen 
Einfluß deutscher Anarchosyndika- 
listlnnen. Und gerade die Zeitungsarbeit 
kam ohne anarchische Symbolik nicht 
aus, würde man sie wegstreichen, ginge 
ein wesentliches Identifikationselement 

verloren. Die FAU verlöre vollends an 
Profil. 

Von "Einheitsorganisation"und räte¬ 
kommunistisch" war jetzt die Rede. Das 
klingt nach Otto Rühles, Franz Pfem- 
ferts und Oskar Kanehls AAU-E und 
die schloß sich in der Weimarer Repu¬ 


blik bekanntlich nicht mit der FAUD 
Rudolf Rockers, Augustin Souchys, 
Rudolf Michaelis, Gerhard Wartenbergs 
oder Helmut Rüdigers zusammen. 
Warum nicht? - Die geistige und 
politische Nähe war durchaus vor¬ 
handen, Gespräche fanden statt, aber 
eine Einigung kam nicht zustande. Es 
ging damals ebenfalls um die Orga¬ 
nisierung, nur in einem anderen Sinn: 
.während die AAU-E alle Menschen in 
den Betrieben in einer Gruppe organi¬ 
sieren wollte, hielt die FAUD daran 
fest, die Menschen nach Berufen über¬ 
betrieblich zu organisieren. Die Ein¬ 
heitsorganisation bedeutete also nicht 
nur, das Überflüssigmachen einer poli¬ 
tischen Partei durch eine Union mit 
gesamtgesellschaftlichem Anspruch, 
sondern zudem die Organisierung aller 
Betriebsangehörigen in einer Einheit 
zur Übernahme des Betriebs, in der 
Absicht diesen zu kollektivieren. 

Diese historische Bedeutung des 
Begriffs "Einheitsorganisation” ist vom 
Autor der FAU-Selbstkritik offensicht¬ 
lich nicht gemeint. Er scheint ihn nur in 
der verkürzten Bedeutung zu benutzen, 
daß eine politische Partei überflüssig 
wird. Denn wie anders würde es zu¬ 
sammenpassen, wenn er interessan¬ 
terweise fordert: "...auf lokaler Ebene 
koordinieren sich die Gewerkschaften, 
um die örtlichenfregionalen Arbeits¬ 
bedingungen zu vereinheitlichen... Auf 
der anderen Seite müssen wir kommu¬ 
nale Strukturen aufbauen,die diejenigen 
Menschen miteinbezieht, die in keinem 
Lohnverhältnis stehen , Diese beiden 
Strukturen existieren gleichberechtigt 
nebeneinander. Industrielle und kom¬ 
munale Gliederungen bilden die Lokal¬ 
föderation einer Stadt.. " 

Der Autor beziehtsich hierauf Murray 
Bookchins Vorschläge für einen zeit¬ 
gemäßen Organisierungsansatz, der den 
Alltag, die Arbeitsbedingungen und die 
Produktionsmittel in die direktdemo¬ 
kratische Kontrolle aller Betroffenen 
zu legen versucht. Das Hat weder mit 
der historischen Einheitsorganisation 
etwas zu tun, noch ließe sich ein solches 
Vorhaben heute durch eine neugeartete 
"Einheitsorganisation" verwirklichen. 
Warum also diese verstaubte Wortwahl, 
wenn doch das politische Ziel ein Mo¬ 
dernes ist? 

Weil durch die Hintertür die alte 
Ideologie nicht aus dem Kopf will! 
"Dennoch lehnen wir Bookchins Öko- 





SF 2/97 [31] 





Murray 

Bookchin 

im 

Trotzdem Verlag 


Agonie der Stadt 

Aufstieg und Niedergang des freien 
Bürgers. 
1996, 336 S., 36.- DM 


Die Neugestaltung der 
Gesellschaft 

Pfade in eine ökologische Zukunft 
1992,251 S., 24.-DM 
mit einer Bibliographie, zusammengestellt 
von Janet Biehl 

Heute wie vor Jahrhunderten gibt es 
Menschen - Unterdrücker - die die 
Gesellschaft besitzen, und andere, von 
denen Besitz genommen wird. Solange die 
Gesellschaft nicht von einer vereinten 
Menschheit zurück-erobert wird, die ihre 
gesamte kollektive Weisheit zu ihrem 
eigenen Besten und zum Nutzen der 
natürlichen Welt einsetzt, erwachsen alle 
ökologischen Probleme aus sozialen 
Problemen. 



im 

Schwarzen Faden 


Neu 

Bookchin-Chomsky Debatte 

Ziele und Visionen 

SF 1/97 (Nr. 60) 

und außerdem 
Interview von W. Haug, 1/95 
Libertärer Kommunalismus, 3/92 


Sozialismus als einseitig ab, da er die 
Notwendigkeit der Selbstorganisation 
als Klasse zur Zerschlagung der Lohn¬ 
sklaverei verleugnet." 

Confusione, confusione... Wenn wir 
die direkte Kontrolle aller im Stadtteil, 
der Gemeinde etc. über die Produk¬ 
tionsmittel, die Verteilung, die Her¬ 
stellung, die Verwaltung etc. fordern 
und anstreben- und nichts anderes heißt 
libertärer Kommunalismus , dann kann 
es nicht mehr um die Selbstorganisation 
als Klasse gehen, dann geht es um die 
Selbstorganisation betroffener Men¬ 
schen, ob alt oder jung, ob Arbeiter 
oder Arbeitslose, ob Frau oder Mann, 
ob Ärztin oder Hausmann, ob im Betrieb 
oder auf der Straße. Das wäre dann die 
"klassenlose und herrschaftsfreie Ge¬ 
sellschaft" in einer "industriellen und 
kommunalen direkten Demokratie" für 
die die FAU in der Überschrift ihres 
Beitrags eintritt; dieses Ziel aber auf 
dem Weg des "organisierten Klassen¬ 
kampfs" erreichen zu wollen, zeugt 
lediglich von der Angst, lieb gewordene 
theoretische "Verbalradikalism" fallen 
zu lassen. Der Autor sollte sich, bevor 
er die anarchistische Symbolik und 
damit den Anarchismus (?) vollends 
über Bord wirft, überlegen, ob nicht 
etwas dran ist, an der anarchistischen 
Maxime, daß der Weg etwas mit dem 
Ziel zu tun hat! Er vertritt sicherlich, 
daß mit einer Partei, mit Wahlen, mit 
Delegation keine direkte Kontrolle 
erreicht werden kann, und daß sich 
Menschen in solchen Strukturen anpas¬ 
sen; doch anscheinend sieht er kein 
Problem darin, daß "organisierter 
Klassenkampf” den Nebeneffekt hat, 
daß Klassenbewußtsein auch kontra¬ 
produktiv sein kann, daß sich Menschen 
gegen andere Menschen abgrenzen, 
Arbeiter gegen Intellektuelle, Arbeits¬ 
lose gegen Selbständige, Deutsche 
gegen Nichtdeutsche etc., d.h. daß die 
kommunale Basis sich zerstreitet und 
nur die herrschenden Strukturen ihren 
Nutzen daraus ziehen? 

Die FAU steht nach 20 Jahren er¬ 
folgloser Organisierung tatsächlich vor 
einer Entscheidung. Doch bitte nicht 
vor einer so belanglosen wie "für oder 
gegen die anarchistische Symbolik". 
Besser wäre es dann schon, die FAU 
würde ihren alten Traum von der Ge¬ 
werkschaftsalternative zum DGB 
endlich beerdigen und sich zuallerstals 
Ideenorganisation definieren, deren 



Hauptziel es wäre, in jeder Stadt per¬ 
sonell präsent zu sein, um in kommu¬ 
nalen Disküssionsprozessen über¬ 
regionalkoordiniert polili scheingreifen 
zu können. Würde die FAU personell 
an wachsen, könnte sie in einem zweiten 
Schritt innerbetriebliche Organisations¬ 
schritte unternehmen, die sich mit den 
außerbetrieblichen Strukturen ergänzen. 
Und wenn schon Marx-Zitate, dann 
strapazieren wir doch den netten Satz 
vom Sein, das das Bewußtsein be¬ 
stimmt, denn dann hättedie ideologische 
Selbstlüge keine 20 Jahre Bestand 
gehabt: denn von den "2000 Ex-FAU- 
Mitarbeiterlnnen” waren wohl die 
wenigsten gewerkschaftlich aktive Be¬ 
triebsarbeiterinnen, was nicht heißen 
soll, daß sie nicht hart (fürs Überleben) 
arbeiten (müssen). 


Beispiel 3: 

ÖkoLi - 

5 Jahre Organisation 
als linksradikale Partei 



In der neusten Ausgabe der ÖkoLinX 

findet sich ein Rechenschaftsbericht 

über die Tätigkeit der ÖkoLi seit ihrer 
Gründung im Mai 1991. Das vorläufige 
Resümee"Waj Mitgliederzahl und 
Wahlergebnisse anbelangt, dürfen wir 
uns also keiner Massenbasis rühmen" 
führt allerdings nicht zu einer Infrage¬ 
stellung der Partei als Organisations- 


[32] SF 2/97 











form oder einer Ablehnung von Wahlen, 
auch wenn die wenigen hundert Stim¬ 
men der Berliner Wahl gar nicht mehr 
in Prozent zu messen waren. Wenn die 
Form also zu wünschen übrig läßt, wie 
steht es mit dem Inhalt? 

Es bleibt beim Ansatz, zur Rekon¬ 
struktion der außerparlamentarischen 
und antiparlamentarischen Opposition 
beitragenza wollen, das klingtzunächst 
gut, muß jedoch vermutlich dahin¬ 
gehend eingeschränkt werden, daß das 
"antiparlamentarisch" wohl "dialek¬ 
tisch" verstanden wird, etwa in dem 
Sinn,daß diebeste antiparlamentarische 
Arbeit im Parlament zu leisten sei. 

Was bleibt nach 5 Jahren? 

Es sind dies vor allem die publizi¬ 
stischen Diskussionsbeiträge zu gesell¬ 
schaftlich relevanten Themen wie Anti- 
Naüonalismus, neue Rechte, Bioener¬ 
getiker, Spiritualisten, Gesellianer oder 
die Demonstrationsbeteiligungen wie 
z.B. beim Weltwirtschaftsgipfel und 
gegen die Castor-Transporte. Von 
anarchistischer Seite wurde der ÖkoLi 
kürzlich im Telegraph zu Unrecht 
"Stalinismus" unterschoben, dabei 
haben diese Genossen schlicht über¬ 
sehen, daß die ÖkoLi ganz nach der 
Maxime (über-)lebt, "ohne revolu¬ 
tionäre Theorie kann es auch keine 
revolutionäre Bewegung geben." Das 
aber ist Lenin. Und dieÖkoLis nehmen 
sich ihn so richtig zum Vorbild: "Und 
anregend ist Lenins Vorstellung, daß 
eine revolutionäre Organisation sich 
erst in Auseinandersetzungen heraus¬ 
bilden kann und muß. Er meinte damit 
Konflikte mit "anderen Richtungen 
revolutionären Denkens, die die Bewe- 
gung vom richtigen Wege abzulenken 
drohen." 

Wohl denen, die heute zu jederzeit 
wissen, was der richtige Weg, und was 
revolutionäres Denken ist. Wohl uns, 
die wir eine solche Organisation in un¬ 
serer politischen Nähe wissen, die 
werden uns - ihrem Anspruch gemäß - 
daran erinnern, wenn wir vom Pfad der 
Revolution abweichen und das kosten¬ 
los, wo gibt‘s das noch? 

Was ist nun die politische Vision der 
ÖkoLi? 

Wir wollen eine Gesellschaft ohne 
Lohnarbeit, Geld und Waren, eine Ge¬ 
sellschaft, die Gebrauchsgüter herstellt 
°hne diese asketisch zwanghaft zu regu¬ 
lieren, aber auch ohne das Wachstum 


des kapitalistischen Wirtschaftern mit 
seinem Zwang zur Konkurrenz, zu 
Egoismus, Ellenbogengesellschaft und 
Konsum". Kurz dieÖkoLi will den wah¬ 
ren Kommunismus, zwar reicht uns 
diese Vision als Utopie nicht aus, doch 
das mag auch an dem zusammenfas¬ 
senden Charakter des "Rechenschafts¬ 
berichts" liegen. Ganz dürftig wird es 
aber, wenn erklärt werden soll, wie wir 
diesem Ziel näherkommen könnten: 
"Wir empfehlen den revolutionären 
Klassenkampf von unten und die Öko¬ 
logische Linke," Das ist die Termino¬ 
logie der frühen 70er Jahre und da fragt 
mensch sich doch, wo die Linksradi¬ 
kalen stehen geblieben sind und wes¬ 
halb? 

Vielleicht sollten die Initiatorinnen 
auch in diesen Widersprüchen ihren 
mangelnden Erfolg erkennen, als "nur” 
auf die "nichtrevolutionärenZeiten" und 
die zur PDS abgesprungenen Ex-Mit- 
glieder zu verweisen. 


Zeitschrift “Links" 
wird eingestellt 



Mit der Ausgabew 320/321 wird die 
linkssozialistische Theoriezeitschrift 
"links" des Sozialistischen Büros ein¬ 
gestellt. In den 70er Jahren hatte die 
links 13.000 Auflage, am Ende im¬ 
merhin noch 2.200.Trotz dieser Rück¬ 
wärtsentwicklung wird die links weniger 
aus ökonomischen Gründen als viel¬ 
mehr aus politischen Ursachen auf¬ 
hören. "Es hat sich herausgestellt, daß 
sich eine Zeitung in einem veränderten 
politischen Umfeld nicht einfach eine 
neue Zielgruppe suchen kann. Aufgelöst 
hat sich nach 1989 und spätestens nach 
dem Golfkrieg der Kontext, aus dem die 
links hervorging, nennen wir ihn mal 
Neue Linke." Und: "Gerade Bewe¬ 
gungsorgane, die zum Teil Ende der 
60er und in den 70er Jahren entstanden 



INI @® um 

im 

Trotzdem Verlag 


Wege zur Intellektuellen 
Selbstverteidigung 

Medien, Demokratie und die Frabrikation 
von Konsens. 
Hg. v. Maik Achbar, 1996. 
280 S, t mit ca. 200 Abb„ DM 39.-- 

Seit den 60er Jahren ist Noam Chomsky 
einer der eloquentesten und schärfsten 
Analytiker und Kritiker der US- 
amerikanischen Außen- und 
Wirtschaftspolitik. Mit seinen detaillierten 
und faktenreichen Untersuchungen 
zerpflückt er den allseits gerne gepflegten 
Mythos von der freiheitsliebenden und 
demokratischen Supermacht. 

Dieses Buch ist begleitend zu dem 
Dokumentarfilm Manufacturing Consent 
entstanden und gibt einen breiten 
Überblick über sein Denken und seine 
vielfältigen Aktivitäten der letzten 
Jahrzehnte. Immer wieder im Mittelpunkt 
steht dabei seine radikale Auseinander¬ 
setzung mit den Medien und deren Rolle 
bei der Durchsetzung von Politik und 
Macht, bei der alltäglichen, ganz 
"normalen" Fabrikation von Konsens. 


Das Video 


Manufacturing Consent - 
Noam Chomsky und die 
Medien 

164 min; 49.95 DM 
zu beziehen über den 
Trotzdem Verlag, Grafenau 


SF 2/97 [33] 










sind, haben wahrscheinlich größere 
Probleme, die quantitative Abnahme 
der nicht mehr so neuen sozialen Be¬ 
wegungen aufzufangen. "Eine Rolle bei 
der jetzigen Aufgabeentscheidung 
spielte zudem die personelle Gebun¬ 
denheit der Autorinnen an die Univer¬ 
sität: "Universitär verortet zu sein hat 
den Vorteil, daß man analytisch auf 
einem recht hohenNiveu arbeiten kann, 
aber den Nachteil, daß der Themenka¬ 
non schon recht eingeschränkt ist." 

(Zitate aus: Forum, Nr.210) 


Italien - 22 Jahre Knast für 
"Lotta Continua“ 



Nachdem 1969 die FIAT-Kämpfe auf 
ihrem Höhepunkt waren, explodierte 
am 12.12.1969 eine Bombe in einer 
Mailänder Landwirtschaftsbank an der 
Piazza Fontana. 16 Menschen starben, 
die meisten von ihnen Bauern. Die 
Polizei ermittelte sofort gegen Links¬ 
radikale und verhaftete den Anarchisten 
Giuseppe Pinelli, einen Eisenbahnar¬ 
beiter. Nach dreitägigem Verhör "fällt" 
Pinelli aus dem Fenster des 4.Stocks 
des Mailänder Polizeipräsidiums. 
Natürlich wird auch hier die These 
vom "Selbstmord” strapaziert. Der 
Polizeikommissar, der das Verhör lei¬ 
tete, Luigi Calabresi, fällt auch, aller¬ 
dings zunächst nach oben, er wird zum 
Hauptkommissar befördert. 

Die linksradikale Organisation und 
Zeitschrift Lotta Continua glaubt den 
offiziellen Ermittlungen kein Wort und 
recherchiert selbst. Teile der Wahrheit 
kommen ans Licht. Die Bombcnleger 
waren Faschisten, ihre Auftraggeber 
sitzen in der Polizei, Armee und dem 


Geheimdienst. Das Wort "Staatsmas¬ 
saker" wird zum Begriff in Italien. 

2 1/2 Jahre später wird Calabresi am 
17.Mai 1972 in Mailand erschossen. 
Lotta Continua fand das "gerecht". 

1976 löste sich die maoistische Lotta 
Continua ("fortwährender Kampf") 
selbst auf. 

16 Jahre nach dieser Tat, behauptete 
das ehemalige Lotta Continua-Mitglied 
Leonardo Marino, die Lotta Continua- 
Leitungsmitglieder Adriano Sofri und 
Giorgio Pietrostefani hätten den Mord 
in Auftrag gegeben, er sei den Wagen 
gefahren und Ovidio Bompressi hätte 
geschossen. 

Allein auf diese Aussage des "Kron¬ 
zeugen" stützte sich 1980 die Verur¬ 
teilung der Angeklagten zu 22 Jahren 
Haft. Obwohl sich in den Aussagen des 
Kronzeugen viele Widersprüche befin¬ 
den, sprach nun das höchste italienische 
Gericht, das Kassationsgericht, dieses 
Urteil rechtskräftig. Sofri und Bom¬ 
pressi wandern in den Knast, Pietro¬ 
stefani hält sich irgendwo in Frankreich 
auf. 

Sofri sieht in dem Urteil die Abrech¬ 
nung der Jusüz mit 1968, das Urteil 
wird in der Öffentlichkeit abgelehnt. 
42% halten Sofri nach einer Umfrage 
der Wochenzeitschrift L'Espresso für 
unschuldig, lediglich 9,7% halten ihn 
für den Auftraggeber des Racheakts. 
Selbst Berlusconis Wochenmagazin 
Panorama , für das Sofri verschiedent¬ 
lich Beiträge schrieb, stellte sich hinter 
ihn: "Adriano Sofri siamonoi-wir sind 
alle Adriano Sofri!" 


Forum für Libertäre Informationen 

vom 07.- 11.05.97 (über Himmelfahrt) 

in Wiesen/ Spessart (—/ \ j 

FLI: Es treffen sich Menschen, die in ^' 
anarchistischen Zusammenhängen aktiv sind 
theoretisieren und diskutieren, leben und arbeiten 
Kontakte knüpfen oder vielleicht alte Bekannte ’ 
Wiedersehen, sich austauschen oder im Spessart 
spazieren gehen wollen. 

Die Freude ist groß über Themen, die ihr 
vorbereitet und mitbringt. Ansonsten ergeben sich 
diese während des Treffens. 

Kosten um die 100 DM (je nach Möglichkeiten) 

Themenvorschläge an/ Infos bei: 

Meeuw 

Postfach 3643 
26026 Oldenburg 


Anarchistischer Herbst 
25 Jahre 

Graswurzelrevolution - 

Vom 10.-12. Oktober 1997 wird in der 
Alten Feuerwacher in Köln eine Tagung 
aus Anlaß von 25 Jahren Graswurzelre¬ 
volution stattfinden. Stand der Diskus¬ 
sion ist folgendes Programm: 

Freitag, 10.Oktober: Einführungsreferat: 
Herausforderungen an den gewaltfreien 
Anarchismus am Ende des 20. Jh. 
Samstag, 11 .Oktober: Voraussichtliche Ar¬ 
beitsgruppen: 

- Anarchismus und soziale Frage (Glo¬ 
balisierung, Sozialabbau, zunehmende 
Gewalt in der Gesellschaft, Pcrspektiv- 
losigkeitund Resignation, Industrialis- 
muskritikund Stellenwert von Anarcho¬ 
syndikalismus heute, welche Perspekti¬ 
ven bietet Widerstand?) 

Weltmacht Deutschland (Neuer Na¬ 
tionalismus, Militarisierung und Auf¬ 
gabenerweiterung der Bundes wehr etc.) 

- Feminismus und Staat (Patriarchaler 
Backlash, Staatsblindheit des Feminis¬ 
mus, Gender-Debatte, etc...); 

- Anarchismus und Kunst (Bezüge 
zwischen Kunst und Anarchismus, etc...) 

- Anarchismus und Popkultur (Pop¬ 
kultur als Flucht vor der Realität, Main- 
stream der Minderheiten, Subkulturen) 
Kommunalismus und Transnationa- 
lismus als libertäre Antwort auf die 
Agenda 21 (Kritik an Sustainable De¬ 
velopment und gängiger Ökologiepo¬ 
litik, Subsistenzökonomie, Kommuna¬ 
lismus und Transnationalismus 
Macht der Medien (Chomsky‘s Me¬ 
dienkritik, etc...) 

- Anarchismus und individuelle Verant¬ 
wortung , (Menschenbild, Gegenseitige 
Hilfe, Gegensatz Staat-Gesellschaft 
noch haltbar? Individuelle Verantwor¬ 
tung bei Goldhagen, Bauman, Camus) 
Herausforderung neue Technologien / 
Polizeistaat (Atomenergie und Gcn- 
technologie, Tcchnikfolgen, Atomstaat) 

- Verkehr und Anarchie (Zubetonierung 
des Raumes oder Wiedercroberung der 
Straße) 

Sonntag, 12. Oktober:Plenumsdiskussion: 
Herausforderungen und Antworten ge¬ 
waltfreierund anarchistischer Bewegun¬ 
gen in anderen Sprachräumen. 
Schriftliche Anmeldungen, Infos, Teilnah¬ 
megebühren usw. ab so fort an die GWR- 
Redaktion in Oldenburg, Infos, Tcil- 
nahmegebühren usw. in den nächsten 
Ausgaben. 

Kontakt: Redaktion Graswurzelrevolution, 

Kaiser Straße24,261220Idenburg, Tel: 
0441/2489663, Fax: 0441/2489661, 
email:wri -agfoega@OLN . comlink- 
apc.org 


[34] SF 2/97 








fräs alltägliche Leben in Wohngemein 
schäften, überhaupt in großen Gruppen 
hat allerspätestens seit der Studenten- 
r cvolte der 60er Jahre in der BRD einen 
^richtigen politisch-sozialen Anspruch 
err *anzipatorischer Politik ausgemacht, 
fr^mit wurde der Wunsch verbunden, 
^ a ß Politik mit individueller Selbstver¬ 
änderung einher gehen sollte. Die ganze 
ln den 70er Jahren entstandene Altema- 
dvbewegung wäre nicht zu verstehen 
ohne die hunderttausendfach gegrün- 
cten Kommunen und Wohngemein¬ 
schaften. Im Sommer des Jahres 1978 
^urde ein Taschenbuch aus der Reihe,, 
Äscher alternativ,, über Wohngemein¬ 
schaften doch allen Ernstes unter dem 


Titel: “Oasen der Freiheit,, veröffent-^ 
licht. Und auf dem Klappentext war da-. 
rüber hinaus noch zu lesen: “Allen die- * 
sen Versuchen ist das Anliegen derfe 
Überwindung der Isolation und Kom-g 
munikationslosigkeit des Einzelnen in 
der modernen Industriegesellschaft r j§ 
eigen/’ ‘ ^ ‘ 

In einer auch politischen Betrach- ^ 
tungs weise ging es dabei bei dem Leben 
in Wohngemeinschaften, um das Pro- P 








bieren des alltäglichen Auslebens einer 
.Alternative, die dazu in der Lage ist, 
notfalls auch unabhängig-autark vom 
Rest der mit vielen guten Gründen abge¬ 
lehnten Gesellschaft existieren zu kön¬ 
nen. Der Anspruch auf “Unabhängig¬ 
keit” ausgerechnet im Kapitalismus 
stellte sich natürlich schon nach kurzer 
Zeitais illusionär heraus, oder wurde in 
der Form eines zwar latent unterkapita¬ 
lisierten, jedoch hin und wieder nicht 
völlig unrentablen Kleinuntemehmer- 
tums gewissermaßen zynisch einge- 
löst.' 

In gewisserWeise wurde der in Kom¬ 
munen und Wohngemeinschaften for¬ 
mulierte Anspruch auf Kollektivität in 
den 80er Jahren auch von vielen Leuten 
aus der autonomen Bewegung aufge¬ 
griffen. War da nicht auch immer in der 

KontinuitätderStudentenbewegungdas 

“private gleich schon politisch”, sollte 
da nicht “Politik in der ersten Person” 
und das im “hier und jetzt” praktiziert 
werden? Und so nahm sich Herr und 
Frau Autonom nicht nur die leerstehen¬ 
den Häuser, sondern stürzte sich auch 
voller Neugier auf das Leben in mehr 
oder weniger große Gruppen. Nun, über 
ein Jahrzehnt ist vergangen, und das 
kann man schon ruhig einmal als einen 
Zeitraum nehmen, in denen es sich lohnt, 
eine Art Zwischenbilanz zu ziehen. 

Was ist das Motiv dieser 
Rezension? 

Eine Vielzahl der mit dem Leben in 
Kommunen verbundenen Ansprüche 
wurden alle auch einmal auch von dem 
Verfasser geteilt und für ein knappes 
Jahrzehnt sogar versucht zu praktizie¬ 
ren. Dabei liegen die schlichten ökono¬ 
mischen VorlcilceinesLcbcns in großen 
Gruppen gegenüber einem Single- 
Wohnen so offenkundig auf der Hand, 
dassiedergroßen Erwähnung eigentlich 
nicht wert sind. Auf der anderen Seite 
lassen den Verfasser doch ein paar 
äußerst schmerzhaft in Kommunen 
erlittene “Erfahrungen”, die darin be¬ 
standen, daß eine repressive Gruppen- 
konformitäl Individualität und Eigen¬ 
sinn gerade nicht zuließen, immerhin 
die Frage aufwerfen, ob man als Indivi¬ 
duum in einer Kommune oder einer 
Wohngemeinschaft besser, glücklicher 
und vor allem befreiter leben kann, als 
wenn man alleine lebt. Diese banale 
Frage crstmal so zu stellen, entspringt 
der tatsächlichen jahrzehntelangen 


Praxis von großen Gruppen wahlweise 
auf der Folie eines klebrigen Konsens- 
strebens auf beliebigen Terrains Macht¬ 
spiele zu exekutieren oder im Namen 
eines undurchschauten. ressentiment 
geladenen Kollektivanspruches einzel¬ 
ne ganz untheoretisch mit allen Konse¬ 
quenzen unterzupflügen. In großen 
Gruppen, die sich als Sekten verstehen, 
und die niemand einfach so oder unge¬ 
straft verlassen darf, ist eine derartige 
entmündigende Praxis natürlich kein 
Problem, für sich aber alternaüv oder 

gar linksradikal verstehende Wohngrup¬ 
pen aber allemal. 

Richtig ist natürlich, daß man auch 
als Rezensent eigene “individuelle 
Erfahrungen niemals ohne weiteres 
auf andere verallgemeinern kann und 
darf. Auf der anderen Seite ist es aber 
genauso richtig, daß wenn man die An¬ 
strengung unternimmt, die Dinge gerade 
nicht “privat”, sondern politisch zu be¬ 
trachten, jede individuelle Erfahrung 
immer auch auf eine unhintergehbare 
gesellschaftliche Wahrheit reflektiert, 
die ihr innewohnt. Mein Motiv zur Be¬ 
schäftigung mit Kommunen entspringt 
dem banalen Interesse, daß es zum einen 
letztlich egal ist, auf welchen Terrain 
und mit welchen Leuten man und frau 
um Befreiung” kämpft, und sogar zu¬ 
weilen ganz unspektakulär lebt. Zum 
anderen steht ohnehin für die Zukunft 
zu konstatieren, daß da der Hoch¬ 
leistungs-Kapitalismus zunehmend 
mehr Leute aus seinen Produktions¬ 
kreisläufen ausschließen wird, auch die 
Anzahl von Kommunen im Sinne eines 
Kommunismus der Armen** wiederzu¬ 
nehmen werden. Und in diesem Zusam¬ 
menhang ist es auch von durchaus 
politischen Interesse, ob auch die Form 
von Kommunen, begriffen als sozial¬ 
kulturelles Provisorium möglicherweise 

Tendenzen zur negativen Individual- 
barbarisierung entgegenwirken kann. 
Dafür ist es aber unbedingt notwendig, 
die in Kommunen sich organisierenden 
Leute dazu zu ermuntern sich darin tat¬ 
sächlich eigensinnigzu bewegen,offene 
Differenzen zu leben, anstatt sich auch 
dort - wie sonst überall in der Gesell¬ 
schaft aus Furcht oder Auloritarismus - 



unterzuordhen. Eben: Nicht mi߬ 
trauisch zurückgezogene, bornierte Ge- 
meinschaftstümler, sondern angriffs¬ 
lustige und glückliche anarchistisch in¬ 
spirierte Kommunisten. 

Das Kommunebuch 


Im Frühjahr des Jahres 1996 wurde von 
ein paar Genossinnen ein “Kommune”- 
Buch in einer mehrjährigen Projektar¬ 
beit als eine Art Selbstdarstellung von 
elf bundesweit verstreuten Kommunen 
und Wohngemeinschaften herausgege- 
geben. In diesem Buch finden sich weit 


uDer zu Beiträge unterschiedlicher 
Qualität, die alles mögliche im Zusam¬ 
menhang mit Kommunen und Wohnge¬ 
meinschaften, angefangen von der Ge¬ 
schichte, Selbstverständnis, Ökonomie, 
Kinder, Autonome bis hin zu dem Ver¬ 
hältnis zu Flüchtlingen ansprechen und 
mehr oder minder gründlich erörtern. 
Dabei machen die auf dem Vorder- und 
Rücktitel abgcbildeten Kommunard- 



r ® O '■ < \ 

Innen deutlich, in welchem durchaus 
auch politisch verstandenen Spannungs¬ 
bogen sich der Inhal t der Texte bewegen 
soll: Vorne sind Personen zu sehen, die 
man mit etwas Phantasie für Stamm¬ 
wähler der Alternativen Liste/ „Grüne,, 


halten kann. Zu sehen sind u.a. ganz un¬ 
ten Kinder jemand hält einen Computer 
fest, ein Arzt-Hörrohr, eine Musiktrom¬ 


mel verweist auf den Anspruch auf 
Kreativität. Auf dem Rücktitel sind 
demhingegen nackte Personen zu sehen, 
die sich auf dem Kopf mit einer Motor¬ 
radkappe vermum mt haben, was darauf 
hindeutet, daß es sich dabei um Auto¬ 


nome handelt. Zwei Drittel des Bildes 
werden von dem als „legendär,, bezcich- 
neten Tisch der Kommune I eingenom¬ 
men, der kurz zuvor aus den Gebäuden 
der TAZ in einer gewitzten Aktion ge¬ 
klaut worden war. Leider findet man in 
dem gesamten Buch nicht den ge¬ 
ringsten Hinweis darauf, daß dieser 
Tisch unter der Obhut von autonomen 
Kommunardlnnen aus Wut über die 
TAZ-Berichtcrstatlung Ende des Jahres 
1990 verbrannt worden sein soll. Im¬ 
merhin ist das Verbrennen von Sachen 
die der Linken zugerechnet werden, in 
Deutschland keine völlig unbekannte 
Tradition. 


[36] SF 2/97 



Soll man sich nicht einmal 
mehr ins “theoertisieren” 
flüchten dürfen? 

Bei der Herausgabe dieses ßuches ist in 
einerMitteilung des Werkstatt-Verlages 
zu lesen: „Ihre Lebensweise ist politi¬ 
sches Programm: gemeinschaftliches 
Eigentum, ökologische Ernährung, 
kollektive Haushaltsführung, Gleich¬ 
berechtigung von Mann und Frau (...) 
ob die Kommunen auch heute noch als 
politische Modelle Zeichen setzen kön¬ 
nen, darüber gibt das Buch anschaulich 
Aufschluß. Die Autorinnen und Autoren 
haben scheinbare Gewißheiten und 
Flucht ins Theoretisieren vermieden.,, 
Aus meiner Sicht fangen schon mit 
dem Inhaltdieser Verlagsmitteilung die 
ersten Schwierigkeiten an, die sich dann 
auch bei der Lektüre dieses Buches be¬ 
stätigt haben. Ist etwa die Aussage, m it 
dem Inhalt des Buches „scheinbare Ge¬ 
wissheiten,, vermeiden zu wollen,etwa 
so zu verstehen, daß überhaupt keine 
Aussage zu dem Leben in Kommunen 
mehr gemacht werden sollen? Und so 
wird dann in einem Gesamteindruck al¬ 
ler Beiträge nicht recht deutlich, ob es 
sich bei diesem Band um eine Art so¬ 
ziologische Bestandsaufnahme ver¬ 
schiedener Kommunen im Bundes-ge- 
biet, oder eher um ein leider öffentlich 
gemachtes privates Foto- und Lese-al- 
bum für die an diesem Buchprojekt be¬ 
teiligten Kommunefamilien handelt, 
welches zudem als ein dickeres Wer¬ 
beprospekt für die im Band vorgestellten 
Gruppen dienen soll. Aber die Frage, 
warum und wieso diese einzelnen Ge¬ 
sichtspunkte Vorkommen, findet sich 
dann in Büchlein nicht weiter reflektiert. 
Der Inhalt einer ganzen Reihe von Bei¬ 
trägen ist dadurch gekennzeichnet, daß 
die angesprochenen Probleme eigen¬ 
tümlich gehemmt angerissen werden, 
anstatt sie konkret sichtbar zu machen, 
anzusprechen und sie im Lichte ver¬ 
schiedener Antworlmöglichkeiten zu 
erörtern. Unter der Hand werden die 
Beschreibungen auf einen unreflektier¬ 
ten, d.h nicht ausgesprochenen, klebri¬ 
gen Gemeinschaftskonsens vorgenom- 
Hnen, wo es zwar für niemanden eine 
Freiheit, sich zu verantworten, so doch 
aber viel Furcht vor “Fehlem” gibt. So 
rächtsich dann auch in dem Inhalteincr 
Beihe von Texten der Umstand, daß 
•nan angesichts der Fülle von im prakti- 
sc hen Zusammenleben von Menschen 


auftretenden Problemen, scheinbar 
„vermieden,, hat, die faszinierende Rei¬ 
se in ein notwendiges Theoretisieren an 
zu treten. Nirgendwo findet sich in dem 
Buch einmal ein Gedankenausflug, was 
man und frau sich eigentlich unter dem 
immerhin im Buchtitel verwendeten Be¬ 
griff: Kommune vorstellen kann. Im¬ 
merhin hätte man ja auch mal an die 
„Pariser Kommune,, denken können, 
die weit über die vier Wände einer 
Wohngemeinschaft ein Modell einer 
revolutionären Neuorganisation der Ge¬ 
sellschaft war, die unter tatkräftiger Mit¬ 
hilfepreußischen Truppen von der Kon¬ 
terrevolution in einem Meer von Blut 
erstickt wurde. Sattessen wuchert in 
den meisten Beiträgen die in jeder Hin¬ 
sicht unbefangene Verwendung eines 
Begriffes von „Gemeinschaft,, zur Be¬ 
schreibung des Zusammenlebens von 
Menschen in großen Gruppen. Und das 
gruselt einem schon, daß offensichtlich 
kein Autoroderkeine Autorin in diesem 
Buch auch nur den doch bedrohlichen 
Gedanken zu Ende denkt, daß es einmal 
in deutschen Breitengraden zuminde- 
stens in den 30er und 40 er Jahren eine 
relativ erfolgreiche „Volksgemein¬ 
schaft,, gegeben hat, die immerhin dazu 
in der Lage war, große Teile der Welt in 
Schutt und Asche zu legen. Diese Über¬ 
legungen mögen den Verfasserinnen 
der Beiträge als völlig überzogene pole- 
mischeZuspitzung und alseine Theorie¬ 
überfrachtung ihrer in den Texten ge¬ 
schilderten „Erfahrungen,, in Wohnge¬ 
meinschaften und Kommunen erschei¬ 
nen. Dasaberausdem Verzicht auf „die 
Flucht ins Theoretisieren,, wie es nicht 
zufällig denunziatorisch in der Verlags- 
mitteilung heißt, jedoch unmittelbar ne¬ 
gative wiebedrohlicheFolgen für diein 

diesem Buch geschilderten „Erfahrun¬ 
gen,, der Kommunardinnen besitzt, läßt 

sich an einer Vielzahl vonTextpassagen 
aufweisen. DieseÜberlegungen verwei¬ 
sen darauf, daß in einer wenigstens theo¬ 
retischen Entgegenstellung der beiden 

unterschiedlichen Begriffevon Gemein¬ 
schaft gegenüber einem Begriff von 
Gesellschaft wenigstens ein Raum ent¬ 
stehen kann, in dem sogenannte „Er¬ 
fahrungen,, wahlweise vor dem Hinter¬ 
grund einer Freiheit des Individuums, 
auch in Form eines liberalen Vertrags- 
modclls der bürgerlichen Gesellschaft, 
oder im Zusammenhang mit einem ar¬ 
chaischen personalen Vertrauensmodell 
von Familien oder Stämmen beschrie¬ 
ben und reflektiert werden können. Dies 


nicht zu tun, wird nur zu einer erneuten 
Bestätigung der Ausgabe Adornos füh¬ 
ren: “Menschen, dieblind in Kollektive 
sich einordnen, machen sich selber 
schon zu etwas wie Material, löschen 
sich als selbstbestimmte Wesen aus.” 
In der Praxis wird das nur weiterhin da¬ 
zu führen, das der sogenannte Kampf 
eines Kollektivs gegen etwas, was als 
„Entfremdung,, mißverstanden wird, 
nur die Alltagsideologie nährt, die be¬ 
sagt, daß es ja bei allem „Opfer,, gäbe. 
Und das alles macht diese Angelegen¬ 
heit keineswegs besser, sondern nur 
noch aufklärungsbedürftiger. 

Keine Pestizide auf die 
“blaue Blume”? 

Es ist nicht einfach den unsystemati¬ 
schen, teilweise konfusen Beiträgen in 
einer Besprechung immer gerecht zu 
werden. So ist beispielsweise in zwei 
Texten zur Frage „Was ist ein Kommu¬ 
ne,, und eine Art Beitrag über die in 
Kommunen angesiedelten „Braunzo¬ 
nen,, festzustellen, daß der Autorin die 
Beschreibung und kritische Diskussion 
einer Reihe von im reaktionär faschisti¬ 
schen Zwielicht angesiedelten autar- 
kistisehen Gemeinschaftsprojekten 
trotz entgegengesetzter Willensbekun¬ 
dungen deshalb aus der Hand gleitet, 
weil sie mit dem dubiosen Begriff 
„Sehnsucht,, - für den es bezeichnender¬ 
weise weder im englischen noch im 
französischen Sprachschatz eine Über¬ 
setzung gibt - eine wesentliche Basiska¬ 
tegorie eben dieses Mülls teilt: „Aber 
die romantische Sehnsucht nach einem 
Leben in Übereinstimmung mildem in¬ 
neren Gefühlsleben der Einzelnen, in 
sozialer Gemeinschaft und eingebunden 
in natürlicheZusammenhänge wird erst 
in Verbindung mit elitär-faschistoiden 
Denken pervertiert.(...) Die Suche nach 
der „blauen Blume,, nach dem uner¬ 
reichbaren Ort es Glücks, jenseits von 
Entfremdung und Konsum, führt auch 
heute (auf unterschiedliche Art) Men¬ 
schen dazu, in Gemeinschaften zu 
leben.,, (S. 86) Erstens war der Faschis¬ 
mus ein Massenprojekt und damit in 
seinem politischen Zugriff keineswegs 
“elitär” und zweitens ist es ein Mißver¬ 
ständnis zu glauben, daß diese in jeder 
Hinsicht reaktionären, antiaufkläreri¬ 
schen Gedanken gewissermaßen zufäl¬ 
lig im Faschismus „pervertiert,, wurden. 
Stattdessen wurden sie genau dort auf 
die Spitze getrieben. Das der Inhalt der 


SF 2/97 [37] 









oben zitierten, aber auch anderer Be¬ 
merkungen in dem Buch, in den sich 
darin dokumentierenden Denkformen 
in die Nähe einer Apologie des Rechts¬ 
radikalismus geraten, verweist auf die 
spontane Nähe von linken mit rechten 
Gemeinschaftsvorstellungen. 

Konflikte in Kommunen? 

Dieser beunruhigende Umstand aktua¬ 
lisiert noch einmal die Frage nach der 
tatsächlich realisierten Freiheit zwi¬ 
schen den Individuen in Wohngemein¬ 
schaften und Kollektiven. Sic führt uns 
dazu den Inhalt des Buches nach Ma¬ 
terial darauf abzusuchen, wie denn in¬ 
nerhalb von Kommunen und Wohnge¬ 
meinschaften gegen eine diffuse Ge- 
meinschaftstümelei undZwangsharmo- 
nie Konflikte ausgetragen werden. Zu 
diesem in der Tat diffizilen Thema wird 
zwar in dem Einleitungskapitel ver¬ 
merkt, daß man sich „mehrTextmaterial 
zu unserem Umgang miteinander,, ge¬ 
wünscht habe, gleichwohl wird konsta¬ 
tiert, daß es “nicht zufällig (sei), daß es 
uns nicht gelang, zur Beziehungsebene, 
zu Kommunikationsproblemen und 
Konflikten trotz intensiver Bemühun¬ 
gen analysierende Beiträge zu erhalten. 
Zu diesem brisanten Thema fehlt die 
Distanz. Hier verweisen wir fürs erste 
auf subjektive Erinnerungen zu ge- 
schlechtsspczifischen Umgangsweisen 
und die Hoffnungen auf Konzepte 
therapeutischer Selbsthilfemelhoden.,, 
(S. 14). Das darf doch wohl nicht wahr 
sein! Anstatt das an Maßstäben von 
Vernunft und Rationalität orientierte 
Austragen von Konflikten als konstitu¬ 
tiv für das Zusammenleben von Men¬ 
schen in großen Gruppen anzuschen, 
wuchert vor der Zumutung der Freiheit 
sich gerade in Konflikten verantworten 
zu können, nur Furcht und Krankheit, 
der dann auch noch mit “therapeutischen 
Selbsthilfemethodcn” zu Leibe gerückt 
werden soll. Und in diesem Zusammen¬ 
hang liegt die Ironie der Geschichte da¬ 
rin, daß das in dem Kommunebuch dies¬ 
bezüglich vorgestellte Projekt einer so¬ 
genannten “Männcr-radikalen-Thcra- 
pie” bereits in seiner Anlage den betei¬ 
ligten Männern neben allen Schaber¬ 
nack und Dillctantismen dazu dient, 
daß Patriarchat lediglich auf erwei terter 
Stufenleiter zu reorganisieren. 

Dennoch lassen sich ein paar Beiträge 
in dem Buch durchaus als Material zur 
Handhabung und Austragung von Kon- 

[38] SF 2/97 


flikten lesen. Dabei zählt der Beitrag 
unter dem Titel: „Befreites Gebiet,, in 
dem das komplizierte Verhältnis zwi¬ 
schen Wohngemeinschaftsbewohner¬ 
innen und Flüchtlingen thematisiert 
wird, zu den reflekticrtesten Beiträgen 
in den Buch, in dem eine Vielzahl der 
aufgetretenen Konflikte als offene, d.h. 
eben nicht als von vornherein entschie¬ 
dene beschrieben werden. Dieser Zu¬ 
griff findet sich aber leider nicht in 
einem Beitrag über das als „schwierig,, 
bezeichnten Versuch „Frauen-Män- 
ner-Verhältnisse in einer Kommune 
emanzipatorisch weiter zu entwikkeln,,. 
An der Vielzahl von dort notierten Anek¬ 
doten im Verhältnis zwischen biolo¬ 
gisch definierten Männern und Frauen 
wird nicht recht deutlich, was denn nun 
daran auf der einen Seite „privat,, und 
was daran auf der anderen Seite “grup- 
pen-öffenüich” oder gar „politisch,, sein 
soll. Durchgängig erscheint der Wille 
der Verfasserin diese unterschiedlichen 
Bereicheeinfach irgendwie miteinander 
zusammenzunageln, mit notwendiger¬ 
weise daraus die Beteiligten, folgenden 
irrationalen Konsequenzen. So scheint 
mir der Inhaltdieses Beitrages exempla¬ 
risch für eine Tendenz in großen Grup¬ 
pen zu sein, wie mit einem beständig 
auffiackemden Blinklicht das private 
gegen das öffentliche oder politische, 
einfach auf s Geratewohl und unreflek¬ 
tierter Beliebigkeit kurz zu schließen. 
Da gilt wahrscheinlich schon die Frage 
danach, wieso überhaupt eine bloße Le¬ 
bensweise immer gleich „politisch,, sein 
muß, schon als Zumutung. Und so ist 
gerade in großen Gruppen ein zuweilen 
sehr autoritäres Spiel von Leuten zu er¬ 
leiden, deren Problem darin besteht, 
daß sie eigentlich keins haben. Und so 
etwas kann schnell die Straße von Identi- 
täts- und Machtpolitik pflastern. Für 
eine derartige wirklich sehr handlungs¬ 
mächtige Politik ist es schon immer 
kennzeichnend gewesen, daß das Auf¬ 
treten von Konflikten, auch zwischen 
Männern und Frauen nicht die Existenz 

zunächstunterschiedlicherlegitimer In¬ 
teressen aufzeigt, sondern nur illustriert, 
daß eine Seite auf jeden Fall “Schuld” 
hat und “falsch liegen” muß. In den ge¬ 
walttätig hergestellten Harmoniekon¬ 
struktionen kann eben die Freiheit der 
einzelnen Individuen in der Austragung 
von Konflikten nicht nur nicht gedacht 
werden, sondern ist zugleich immer 
auch eine ungeheure Bedrohung. Be¬ 
zeichnender Weise erwiderte eine Mit¬ 


verfasserin des Buches auf die vom Re¬ 
zensenten auch aus der Problematik des 
normalen Überforderungsirrsinns aller 
Individuen in großen Gruppen gerade 
dort geltend zu machenden, unbedingten 
vorläufigen Trennung zwischen dem 
Privaten und den Politischen mit dem 
für eine öffentliche Veranstaltung be¬ 
merkenswerten Satz: “Darüber setze 
ich mich nicht mehr auseinander!” Das 
ist eine zwar legitime aber in jeder Hin¬ 
sicht private Geste. Wird so etwas aber 
in einer öffentlichen Veranstaltung ver¬ 
kündet, ist sie deshalb ein Skandal ersten 
Ranges, weil damit das politische privat 
gemacht wird. Der Abbruch der weite¬ 
ren Auseinandersetzung an dieser Stelle, 
die eben kein inhaltlicher Angriff auf 
den bestrittenen Sachverhalt war, zeigt, 
daß es vielen Kommunardinnen mit 
ihrer Lebensweise, entgegen ihren eige¬ 
nen guten Absichten, gerade nicht um 
das politische Aushandeln auftretender 
Widersprüche und Konflikte, sondern 
schlicht um eine mehr oder weniger gut 
maskierte Machtpolitik geht, in der sie 
ausschließlich alleine die Karten in der 
Hand behalten wollen. Für diesen mög¬ 
licherweise auch aus Furcht vor Verän¬ 
derung gespeisten, bornierten wie auto¬ 
ritären Zugriff kann es unter Umständen 
immer Notwehrgründe geben. Er ist 
aber in sehr deutlicher Hinweis darauf, 
daß wie noch in den 70er Jahren in dem 
bereits zitierten Fischer-Alternativ- 
Buch erhofft, eine Vielzahl von Praxen 
in Kommunen oder Wohngemeinschaft 
weder eine “Oase der Freiheit” darstel¬ 
len, noch die “Kommun ikationslosig- 
keit des Einzelnen” zu beheben in der 
Lage sind. Deprimierend, aber wahr. 

Schlußresumee 

Das liebenswürdig und großzügig ge¬ 
stalteten Kommunebuch illustriert daß 
aktuelljeder Versuch auf vermeintliche, 
auch “subjektiver Authentizität im Ab¬ 
mühen mit sozialistischer Utopie” 
(S.12) in den aktuellen deutschen Ver¬ 
hältnissen schlicht nach rechts tendiert. 
Deutlich wird an diesem Sammelband, 
daß das was an Kommune einmal als 
ein provokativer Ausgangspunkt zur 
Gesellschaftsveränderung begriffen 
wurde, heute nur eine Art mehr oder 
weniger behaglich und zuweilen auch 
„ökologisch,, eingerichteter Rückzugs- 
punkt vor der Gesellschaft geworden 
ist. Solange das privat bleibt und auch 
als solches verstanden wird, und damit 







auch der „großen öffentlichen Rede,, 
nicht wert ist, ist das zwar wie so vieles 
in dieser Gesellschaft traurig, aber erst- 
mal für niemanden sonst eine Be¬ 
drohung. Als ein auch mit Hilfe von 
Büchern öffentlich verkündetes „politi¬ 
sches Programm,, wird das in einer 
Reihe von Beitragen durch schimmernde 
r egressivc Gemeinschaftsverständnis 
aber brandgefährlich gegenüber jegli¬ 
cher, d.h. individueller wie kollektiver 
Emanzipation. In den Buchtexten finden 
sich jede Menge Hinweise auf autoritäre 
Vergemeinschaftungs- und Unterord¬ 
nungsformen unter das “Kollektiv”, 
welches zwar n ich t der Ort der Gleichen 
so doch aber der Platz für die in aller 
Brutalität Gleichgemachten ist. 

Dennoch kann das Kommunebuch 
eine Handreichung sein, sich selbst, 
und das nach Möglichkeit auch mit an¬ 
deren, zumindestens nicht so, wie es 
dort in einer Vielzahl von Beiträgen be¬ 
schrieben ist, auf den Weg in erheblich 
bessere und glücklichere Vergesell¬ 
schaftungsformen mit anderen Men¬ 
schen zu machen. 

Wo Ido Mar 

Kollektiv - Kommune Buch,, Das Kom- 
tnunebuch - Alltag zwischen Wider¬ 
stand, Anpassung und gelebter Uto¬ 
pie, „304S. Frühjahr 1996, Göttingen 
Diese mittlerweile Manifest gewordene 
Tendenz findet dann auch ihre entspre¬ 
chende Feier in Presseartikeln unter dem 
Abschnitt „Modernes Leben” in der 
ZEIT vom 23. August 96. Dort findet 
sich ein Bericht unter dem Titel: „Die 
Kommune lebt,, über die Berliner Ufa- 
Fabrik, und was daraus in 17 Jahren ge¬ 
worden ist. Die schnelle Lektüre dieses 
Bott geschriebenen Artikels erlaubt uns 
den Gesamteindruck von diesem Pro¬ 
jekt, daß es sich dabei um einen “Teller 
buntes”, von sehr selbstgefälligen, 
selbstgenügsamen, innovativen und all¬ 
zeit anpassungsbereiten Leuten handelt. 
Folgerichtig findet sich dann auch in 
diesem Artikel ein Gründungsmitglied 
zitiert, der die Kommune heute als 
»»Dienstleistungs- und Servicebetrieb m i t 
ideellem Anspruch,, bezeichnet. 

Sflc Hre da. wecr&F 
hV<££H WtRVNbOoCH i 
G-lCICrt STREITEN. WfR^ 
ihONNITU DOCH BE53ER WtfS 
UvREq-nvfs 
'vLM ACHEN 

Q01 



Zu meiner Person: Ich habe von 1987- 
1990 in der Kommune Niederkaufungen 
gelebt. Seitdem wohne ich in wechsel- 
den WG’s wie zuvor und arbeite alleine 
und selbstständig als Handwerker. 

Beim Lesen der ‘Buch-Rezension 
von Waldo Mar werde ich den Eindruck 
nicht los, daß da jemand beleidigt wor¬ 
den ist, aus diesem Gefühl heraus einen 
Artikel schreibt und beides verleugnet. 

(EIN DEZIEHUNbS PRoBlßft , 
[iNrERESi/eür &><-h DOQi ) 
{Mich w/tSi Hno 
■>och ab! 



Waldo Mar argumentiert, es sei ein (po¬ 
litischer) ‘Skandal ersten Ranges’ daß 
eine Mitautorin des Kommune-Buches 
in einer öffentlichen Diskussion die wei¬ 
tere Auseinandersetzung mit ihm ver¬ 
weigerte und sich von ihm abgrenzte. 

Ich lese, daß Waldo Mar scharf 
zwischen politischen-Verstand-öffent- 
lich auf der einen Seite und privat-Ge- 
fühl auf der anderen Seite trennt. Ich 
halte diese Trennung für verheerend. 
Das ist auch der Grund, warum ich im 
Laufe dieser Antwort so unhöflich nach 
der Person Waldo Mars fragen werde. 

Ich möchte einsteigen mit Waldo 
Mar’s Faschismusvorwurf. 

Waldo Mar verknüpft: 

Der im Kommune-Buch abgebildete 
Tisch wurde der Taz geklaut und 
anschließend verbrannt. Eigentum 
der Linken zu verbrennen, das haben 
die Faschisten auch getan. 

Die Autoren des Buches benutzen 
das Wort ‘Gemeinschaft’, ‘bedroh¬ 


1 


lieh’ nah sei das an dem Wort 
‘Volksgemeinschaft’ 

3. Die Autorin Voß benutzt das Wort 
‘Sehnsucht’, was offensichtlich 
schon alleine ‘dubios’ ist, weil es im 
Englischen und Französischen keine 
Entsprechung gäbe. 

Wenn diesen willkürlichen Zusammen- 
stopelungen eine durchdachte Faschis¬ 
musanalyse zugrundeliegen soll, dann 
möchte ich sie zumindest irgendwo 
lesen. Staltdessen gibt es zu lesen, daß 
der Faschismus nicht elitär gewesen 
wäre, weil er eine Massenbewegung 
war. Oh je. 

Was noch zu lesen ist, ist Waldo Mars 
bittere Erfahrung während seines knap¬ 
pen Jahrzehntes ‘Experiment im Kon¬ 
struktiven’. 

Ganz offensichtlich hat er ‘ein sehr 
au toritäres Spiel von Leuten zu erleiden ’ 
gehabt, ihm wurde ‘Schuld’ in die 
Schuhe geschoben und es gab zu wenig 
‘Freiheit des einzelnen in der Austra¬ 
gung von Konflikten’, stattdessen viel 
‘Zwangsharmonie’ und ‘Gemein- 
schaftstümelei’. 

Das ist mit Sicherheit alles bitter ge¬ 
nug, aber mitnichten Faschismus oder 
auch nur Faschismus nah. 

Zu fragen ist auch, ob Waldo Mar in 
stärker konfliktsüchtigen Gruppen 
weniger Verletzungen hätte erleiden 
müssen. Waldo Mar möchte gerne Kon¬ 
flikte an den Maßstäben von Vernunft 
und Rationalität austragen. 

Demgegenüber verdammterdie Hoff¬ 
nung auf den Psychodschungel’, Sehn¬ 
süchte und, ich vermute, Gefühle ins¬ 
gesamt. 

Es ist schon lange her, daß ich dieses 
Hohelied auf den Verstand angestimmt 
habe. Peinlicherweise war es Theweleits 
‘Männerphanlasie’ und die darin enthal¬ 
tene (ausgerechnet) Faschismustheorie, 
die dem den entgültigen Garaus machte. 
Das Anbeten des bloßen Verstandes 
gehört elementar zu dieser widerlichen 
bürgerlichen Neuzeit, die verbotenen 
Gefühle fließen unkontrolliert und un- 


> W ICH M kH UiSStltRl/ON euch 

\DCM NtCH PEN SO HHTAb-VERDERBEN 

lfr£?RD EM rzuiiru‘ä r ~""' D * " 

{wiederein 6? 












kontrollierbar zwangsläufig in Gewalt 
und Gewaltphantasien, finden ihren 
sichtbarsten Ausdruck im Faschismus. 
Ich gebe zu, daß das sehr pointiert und 
verkürzt ist, aber es geht hier ja nicht 
darum, Theweleit vorzustellcn. 

Wer solche Angst hat, sich seiner 
eigenen Psychostrukturen bewußter zu 
werden, muß wohl zwangsläufig zu 
Aussagen kommen, wie: ‘... daß aktuell 
jeder Versuch auf vermeintliche 
Authentizität in den deutschen Verhält¬ 
nissen schlicht nach rechts tendiert’. 

Wir vermeiden also den Versuch der 
Authentizität. Darin zumindest hat es 
Waldo Mar schon weit gebracht. 

Im nächsten Satz stellt er fest, daß die 
Kommune inzwischen ein behaglich 
eingerichteter Rückzugspunkt vor der 
Gesellschaft ist. 

Und Du, Waldo Mar, wie lebst Du 
denn? 

Dein ganzes Schreibwerk ist der Ver¬ 
such, die Pcinlichkeitzu umgehen, Dich 
selbst offenzulegen. 

Und peinlich würde cs auf jeden Fall, 
denn in diesen stinkenden Zeiten gibt es 

keineLcbenskultur,kcinc Widerstands¬ 
kultur, die nicht vor Peinlichkeiten nur 
so wimmeln würde. Und da ist Kom¬ 
mune noch eine der erträglistcn Formen. 

Wir alle sind Kinder dieser Kultur 
und verletzt an Leib und Seele. Und es 
bleibt uns nichts anderes übrig, als uns 
irgendwie durchzuwursteln und außer¬ 
dem ständig mit unseren Verletzungen 
konfrontiert zu werden. Wir können es 
nur mehr oder weniger bewußt tun. 
Oder gezielt ausblenden, wie Waldo 
Mar es tut. 

Was istdenn,bitte sehr die Alternative 
zu einem selbstvcrwal teten Betrieb, der 
angeblich nur ‘zynisch’ ist? Wo geht 
Waldo Mar arbeiten? 

Meine Kollektiv-Erfahrungen gehö¬ 
ren zu meinen schmerzhaftesten. Aber 
es ist doch die Frage, ob ich mich in 


Hicrachien nur deshalb weniger ver¬ 
letze, weil ich darauf sozialisiert (oder 
besser: zugerichtet worden) bin. Und 
solch eine emotionale Sackgasse soll 
ich mit bloßer Vernunft lösen? 

Etwas anderes wirft Waldo Mar völlig 
durcheinander: Er spielt Ebenen des 
Widerstandes gegeneinander aus, die 
nicht vergleichbar sind. Kommune ist 
konstruktive Aktion und somit eine 
andere Ebene als zum Beispiel eine 
Demonstration. Sowohl Sabotage als 
auch Verweigerung sind noch immer 
möglich, selbst wenn mensch in einer 
Kommune wohnt. 

Esistu.a.eineWohnform und irgend¬ 
eine Wohnform hat Waldo Mar auch, 
zusätzlich zu seinen vielen Ideen. Wir 
dürfen raten: Wohnter bei seinen Eltern? 
Oder im Appartmenthaus? Und das ist 
weniger peinlich, weil es ‘privat’ ist? 

Mit ‘alleine leben’ ist ja mitnichten 
das autarke‘leben in den Wäldern’ ge¬ 
meint, sondern die Vereinzelung in den 
Städten. ‘Alleine leben’ ist eine Illusion, 
die der Kapitalismus uns bietet. Wir re¬ 
geln die meisten unserer Alltagsab¬ 
hängigkeiten über Geld, kaufen uns die 
Befriedigung unserer Bedürfnisse oder 
einen Ersatz dafür. Das ist weit weniger 
anstrengend, als in Kommunikation und 
emotionale Beziehung treten zu müssen 
und geht solange gut, wie alles, was uns 
wichtig ist (oder sein Ersatz) käuflich 
ist. Im Grunde aber ist der Mensch der 
Großstadt viel hilflos abhängiger als 
ein Mensch es jemals zuvor war. Nur 
geringfügige Störungen (Stromausfall 
als Beispiel) lassen plötzlich Zigtau¬ 
sende leiden. Und das Leiden dann ist 
echt und individuell nicht lösbar. 

Was alle unsere Versuche der Selbst¬ 
organisation so unerträglich und schwie¬ 
rig macht, ist, daß es keine Kultur gibt, 
auf die wir zurückgreifen könnten. Un¬ 
sere Sozialisation baut auf Beziehungs¬ 
und Kommunikationsunfähigkeit auf. 
Wir müssen viel zu viel neu erarbeiten 
und uns fehlen die Werkzeuge dazu. 
Und die meisten von uns, die nach ge¬ 
meinschaftlichen Lebensformen su¬ 
chen, sind gerade empfindlich gegen 
die Vereinnahmung, den scheinbaren 
Konsens. Sonst wären wir ja nicht 
herausgefallen aus der herrschenden 
Unkultur. 

Zu so lächerlich gemachten Sehn¬ 
süchten wie denen nach Geborgenheit, 
Vertrauen, Freundschaft oder Bezie¬ 
hung über Arbeitgehören aberGeimein- 
samkeiten, gehört eine gemeinsame 


Kultur. Und es ist egal, ob diese Wider¬ 
sprüche lösbar sind, weil es keine Alter¬ 
native dazu gibt, unser Leben, so weit es 
für uns immer möglich ist, selbst zu or¬ 
ganisieren. 

Und dafür brauchen wir die Theorie, 
wir brauchen die Praxis; wir brauchen 
unseren Verstand und wir brauchen un¬ 
ser Gefühl; wir brauchen konstruktive 
Versuche (so unbeholfen sie auch aus- 
fallen mögen), wir brauchen Sabotage 
(so wirkungslos sie auch manchmal 
scheinen mag) und wir brauchen die 
Verweigerung, das ‘NEIN!’. 

Vor allem, Waldo Mar, brauchen wir 
in dieser bitteren Zeit voll Todessehn¬ 
sucht unsere Sehnsucht nach einem 
menschenwürdigen Leben. 


Comic-Zeichnungen von Peter Rcichclt: Aus 
dem Leben einer Wohngemeinschaft,. 
Trotzdem-Verlag ^ 



[40] SF 2/97 





Ein Verriß ist eine gute Gelegenheit, 
als Autor noch etwas zum Buch zu 
sagen. Dafür danke ich dem SF. Auch 
dafür, daß ich die Kritik vor der Ver¬ 
öffentlichung lesen durfte und so zeit¬ 
gleich meine Antwort als Diskussions¬ 
beitrag dazu beiheftendarf. Das ist sonst 
nicht üblich. Ich finde es wichtig, daß 
Kommune und was immer damit ver¬ 
bunden ist, in der Öffentlichkeit dis¬ 
kutiert wird. 

Eine wesentliche Erfahrungin meiner 
Kommune ist die, daß alle ihre eigenen 
Sichtweisen und die eigenen politischen 
Einschätzungen haben. Die mir vom 
Rezensenten dargelegte Meinung zu 
dem Buch ist von seinem Standpunkt 
aus seine, die ich mit Interesse gelesen 
habe. So läßt sich natürlich auch das 
Euch und die Kommunen betrachten. 

Uns in die Nähe des Faschismus zu 
rücken, oder in die braune Ecke zu stel¬ 
len, hat mich ziemlich betroffen ge¬ 
macht hat. Ich meine, daß jede Nähe 
mitFaschismus schlicht wegabsurd ist, 
und Leute, die dieses tun, von Kommune 
überhaupt keine Ahnung haben und 
offensichtlich das Buch auch nicht ge¬ 
lesen haben. 

»Alles was menschlich ist, ist mir 
nicht fremd«. Das ist in den Kommunen 
genauso. 

Natürlich werden da auch Leute unter- 
gebuttert, plallgcmacht, kommen nicht 
2 u Wort, werden unterdrückt. Natürlich 
gibt es auch Macht und Ungleichheit, 
Hierarchie. Aber es gibt auch die stän¬ 
digen Auseinandersetzungen darum und 
den wirklich harten undbeschwerlichen 
Wc g, davon loszukommen. Und eine 
Redingung dafür ist die Offenheit. 

Uer (Trotzdem-) Verlag hat mir nahe- 
ßolegt, den Rezensenten nicht wegen 
feiner Anonymität anzugreifen. Das 
Verstehen seiner Kritik, die ja subjektiv 
Se in muß, fiele mir leichter, denn er 
a, öUnicnticrlja im Nebel seiner eigenen 
Objektiven Erfahrungen. Das unter¬ 
scheidet die Menschen in den Kommu- 
ncn v on den Menschen in den Metro- 
Polen. Es geht hier immer um die Per¬ 


sönlichkeiten, immer um einzelne 
Menschen, niemals um Anonymität. Die 
einzelnen Menschen stehen im Mittel¬ 
punkt des Alltags und nicht ein visio¬ 
näres Kommunebild. Ich meine, daß 
insofern auch jeder Vergleich mit brau¬ 
nen Gemeinschaften oder gar mit dem 
Faschismus falsch ist. Im Faschismus 
ging es um die totale Unterordnung 
unter die Gemeinschaft, mit einer Ideo¬ 
logie ausgestattet, die Menschen unter¬ 
drückt und ihre persönliche Entwick¬ 
lung verhindert. 

Wenn sich die Menschen in den 
Gemeinschaften ändern, ändern sich die 
Kommunen und ihre Inhalte. Das ist 
nicht nur theoretisch so, sondern das ist 
Praxis. 

Es dürfte allerdings interessant sein, 
herauszufinden, an welchen Stellen wir 
in dem Buch und in den Kommunen, 
aber auch in der politischen Wider¬ 
standsarbeit in den Metropolen reak¬ 
tionäre oder staatserhaltende Funktio¬ 
nen einnehmen, freiwillig oder unfrei¬ 
willig. Daß wirbeides sind, Widerstand 
und Anpassung, steht ja auch schon im 
Titel des Buches. Beides ist eine Reak¬ 
tion auf Bestehendes. Indem Titel heißt 
es aber auch »gelebte Utopie«. Das be¬ 
deutet immer, daß wir in den Kommunen 
andere als bürgerliche Strukturen ent¬ 
wickeln, und zwar welche, die uns allen 
ein menschenwürdiges Leben ermög¬ 
lichen. Darum geht es mir, wenn ich 
mich aufmache, um in einer Kommune 
zu leben. 

Ich will in diesem Aufsatz nur auf 
eine Bemerkung von Waldo Mar detail¬ 
lierter eingehen. 

Waldo Mar beschreibt in seiner Re¬ 
zension sein Problem, das ich als »Privat 
und Politisch« bezeichne. »... oder (ob 
es sich) hier um ein leider öffentlich 
gemachtes privates Foto- und Lese¬ 
album ... handelt« 

Ich habe den Eindruck, daß Waldo 
Mars persönliche Erfahrungen wohl 
eher die aus einer Wohngemeinschaft 
sind als aus einer Kommune. Ein we¬ 
sentlicher Unterschied, unter anderen 
natürlich, zwischen diesen beiden 
Lebensformen, die er so gerne in einen 
Topf schmeißt, liegt in dem Span- 
nungsfcld »privat und öffentlich«. 
Kommune ist nicht privat sondern öf¬ 
fentlich und deshalb niemals anonym. 
Insofern muß ein Buch über Kom¬ 
munen, noch dazu unseres, mit dem 


vom formulierten Anspmch auch und 
im wesentlichen Privates berichten. 
Wobei gerade in der Öffentlichmachung 
des Privaten ein wesentlicher politischer 
Inhalt liegt, und zwar der, daß gesell¬ 
schaftliche Veränderung nur über 
Öffentlichkeit denkbar ist. Der Rezen¬ 
sent verbindet das scheinbare Gegen¬ 
satzpaar Privat und Politisch und asso¬ 
ziiert damit, daß das Private offen¬ 
sichtlich nichtpolitisch sein kann. Darin 
liegen jedoch einige zuerst sicherlich 
nur sprachliche Unklarheiten, die sich 
aber verheerendauswirkenkönnen. Das 
Begriffspaar »privat und politisch« ist 
etwa so, wie Arbeit und Leben und alles 
erinnert mich an Apfel und Obst. Zu¬ 
sammengehören tun: »privat und 
öffentlich« und beide sind natürlich poli¬ 
tisch. Wobei auch immer mal wieder 
klar gemacht werden muß, daß der Be¬ 
griff »politisch« nicht immer gleich 
linkes Gedankengut bedeutet. Aber sei's 
drum: In diesem Kontext, in dem wir 
schreiben, mag immer die linke revo¬ 
lutionäre Speerspitze gemeint sein, aber 
auch die muß irgendwohin zeigen. Und 
so meineich, macht der Rezensent, mit 
seinem patriarchal durchtränkten 
Scharfsinn, sich die Sache doch sehr 
einfach, weil er die in der Einleitung 
aufgeführten Erklärungen, weshalb das 
Buch geschrieben wurde, schlichtweg 
ignoriert, nach dem Motto: »Wat de 
Bur nich kennt, dat frei hi nich.« 

Das Thema »Privat und Öffentlich« 
ist in den Kommunen ein ständiges, 
brennendes und aktuelles. Zum einen 
braucht natürlich jede und jeder seinen 
und ihren privaten Rückzugsbereich, 
mit dem ich nicht nur das private Zim¬ 
mer meine, sondern auch meine ver¬ 
innerlichten Strukturen. Zum anderen 
gibt es verschiedene Ansätze, die zu der 
Forderung nach einer Öffentlichkeit 
führen. 

Ich nenne nur einige: 

Die gesellschaftliche Tendenz geht 
weiter zur Vereinzelung, zur Isolation. 
Ich brauche hier nicht weiter die ge¬ 
sellschaftliche Funktion der Ehe, der 
Kleinfamilie, und deren Auswirkungen 
hinsichtlich derGewalt, Unterdrückung, 
Mißbrauch aufzuzeigen. Sie sind all¬ 
gemein bekannt. Wenn sich gesell¬ 
schaftlich also etwas verändern soll, 
dann könnte das ein Ansatz sein, diese 
gesellschaftlicheFunktion des Privaten 
öffentlich zu machen und damit auch 


SF 2/97 [41] 





die Funktion zu kippen. Das ist auch 
meine Motivation, in der Kommune zu 
leben. Um politisch wirksamer zu sein, 
schließe ich mich mit anderen zusam¬ 
men. Und das bedeutet immer, daß ich 
von meiner Privalheit ein Stück lasse. 
Ich meine, in der Kommune sogar bisher 
ganz. 

Ein anderer Ansatz, der auch dazu 
führt, ist der: 

Wir sind mit der bürgerlichen Sozia¬ 
lisation aufgewachsen und tragen natür¬ 
lich unsere Bürgerlichkeit in das Ge¬ 
meinschaftsleben mit hinein, von dem 
wir zudem noch gar nicht wissen, wie 
es denn Funktionieren könnte. Bürger¬ 
liche Sozialisation ist aber immer neu¬ 
rotisch und führt zwangsweise zur 
Sucht. Die bürgerliche Gesellschaft ist 
deshalb eine Suchtgesellschaft. Warum 
das so ist, läßt sich in meinem Aufsatz: 
»Die Plackerei« nachlesen. In der Ge¬ 
meinschaft läßt sich aber auf die Dauer 
mit diesem neurotischen Gepäck nicht 
leben. Wir müssen uns also mit unseren 
Neurosen auseinandersetzen. Das ist 
ausgesprochen schwierig und in Form 
von Selbsterfahrungsgruppen und 
Ähnlichem fast unmöglich, obwohl es 
immer wieder ernsthaft versucht wird. 
In diesem Zusammenhang würde in der 
Gemeinschaft der private Bereich auch 
eineFunktion übernehmen, nämlich die 
des Rückzugs, der Flucht vor Ausein¬ 
andersetzung, Flucht vor der Angst der 
eigenen Veränderung. Also ist der 
private Bereich aus dieser Sicht in der 
Gemeinschaft ebenfalls eine kontra¬ 
produktive Einrichtung. Die Antwort 
darauf kann auch nur die sein, diesen 
Rückzugsbereich ebenfalls zu öffnen. 
Nur dadurch kann Veränderung statt¬ 
finden. 

Aber natürlich gibt es auch ein An¬ 
recht, und zwar von beiden Ansätzen 
aus, auf diesen privaten Raum, der auch 
zu verstehen und zu schützen ist. In¬ 
sofern ist auch immer klar herauszu¬ 
arbeiten, was denn eigentlich erreicht 
werden soll. Kein Mensch kann dauer¬ 
haft offen sein, oder ausschließlich ge¬ 
meinschaftlich sein oder sich in einer 
ganztägigen Sclbsterfahrungsthcrapie 
befinden. Es gehört zu meiner freien 
Entscheidung, wann ich mich und unter 
welchen Bedingungen ich mich in 
Gemeinschaft begebe und mich diesen 
Veränderungs-oder Therapieprozessen 
aussetzen will. Und schließlich muß 
auchalles nichtsoemstgesehen werden. 


Im Buch habe ich die Richtung ver¬ 
treten, möglichst offen über unsere Pro¬ 
bleme und über unser Privates zu be¬ 
richten. Ich muß zugeben, daß der Satz: 
»das geht Dich nichts an, daß ist meine 
Privatsache« mir zwar sehr fremd ist, 
aber auch wieder gut in das Bild einer 
Anarchistin paßt. Wir kennen uns in 
unserer Gemeinschaft relativ gut, weil 
wir tendenziös auch lange zusammen 
leben, was bei uns ja auch immer 
bedeutet, zusammen zu wohnen und 
zusammen zu arbeiten Das wird auch 
durch unsere gemeinsame Ökonomie 
ausgedrückt, - und schon darüber sind 
wir immer öffentlich. Wobei ich 
ersteinmal von einer Öffentlichkeit in 
der Kommune ausgehe. 

Das Thema Frauen -Männer beschäf¬ 
tigt uns seit Jahren in der Gemeinschaft, 
und deshalb ist es ein wichtiges Thema. 
Es muß offen geführt werden. Es betrifft 
alle, inhaltlich ohnehin weit über den 
Kommunerahmen hinaus. Insofern war 
es für mich gar keine Frage, die sehr 
persönlichen Frauentexte zu veröffent¬ 
lichen. Was denn sonst? 

Aber das sind meine Beobachtungen 
und die meiner Verbündeten hier auf 
der Burg sind allesamt anders. Wenn 
alle Ihre eigenen Sichtweisen leben, 
dann kann das Offene das Verbindende 
sein. Ich habe Lutter immer als Experi¬ 
ment für mich gesehen, von dem ich 
nicht weiß, wie cs ausgehen wird, oder 
was dabei hcrauskommt. Ich weiß nicht, 
ob wir mit dieser Art des Lebens eine 
menschiichcrcGescllschaft entwickeln 
können. Es ist halt ein Versuch, der von 
allen Betroffenen die ganze Kraft for¬ 
dert. Insofern gilt es nicht, sich aufzu- 
schwingcn und zu sagen, daß sei alles 
politisch unsinnig.. Aber das sagt der 
Rezensent ja auch nicht. Er kommt zu 
dem Schluß, daß er Anderen empfehlen 

würde, es anders zu machen. Mitdiesem 
Ergebniskann ich gut leben. Schließlich 
sind alle Gemeinschaften sehr unter¬ 
schiedlich. Übrigens die praktizierte 
Ökonomie auch. 

Zum Schluß meines Aufsatzes über 
die Geschichte der Kommunen habe 
ich daraufhingewiesen, daß sich in den 
Kommunen Reichtum angesammelt hat, 
und des wegen die Kom munen eine poli¬ 
tische Verantwortung haben, die in der 
»Öffentlichmachung« einen Ausdruck 
finden könnte. Kommune ist keine Pri¬ 
vatsache. Allerdings meine ich, daß wir 
in den Gemeinschaften längst nicht ge¬ 


nug öffentlich sind, und unsere Pro¬ 
bleme und Schwierigkeiten lieber in 
der eigenen Kommune lassen. Insofern 
bin ich meinen Mitautorinnen sehr 
dankbar, daß sie sehr authentisch be¬ 
richtet haben. Theoriemodelle oder 
Politikvorstellungen und die Political 
Correctness haben sich glücklicher¬ 
weise nicht durchgesetzt, und die mei¬ 
sten meiner Verbündeten stehen ihnen 
auch sehr mißtrauisch gegenüber. In 
egalitären Gemeinschaften ist es auch 
gar nicht anders möglich. 

Eines allerdings vermisse ich in den 
Kommunen auch, und das ist das, was 
der Rezensent unter Theoretisieren 
meint. Ich persönlich sehne mich nach 
einer handfesten Analyse der Situa¬ 
tionen, auch der poliüschen, nach dem 
politischen Kontext, in dem die Kom¬ 
munen stehen. Das, ich muß es leider 
zugeben, ist nur ansatzweise in dem 
Buch geschehen. Ich vermisse selbst 
die politische Diskussion um die ange¬ 
rissenen Themen. Der Ökonomieaufsalz 
von Dieter Bensmann ist ja nur eine 
mögliche Form der Ökonomie. Die 
Lutteraner Chaosökonomie ist eine 
völlig andere. Aber das kann das Buch 
nur in Ansätzen leisten. Wir haben es 
mit dem Briefwechsel zwischen Ger¬ 
hard Breidenstein und mir versucht, zu 
dem Thema Leitung unterschiedliche 
Positionen aufzuzeigen. Aber auch hier 
kann es sich immer nur um persönliche 
Erfahrungen handeln, die wir öffentlich 
gemacht haben. Eine Allgemeingül¬ 
tigkeit ist ohnehin aus keinem der 
Aufsätzeabzuleiten. Wenn die Berliner 
ihre Schwierigkeiten mit Flüchtlingen 
schildern, dann sind das ihre Erfahrun¬ 
gen. Ich kenne einige Kommunen, in 
denen völlig andere gemacht wurden. 

Ich meine, die Vielseitigkeit der 
Kommunen und der Menschen in ihnen 
kommt in diesem Buch sehr wohl sehr 
gut zum Ausdruck. Und das ist in jedem 
Fall etwas ganz anderes als Gleich¬ 
schaltung. 

Im übrigen, und auch das gehört in 
das Kapitel Offenheit: alle, auch der 
Rezensent, können Kommunen be¬ 
suchen und ihre eigenen Erfahrungen 
machen. 

In diesem Sinne: besucht die be¬ 
stehenden Kommunen und gründet dann 
selbst welche. 

UweK.; Lutter, den 1.3.97 


[42] SF 2/97 









Mimosen-Schichttorte 


Dia Herstellun g_dieses_attra ^i vfin Kuchensj st 
gphr einfach. erford ertabe L*tw as Gedu ld, 


Kleine Geschichte des 
Tortenwerfens 


von Kees Stad 
(Amsterdam) 

Übersetzung aus dem 
Holländischen 
von Malte Wendt 


Der Stummfilm hat es vorgemacht: der 
Tortenwurf ins Gesicht verdutzter Buh¬ 
männer verfehlte - bei aller Vorherseh¬ 
barkeit - seine Wirkung beim Kino¬ 
publikum nie. Dieser anarchische Akt, 
der gegen alle guten Sitten verstößt, 
verwandelt gestandene Herren - etwa 
den tyrannischen Arbeitgeber eines 
gepiesackten Charlie Chaplin - im Nu 
in Witzfiguren. Die Demütigung ist 
dabei vollkommen und die wiehernde 

Schadenfreude groß. MeisterwieLaurel 

& Hardy haben dieses wohl signi¬ 
fikanteste S lapstick-Element zur kunst¬ 
vollen Performance erhoben. Ein Tor¬ 
tenwurf ist da nie auf den Akt an sich 


beschränkt. Seine ganze Wirkung ent¬ 
faltet sich erst, wenn Oliver Hardy als 
Opfer in vermeintlich stoischem Gleich¬ 
mut einzelne Tortenstückchen und 
Sahnereste von seinem Anzug entfernt, 
während S tan Laurel danebensteht, sein 
,,Geschieht-dir-ganz-recht“-Gesicht 
aufsetzt und dabei wie zur Unterstrei¬ 
chung einmal energisch nickt. Den 
letzten Rest an Souveränität verliert 
Hardy dann, wenn sein Zorn eruptiv 
ausbricht und sich in einem Vergel¬ 
tungstortenwurf in Laureis Gesicht 
entlädt. 

„Happiness is a 
Cream Pie“ 

Was eigentlich längst die Patina der 
Stummfilmzeit angesetzt zu haben 
schien, erfuhr durch die „Torten¬ 
bewegung“ der 70er Jahre ein unver¬ 
hofftes Revival. S ie löste in den höchsten 
Kreisen der Gesellschaft eine Welle der 
Angst aus. Die Vorstellung, nach einer 
Rede mit einem Gesicht voll Schlag¬ 
sahne verewigt zu werden, brachte 
manch einen dazu, auf den öffentlichen 
Auftritt ganz zu verzichten. 

In den US A hatte dieTortenbewegung 
einen ganz klaren Anführer, den Yippie 
Aron Kay. 1976,imJahreder200-Jahr- 
Feierlichkeiten, machte dieser Gro߬ 
meister der politischen Torte auf sich 
aufmerksam, als er dem rassistischen 
Nixon-Schoßhund und UNO-Bot- 
schafter Patrick Moynihan auf einer 
Wahlkampfveranstaltung für den Senat 
eine Mocca-Creme-Torte ins Gesicht 
pflanzte. Die Betortung und die Er¬ 
klärung von Aron - „Ich machte es, um 
gegen die Auslandspolitik der Geheim¬ 
dienste, denen Moynihan diente, zu pro¬ 
testieren." - erzielten weltweit mehr 
Aufmerksamkeit als alle Demonstra¬ 
tionen jenes Jahres zusammen. Mit 
verblüffender Schnei ligkeit setzte Aron 
seine Beschießungen fort und „traf* 
dabei: den rechten Theoretiker William 
F. Buckley, den Künstler Andy Warhol, 
den New Yorker Bürgermeister Abe 
Beame, zwei ehemalige CIA-Chefs 
so wie eine ganze Reihe von Watergate- 
Persönlichkeiten. Seine Torten halfen, 
Beamte aus dem Rathaus und den 
sogenannten progressiven Präsident¬ 
schaftskandidaten von 1980, Brown, 
aus dem Rennen zu jagen. 

Phyllis Schlafly war eine der schärf¬ 
sten Kritikerinnen des ERA-Ände- 


SF 2/97 [43] 










rungsantrags (Equal Rights Amend¬ 
ment), der Frauen in einer Reihe von 
Punkten Gleichberechtigung zugeste¬ 
hen sollte, und Wortführerin der leider 
erfolgreichen konservativen Kampagne 
dagegen. Sie wurde zum Opfer von 
Aron Kay, als ihr 1977 feierlich der 
,National Womcn 4 s Freedom Award 4 
verliehen wurde. Am nächsten Tag wa¬ 
ren in jeder Zeitung des Landes Fotos 
zu sehen: Aron, der die Torte ins Ziel 
bugsiert, und Schlafly, die sie sich aus 
den Augen reibt. Die Feierlichkeiten 
selbst wurden völlig in den Hintergrund 
gedrängt. Sonderbarerweise wurde im 
Fernsehen nichts gesendet. Es geht das 
Gerücht, daß die TV-Anstalten verein¬ 
bart hatten, die „pieings " zu ignorieren 
- ei ne Rache gegen den Tortenanschlag, 
den Aron einige Wochen zuvor im 
Gebäude von NBC-Telcvision verübt 
hatte. Späterberwarb sich Kay mit dem 

Motto: „ Wählt Kay - schiebt eine Torte 
ins Gesicht der Autoritäten “ als Bür¬ 
germeister von New York und rief dazu 
auf, sich nichts aus der TV-Nachrich¬ 
tensperre zu machen, sondern einfach 
eine landesweite Bewegung entstehen 
zu lassen: Arbeiter, betörtet eure Chefs, 
Jugendliche eure Lehrer, Mieter eure 
Vermieter. 

Yipstcr Times, Mai 1977, zit n. 

Blacklisted News. Secrct Historics, from 

Chicago ’68, to 1984, S. 288-307/ 4 
Seit der öffentlichen Verbrennung von 
Wehrdiensteinberufungen für den US- 
Krieg gegen Vietnam und von Büsten¬ 
haltern hat keine Protcstmethodc soviel 
öffentliche Begeisterung hervorgerufen 
wiedas Torten werfen. Nie um Phantasie 
verlegen, schmiß Kay auch Kuchen nach 
dem LSD-Promoter Tim Leary. Er be¬ 
spuckte John Ehrlichman, als ihm 
Nixons Helfershelfer seine Torte ent¬ 
rissen, und verfehlte Ronald Reagan 
und Billy Carter (den Bruder von Jim) 
nur um ein Haar. Sein Licblingsziel war 
jedoch wahrscheinlich „Holy Harvey 44 
Balwin, ein Megaphon- Evangelist, der 
einmal einen Schwulenaktivisten in 
Kalifornien niederstach. 

„Bildet Banden!“ 

Die meisten guten Tortenaktionen wur¬ 
den von Teams durchgeführt. Vor allem 
die kanadischen Groucho-Marxisten aus 
Vancouvcr und die .Revolutionär 3 
Stoogcs Brigade* (R3SB) aus Dayton, 
Ohio, waren lange Zeit erfolgreich tätig. 
Beide Gruppen führten zahllose „pie- 


Vorbereitungszeit: 25 Min. 
+ Zelt zum Kühlen 
Backzelt: 30-35 Min. 

Für 8-10 Personen 

ZUTATEN 

175 g weiche Butter, 
etwas zum Einfetten 

_ 6 Eigelb _ 

_ 3 EL Milch _ 

_ 175 g Maismehl _ 

_ 8 Eiweiß _ 

_ 200 g Zucker _ 

200 g Aprikosenmarmelade 
225 g Puderzucker 
2-3 EL Zitronensaft 
_ Zum Verzieren _ 

30 gelbe Zuckerperlen als 
_ „Mimosen“ _ 

5 cm kandierte Engelwurz 
_1 TL Zucker 


Backofen auf 220" C vor¬ 
heizen. 25-cm-0-Springform 
einfetten und mit Backpapier 
auslegen. 



und nach einarbeiten. Gründlich 


verschlagen, 2-3 Min. ruhen 
lassen, nochmals umrühren und 
beiseite stellen. 

jobs 44 durch, bei denen die Tortenwerfer 
durch Mitwirkung zahlreicher Helfers¬ 
helfer ausnahmslos entkommen konn¬ 
ten. Ende des Jahres 1977 konnten ka¬ 
nadische Politiker, die gen Westen in 
Richtung Vancouver reisten, zuverläs¬ 
sig daraufrechnen,daß von der Anarchi¬ 
stischen Partei Kanadas (groucho- 
marxistische Strömung) oder der New 
Qucstioning-Coyote Brigade ein Tor¬ 
tenanschlag auf sie verübt werden wür¬ 
de. Oppositionsführer Joe Clark plä¬ 
dierte öffentlich für eine „konservative 
Torte 44 und erhielt sie auch prompt mit 
Empfehlungen des New-Questioning- 

MitgliedsBrentTaylor, der zwar gefaßt 

wurde, jedoch keine gerichtliche Vor¬ 
ladung erhielt. Zu den Opfern des 
Groucho-Marxisten Frankie Lee ge¬ 
hörten der einstige Radikale Eldrige 
Clcaver, der Psychochirurg Jose Del- 


gado, der mit einer Mischung aus Rin¬ 
derhirn und Tomatenmark verziert 
wurde, und zwei Minister der Regierung 
Trudeau. Jedem Volltreffer folgte ein 
deutliches Bekennerschreiben an die 
Presse. 

Im Gegensatz zu den US-ameri¬ 
kanischen Medien, die über fliegende 
Torten begeistert berichteten, rügte die 
kanadische Presse die Politiker wegen 
ihrer lässigen Reaktionen. Ein Kom¬ 
mentator seufzte: „Fanatische Ter¬ 
roristen entführen Flugzeuge, Feiglinge 
schmeißen mit Torten ... Das Werfen 
von Torten ist eine Methode, billig 
davonzukommen . 44 Kalorienbomben 
zählten in ihren Augen nichts (Aller¬ 
dings wurde Brcnt Taylor später als 
einer der Verdächtigen der Vancouver 
Five wegen gichtiger 4 Bombenan¬ 
schläge, unter anderem gegen eine 
Fabrik von Cruise Missiles, zu 15 Jahren 
Haft verurteilt). 

Anders als die kanadischen Torten¬ 
banden suchte die ,Revolutionary 3 
Stooges Brigade 4 ihre Ziele meistens 
unter lokalen Berühmtheiten - bei¬ 
spielsweise dem Sprecher von Daytons 
Elektrizitätswerken und einem Polizi¬ 
sten des Sondercinsatzkommandos 
SWAT. „Dieswar ein typischer, lokaler 
Tortenmord, der keine nationale 
Bedeutung hat Jm Alltag spielen lokale 
Arschlöcher oftmals eine wichtigere 
Rolle als irgendeine abstrakte , nationale 
Persönlichkeit . Alle finden es doch toll , 
wenn der Typ, der ihre Stromrech¬ 
nungen erhöht, von einer Torte getroffen 
wird. " Später leugnete der Strommann 
vor der Presse, jemals einen Tortengruß 
erhalten zu haben. „Möglich ist alles", 
reagierte die Brigade. „Aber dann läuft 
er wohl immer mit einem Gesicht voll 
klebrigem Gebäck herum' 1 . 

(Blacklisted News 1983, S. 288-307). 


Vorsicht! Die Gegner 
schlagen zurück 

Die Leichtigkeit, mitderTortenschmci- 
ßer ihre Beute bekleckerten und sich 
danachausdem Staubmachen konnten, 
führte dazu, daß das kanadische 
Anarchoblatt ,Open Road 1 die Woche 
vom4.biszum 11. November 1977 zur 
„Internationalen Torten-ins-Gesicht- 
Woche 44 ausrief. Dennoch leben Tor- 
tenschmeißer gefährlich. Billy Carter 
und Cowboykönig Roy Rogers mußten 



[44] SF 2/97 


Uwe Kurzbein, Lutter 



zurückgehalten werden, damit sie die 
Attentäter nicht zusammenschlugen. 
Immerhin hatte der Betörter des Cow¬ 
boykönigs geschafft, woran Hunderte 
v on Filmhelden gescheitert waren: Er 
traf ihn mit einem Sahne-Flanpudding 
genau zwischen die Augen. Der König 
winselte danach: „Ich würde ihm am 
l iebsten einen Roy-Rogers-Hamburger 
in die Gurgel drücken ." 

Mindestens zwei Tortenwerfer lan¬ 
deten im Krankenhaus. 1978 betortete 
eine unbekannte Person Frank Rizzo, 
den ehemaligen Polizeichef und spä¬ 
teren Bürgermeister Philadelphias wäh¬ 
rend eines Vortrags. ,Ratzo“ befahl sei- 
nen Schlägern, den jungen Mann fünf¬ 
zehn Minuten lang vor den Augen des 
gesamten Publikums zusammenzudre¬ 
schen, und besuchte ihn daraufhin im 
Krankenhaus, um ihm miteiner Anzeige 
zu drohen, falls er mit der Presse reden 
würde. Jener verzichtete darauf, und 
der Vorfall erschien nicht in den Medien. 

Im Sommer 1973 hatteesPat Haley, 
Redakteur des Underground-Blatts 
•Fifth Estate' auf sich genommen, den 
sonderbaren Zauber zu beenden, den 
einige ehemalige Poliuiktivisten um den 
Guru Maharaj Ji veranstalteten. Haleys 
Torte, in Blumenstraußvermummung, 
landete mitten zwischen des Gurus 
Kiefern. GOTT BETÖRTET!, prangten 
die Schlagzeilen. Die Schläger des 
Gurus sahen rot. Zwei von ihnen dran¬ 
gen in Haleys Wohnung ein und Schlü¬ 
ßen ihn mit Hämmern bewußtlos. Ma- 
haraj Ji erteilte ihnen einen Rüffel, und 
Haley hatte einen Schädelbruch. 

Mit Torten gegen Zensur 
und moralisierende 
Heuchelei 

H*c erste politische Torte wurde von 
Tom Forcade, einem legendären ,Ge- 
schäfisyippie 1 , der der Bewegung mit 
Hilfe von Schmuggel weicher Drogen 
v iel Geld einbrachte, am 14. Mai 1970 
geschmissen. Forcade war offizieller 
Tciter des .Underground Press Syn- 
dicate* und erhielt deshalb eine Vor¬ 
ladung zur Aussage beim Zensur- 
au sschuß, dem „Präsidialausschuß für 
Gbszönität und Pornografie“. Er er¬ 
schien als Priester verkleidet und verlas 
^ inc lange Liste von Undcrground- 
lättern, die wegen .Pornografie“ 
clangt worden waren, sowie eine zor¬ 


nige Stellungnahme, die mit dem Re¬ 
frain: „Also verpißt euch, und verpißt 
euch mit eurer Zensur“ endete. Danach 
kippte er dem Ausschußmitglied Otto 
N. Larson eine Torte ins Gesicht. Das 
Foto des Ereignisses erschien auf der 
ersten Seite der New Yorker Tages¬ 
zeitung .Dailey News“ und in nahezu 
allen anderen Zeitungen des Landes. 

Sieben Jahre später versuchte der 
republikanische Bürgermeister von 
Cleveland, Ralph Perk, einen Kreuzzug 
gegen „Pornografie und Unmoral“ zu 
starten, wozu er neben dem ‘Playboy’, 
Prostitution und Haschisch zählte. Bei 
der Eröffnung der Hauptkoordinations¬ 
stelle für die Kampagne zu seiner Wie¬ 
derwahl betrat Yippie Sue Kuklick in 
langem Rock und mit einer Locken¬ 
perücke den Saal, um ihm eineErdbeer- 
Rhabarbertorte ins Gesicht zu zentrie¬ 
ren. Sie wurde anschließend auf der 
Polizeiwache von den Beamten zum 
Kaf feetrinken eingeladen (Cleveland ist 
traditionsgemäß eine Demokratenstadt) 
und durch die Hintertür laufengelassen. 
Die Erklärung von Sue lautete, daß sie 
ihn wegen Mißhandlungen von Prosti¬ 
tuierten und „dem Führen eines heuch¬ 
lerischen Moralkriegs gegen die Porno¬ 
grafie " angegriffen habe, „ während er 
strukturell die Interessen der Armen 
verleugnet ". Er erlitt danach eine enor¬ 
me Wahlschlappe. 

Einen schwulenfeindlichen Erzbi¬ 
schof in Minneapolis traf der Zorn des 
Heim in ähnlichcrForm.Ein Schwulen- 
aktivist (das Motto seines Klubs lautete: 
„Schmusen und Revolution“) ging erst 
zum Frisör, kaufte dann einen Ham¬ 
burger (falls es im Knast nichts zu essen 
geben sollte) und ging so vorbereitet zu 
einem Wohltätigkeitsbankett des Anti¬ 
sch wulen-Erzbischofs. Dort ließ ersieh 
händeschüttelnd mit ihm fotografieren 
und plazierte daraufhin eine beim ört¬ 
lichen Bäcker erstandene Schokotorte 
in sein Gesicht. 

GouvemeurJamesRhodes hatte 1970 
die Nationalgarde auf das Kent-State- 
Unigelände geschickt, um eine Anti¬ 
kriegs Veranstaltung niederzuschlagen. 
Vier Studenten wurden erschossen. Er 
verlor einige Tage später die (Wieder¬ 
wahl, tauchte 1974 aus der Versenkung 
auf und eroberte seinen Sitz zurück. Bei 
der Eröffnung der Ohio-State-Feier- 
lichkeiten erhielt Rhodes seine wohl¬ 
verdiente Bananen- Cremetorte. Es wird 
erzählt, daß auf der Autobahn kilo- 
meterlang vor Freude gehupt und geju- 


NEUERSCHEINUNG 

RUDOLF BERNER 
DIE UNSICHTBARE FRONT 
Bericht über die illegale 
Arbeit in Deutschland (1937) 



Herausgegeben, annotiert und ergänzt 
durch eine Studie zu Widerstand und 

Exii deutscher Anarchisten und 
Anarchosyndikalisten (1033-1945) von 

Andreas W. Graf und Dieter Neiles 

Im Februar/März 1937 reiste der schwe¬ 
dische Anarchist Rudolf Berner (alias 
Frank Tireur) als Tourist getarnt in „gehei¬ 
mer Mission* 4 durch Nazideutschland. 
Berner kam aus dem revolutionären Spa¬ 
nien und hatte den Auftrag, die konspira¬ 
tive Verbindung zwischen den deutschen 
Anarchosyndikalisten im Exil und den 
Anarchosyndikalisten im deutschen 
Untergrund herzustellen. 

In seinem 1940 veröffentlichten Be¬ 
richt beschreibt er in verschlüsselter Form 
die Widerstandsaktivitäten der deutschen 
Anarchisten und Anarchosyndikalisten 
gegen das NS-Regime. Dabei vermittelt 
er einen lebendigen Eindruck von der ex¬ 
tremen Lebenssituation, den Ängsten und 
den Hoffnungen einer kleinen - und von 
der Forschung bislang weitgehend igno¬ 
rierten — Gruppe des deutschen Wider¬ 
standes. Zugleich ist Berners Bericht aber 
auch eines der wenigen Zeugnisse inter¬ 
nationaler Solidarität im Kampf gegen den 
Nationalsozialismus. 

Durch ihre kenntisreiche Kommentie¬ 
rung von Berners Bericht und vertieft in 
ihrer ergänzenden Studie geben Graf und 
Neiles eine erste umfassende Darstellung 
des Widerstandes und Exils der deut¬ 
schen Anarchisten und Anarchosyndi¬ 
kalisten. 

ARCHIV FÜR SOZIAL- UND KULTUR- 
GESCHICHTE, Band VII * Dt. Erstaus¬ 
gabe (zum Teil aus dem Schwedischen) • 
160 + XVI Seiten, 33 Abb., Hardcover u. 
rotes Lesebändchen • DM 32,00 * Bestell- 
Nr. 507 / ISBN 3-922226-23-X 


Erschienen im und erhältlich beim: 

Libertad Verlag Berlin/Köln * Ausliefe¬ 
rung Berlin: Postfach 440 349 • D-12003 
Berlin • Tel.: 030 / 68 80 97 68 • Fax: 
030 / 68 80 97 78 * Weitere Verlagsinfos 
im World-Wide-Web unter der URL: 
http://www.free.de/dada/libertad.htm 


SF 2/97 [45] 







3 Eiweiß steif schlagen und 
mit dem Zucker mischen. 
Nach und nach unter den 
Teig heben. 


4 Eine 5 mm dünne Schicht in 
die Backform geben, in 3-4 
Min. goldbraun backen. Eine 
zweite Teigschicht aufstreichen 
und backen. Vorgang wiederholen, 
bis dergesamte Teig verarbeitet ist. 


I— Über Nacht in der Form 
lassen. Herausnehmen und 
mit warmer Aprikosen¬ 
marmelade bestreichen. 


beit wurde, als die Nachricht im Radio 
kam. Rhodes ließ den Werfer festneh¬ 
men und versuchte, ihn wegen Körper¬ 
verletzung durch Tortenwurf verurteilen 
zu lassen. Am Tag vor dem Prozeß 
bewies der Tortenschmeißer, daß das 
gar nicht möglich ist: Er brach alle 
Rekorde, indem er sich von Freundinnen 
und Freunden mit insgesamt 26 Torten 
bewerfen ließ (worüber alle lokalen 
Fernsehanstalten berichteten). Die 
Richter sprachen ihn denn auch prompt 
frei, auch wenn sie den Spaß des An¬ 
schlags nicht gerade einsehen wollten. 

In Europa war das Betörten, soweit 
bekannt, nie sehr verbreitet. Selbst¬ 
verständlich wurde mit allem möglichen 
nach öffentlich auftretenden Macht¬ 
habern geworfen - der ehemalige nie¬ 
derländische Ministerpräsident Lubbcrs 
beispielsweise bekam wegen seiner 
heuchlerischen Ausländcrpolitik auf 
einer Anti-Rassismus-Demo einen 
halben Gemüseladen um die Ohren, 
und wer erinnert sich nicht an die Eier, 
die dem Dicken aus Oggersheim von 
den Brillengläsern trieften - richtige 
Gebäckmorde kamen jedoch selten vor. 
Allerdings wurden in Großbritannien 
einige Anschläge registriert. 1977 wurde 
der konservative Spitzenfunktionär 
Michael Hcsseltinc Während einer Rede 
an der Universität von Leeds mit einer 
Apfel-Sahnetorte bedacht. Sein Partei¬ 
freund David Frost mußte sich dagegen 
ganz bis nach New York begeben, um 
in den Genuß von ,a pie in the eye‘ zu 
kommen. Anfang der achtziger Jahre 
wurde auch Prinz Charles während eines 


Besuch eines Nachbarschaftszentrums 
in Manchester von einer Torten werferin 
in die königliche Visage getroffen. Und 
Tony Benn, der Gottheit der linken 
Strömung innerhalb der Labour Party, 
wurde Gebäck um die Ohren gehauen, 
als er 1982 in Wales auf einer Gewerk¬ 
schaftsversammlung über “Das Recht 
auf Arbeit“ sprach. Das Publikum war 
so überrascht, daß der Tortenwerfer 
noch Zeit hatte, das Mikrophon zu 
greifen und " Hau doch ab mit deinem 
Recht auf Arbeit“ zu rufen. Danach 
wurde er von der Bühne geschmissen 
und der Polizei übergeben, die ihn 
wieder laufenließ. 


Belgisches Gebäck 

Ein Fall für sich ist der Belgier Noel 
Godin. Er ist in Belgien und Frankreich, 
wo er bereits seit zwanzig Jahren ehr¬ 
geizige Philosophen, Politiker und 
Medienleute verfolgt, ein gefürchteter 
Gast. Vor kurzem schrieb er seine 
Autobiografie, " Cream and Punish- 
ment " (im Deutschen etwa “Schuld und 
Sahne“). Unter seinen Opfern befinden 
sich der mediengeile Jean-Luc Godard 
und die Schriftstellerin Marguerite 
Duras. Bei seinem jüngsten Gastspiel 
bei den Filmfestspielen in Cannes er¬ 
wischteer den neuen französischen Kul¬ 
turminister bei dessen erstem öffent¬ 
lichen Auftritt. Lieblingsziel vonGodin 
ist aber der französische “Meister”- 
philosoph Bemard-Henri Levy. L6vy, 
der so empfindlich ist, daß er einmal 
erzählte: “Wenn ich einen neuen Grau¬ 
ten finde, gerate ich völlig aus dem 
Häuschen“ erklärte an anderer Stelle, 
daß Frauen nicht mit Geld umgehen 
sollten, und umschrieb seine eigenen 
Talente als “eine Landschaft, die keinen 
festen Platz in der klassischen Kultur¬ 
topographie“ habe. Solchen Bemer¬ 
kungen verdankte er die jahrelange 
Belagerung mit Torten. “Er ist der 
schlimmste ", erklärt Godin, “er ist das 
größte Ekel dieses Jahrzehnts. “ 

Seine Beliebtheit erreichte Godin, 
über dessen Aktionen begeisterte Me¬ 
dienberichte erschienen, nicht zuletzt 
durch sorgfältige Auswahl seiner Ziel¬ 
scheiben. Ich möchte nicht in eine 
bequeme Sensationslust verfallen. Für 
jedes Opfer muß eine plausible Be¬ 
gründung vorgebracht werden können. 
Ich sehe meine Torten in einer Linie mit 


den Beleidigungsbriefen, die die Da¬ 
daisten unnützen Berühmtheiten 
sandten “ Mittlerweile verlegt er sich 
immer mehr auf politische Torten. 
Erstaunlicherweise hat es bisher kein 
einziges der Opfer auf ein Verfahren 
ankommen lassen. “Sie würden es lie¬ 
bend gern tun ", erklärtGodin. “Es wäre 
jedoch für dasjenige, an dem sie am 
meisten hängen, verheerend: ihr öf¬ 
fentlicher Ruf Als ich festgenommen 
wurde, alberten die Polizisten meistens 
herum und kamen oft mit einer eigenen 
Liste gewünschter Zukunftskandida¬ 
ten. “ 

Tortenaktionen, so Godin, müssen 
sorgfältig vorbereitet und in Teams von 
mindestens vier Personen durchgeführt 
werden. Darunter solltesichaußereinem 
Helfer zum Anreichen des Gebäcks auch 
ein Kameramensch für die Live-Doku- 
mentation befinden. “Es ist wichtig, die 
Torte nicht zu schmeißen, sondern zu 
plazieren ", doziert Godin, “und sich 
nicht um einen Fluchtweg zu sorgen, 
sogar wenn das heißen sollte, daß 
Sicherheitsleute einen zusammen¬ 
schlagen. Es ist ferner strengstens ver¬ 
boten zurückzuschlagen, wenn mensch 
physisch angegriffen wird. Nur das beste 
Gebäck ist gut genug und sollte kurz 
vor der Aktion bei einem kleinen Bäcker 
vor Ort gekauft werden. Qualität ist 
alles; wenn eine Aktion schief geht, essen 
wir schließlich alles selbst auf“ (The 
Observer, 2. Juli 1995). 

Der obige Text stamt aus dem 
Handbuch der Kommunikationsgue- 
riüa, herausgegeben von der autonomen 
a.f.r.i.k.a.-gruppe, Luther Blissett und 
Sonja Brünzeis, 240 Seiten, 30 DM. 
Erschienen im Verlag Libertäre Asso¬ 
ziation/Schwarze Risse; 

Bestelladresse: VLA, Lindenallee 72, 
20259Hamburg, Tel.{Fax040-4393666 



und Engelwurz verzieren, Zucker 
aufstreuen, hart werden lassen. 


2 


[46] SF 2/97 


Al» Nachtisch mit einem 
Gla» Marsala servieren. 


Sozialpolitisches Forum 
1997 

Handlungsstrategien gegen den So¬ 
zialabbau, bietet die diesjährige Ver¬ 
anstaltung der AG Spak vom 7.-9.11. in 
Kassel. Auf dem Treffen soll be¬ 
ratschlagt werden, wie wirkungsvolle 
Gegenmaßnahmen zum Abbau des 
Sozialstaats aussehen können. Dabei 
soll das eigentliche Ziel, einer auf 
Selbstbestimmung und Selbstorgani¬ 
sation der Betroffenen beruhende Ge¬ 
sellschaft, nichtaus den Augen verloren 
werden. Infos: Marga Mitterhuber, 
Raiffeisenweg 12,86923 Finning, Tel./ 
Fax 08806-95094 






* *»•••**,«.**«i, jwyyvtli) ___ 

Veranstaltungsreihe, bestehend aus 
Filmen, Theater.Lesungenund Diskus¬ 
sionen. 

Darmstadt: 8.4.-2.5.97, Staatsarchiv 
Darmstadt, Karolinenplatz; Mo 9-19:30 
Uhr, Di-Fr 9-17 uhr 
Frankfurt: 4.5.-24.5.97, Auguste- 
Oberwinter-Haus, Burgfriedenstr.7 
Tgl. 14-19 Uhr; 

Kontakt: Kein Schweigen - Frauen 
gegen Bevölkerungspolitik, c/o FFGZ 
Frankfurt, Kasseler Str.la, 60486 
Frankfurt 



Leben auf der Straße 


Schwarz-Rote-Wochen 
Rhein-Neckar vom 30.4. 
bis zum 24.5. 

u v.a. finden statt: 

Mi, 30.4.97, Heidelberg, Marktplatz, 
19 u. 23 Uhr. Demonstration gegen das 
"Mai-Singen" rechtsradikaler Bur¬ 
schenschafter. 

Do, 1 .Mai, Paradeplatz, revolutionäre 

1 .Mai Demonstration "Für eine gleich¬ 
berechtigte, herrschaftsfreie Gesell¬ 
schaft" 

Fr, 2.5., Eröffnung der Ausstellung 
zum Spanischen Bürgerkrieg, im JUZ, 
Kälhe-Kollwitz-Str.2-4 
Fr, 9.5., Anarchistische Strömungen 
in Deutschland, Ort noch unklar 
Mo, 12.5., Bioethik - alte Gedanken 
im neuen Gewand, JUZ, 20 Uhr 
Di, 13.5., Vortrag: Punk und Hard- 
core, JUZ, 20 Uhr i 

2.Anarchistische$ 
Sommercamp in 
Hamburg 

vom 25.7. bis zum 3.8. 

Organisiert wird das Camp von der 
Libertären Jugend Hamburg. Es wird 
wieder Arbeitsgruppen, Aktionen, Dis¬ 
kussionskreise und gemeinsamen Ur¬ 
laub, Wasscrsportetc. geben. Aufgaben 
wie Kochen, Kinderbetreuung, Sauber- 
uiachen und Wache halten werden wir 
gemeinsam selbst erledigen. 300 An¬ 
meldungen können entgegen genom¬ 
men werden. (Ca. 90-130.-DM) 
Kontakt: 

Libertäre Jugend, Thadenstrl 18, 
22767 Hamburg-Altona, Tel. 040- 
4322124 (Mi+Do 19-21), 

c-mail: fau/hh4@anarch.frce.de 


Ausstellungen in Frankfurt 
und Darmstadt 

Schwestern, vergeht uns nicht! 
Frauen im Konzentrationslager: Mo¬ 
ringen, Lichtenberg, Ravensbrück 
Die Ausstellung berichtet vom Leben, 
dem Kampf, dem Leiden und dem Ster¬ 
ben der Frauen, die aus den unterschied¬ 
lichsten Gründen in die Konzentrations¬ 
lager der Nazis gesperrt wurden. Die 
Organisatorinnen möchten mit diesem 
Projekt die aktive Auseinandersetzung 
mit Ausgrenzung, Selektion, Umgang 
mit Minderheiten und Faschismus för¬ 
dern und zum Nachdenken über Wider¬ 
stand und Zivilcourage anregen. Be- 


Eine Circuswoche mit obdachlosen 
Kindern, Jugendlichen und Straßen- 
kindem. Vom 18.-24.8.97 in der Bil¬ 
dungsstätte Bahnhof Göhrde in Nah- 
rendorf. Eine Woche, die sich mit fol¬ 
genden Fragen beschäftigt: Was passiert 
auf der Straße? Leben in Obdachiosen- 
unterkünften, Was heißt sich durch¬ 
schlagen? Wie möchtet ihr gerne leben? 
etc. 

Kontakt: AG SPAK, Adlzreiterstr.23, 
80337 München, Tel.089-774078 


Dezentral-Frankfurt 

Mi > 30.4.,Sexuelle Belästigung am 
Arbeitsplatz. Mit dem Film "Das ist 
Oein Ende", 90 min. 

Sommerfcstim Dezentral am Sa, 12.Juli 
19 97, ab 19:30 Uhr 

Anarchafeministinnen- 

Treffen 

^°m 8.-11. Mai im Wendland. Vom 2.- 
• Oktober in Marburg. Infos bei Rike, 
lel -06103-88993 



gleitet wird die Ausstellung in Darm- 


EZLN: Revolution 
für eine Revolution ★ Präfaschistische Lebens¬ 
reform Ä Gesellschaft!, Entwicklung + Funktion 
der Ökologischen Linken ★ 

Linke ASten und Hochschulen 
tät Jugendumweltbewegung: 
nach rechts ★ ÖDP unterliegt 
vor Gericht & Castor X + Anti- 
AKW-Bewegung 11 AUTORINNEN* B Asselhoven 
ü Bierl II Capitain ü Ditfurth ü Ebermann II EZLN- 
Initiative Hamburg ü Goldner ü Holz! M Nowak M 
Preuschoff ü Riesseimann ü Zieger M Zieran 


Ich bestellet □ Probeheft 10 DM (8 DM + 2 M Portofiers.) □ Abo 45 Di (6 Ausg./Abo[ahr> 
Außerdem: □ Infos über Ökologische Linke bundesweit (7 DM) 

Kontakt: Ökologische Linke, c/o Manfred Zieran, Neuhofstr. 42, 60318 frankfurt/Main 

► Li« f ormt 9 NUR gegen V ork a sse «■ 








In diesem Jahr jährt sich der Beginn des 
Spanischen Bürgerkriegs zum 60. Mal. 
Stephen Spender, der englische Schrift¬ 
steller, sagte einmal rückblickend auf 
seineTeilnahmeam Spanischen Bürger¬ 
krieg: 

“Wir haben den Bürgerkrieg erfahren 
wie einen Kampf des Lichtes gegen die 
Finsternis.” 

Diese Wahrnehmung teilten auch 
zwei weitere europäische Intellektuelle, 
die ebenfalls nach Spanien gegangen 
sind, um dort die Feder mit der Waffe 
zu tauschen. Beide schlossen sich dort 
der anarchosyndikalistischen Bewe¬ 
gung an. 

Doch noch einmal kurz zur Erinne¬ 
rung: 


Putsch und bewaffneter 
Widerstand 

Das pronunciamiento, der Putsch der 
Generäle, griff am 19. Juli 1936 von 
Spanisch-Marokko auf das spanische 
Festland über. Spontan bildeten sich 
Arbeitermilizen, denen es in großen 
Teilen des Landes gelang, die Putschi¬ 
sten zu besiegen oder zurückzuschlagen. 
Dieser Putschversuch, aus dem ein 3- 
jähriger Krieg wurde, war nicht so sehr 
Beginn, als vielmehr der Höhepunkt 
einer politisch zugespitzten Situation. 
In Spanien bestanden die entscheiden¬ 
den Fronten ja nicht zwischen Kommu¬ 
nismus und Faschismus, sondern zwi¬ 
schen der weit zurückreichenden Al¬ 
lianz von Ultrakonservativcn, Militär 
und katholischer Kirche auf der einen 
Sei te gegenüber einer starken Industric- 
und Landarbeiterbewegung, die anar¬ 
chistisch und sozialistisch orienüert war, 
immer wieder regionale Aufstände ge¬ 
wagt und immer wieder blutige Nieder¬ 
lagen erlebt hatte. Spanien spielte da¬ 
mals keine bedeutende Rolle in Europa 
und galt als vollkommen rückständig. 
Seine politischen und ökonomischen 
Unglcichzeitigkeitcn hatten nationale 
Besonderheiten geschaffen, die es sonst 
nirgendwo gab. Der Putsch der reaktio¬ 
nären Kräfte gegen die junge spanische 
Republik war schließlich die Reaktion 
auf ein durch Wahlen im Februar ’36 
zustandegekommenes breites Volks¬ 
frontbündnis, das sich in einem politisch 
gemäßigten Programm erstmals auf Re¬ 
formen wie z.B. die Agrarreform und 
die Einführung eines staatlichen Schul- 
und Bildungswesens geeinigt hatte. 


Der S ieg dieses V olks frontbündn isses 
war im demokratischen Europa auf po- 
sitiveResonanz gestoßen. “Die Agenda 
der dreißiger Jahre war transnational”, 
nennt Eric Hobsbawm das damalige 

intemationalisüsche Selbstverständnis. 

So wurde der unerwartete spontane be¬ 
waffnete Widerstand des spanischen 
Volkes gegen die gut ausgerüsteten Auf¬ 
ständischen zum “Symbol eines globa¬ 
len Kampfes”, und dies umso mehr, je 
offensichtlicher kurz darauf die deutsche 
und italienische Intervention aufseiten 
Francos wurde. Der spanische Bürger¬ 
krieg, der sich aus diesem Militärputsch 

entwickelte, zog ganz Europa in seinen 
Bann. Die republikanische Seite gewann 
sofort die Sympathien der Liberalen 
und Linken aller Schattierungen welt¬ 
weit. 

Viele denken nur an die Internationa¬ 
len Brigaden, wenn es um das Thema 
der Teilnahme intemaüonaler Frei willi¬ 
ger auf republikanischer Seite geht. Da¬ 
bei wird leicht übersehen, daß nicht nur 
Interbrigadisten im Spanischen Bürger¬ 
krieg gekämpft haben, zumal sich diese 
erst ab Ende Oktober 1936 formiert hat¬ 
ten. Es gab auch ausländische Freiwilli¬ 
ge, die sich bereits dort aufhielten oder 
gleich zu Anfang der Kämpfe nach Spa- 
nien eilten, um ihre Hilfe anzubieten. 

Broue/TemimedefinierendieseGruppe 

so: 

“Diese Freiwilligen waren Antifa¬ 
schisten: einmal aus der Heimat verjagte 
Deutsche und Italiener, die hier von 
neuem versuchten, den Kampf gegen 
die heimische Tyrannei aufzunehmen, 
zum andern viele Franzosen: Spanien 

warnah, der Grenzübertritt einfach, das 

politische Motiv - Verteidigung der 
Volksfront - überzeugend ” 

Diese frühen Freiwilligen verpflich¬ 
teten sich meist individuell in den ge¬ 
werkschaftlichen und politischen Miliz¬ 
einheiten, wodann kleine intemaüonale 
Kontingente entstanden. Dazu gehörten 
auch die beiden, um die es hier heute 
geht. Sie schlossen sich der “Kolonne 
Durruti an, einer der legendären anar- 
chisüschcn Milizen: CARL EINSTEIN, 
der ins Exil getriebene deuLsch-j üdische 
Schriftsteller, Kunsttheoretiker und 
Kunstkritiker, und SIMONE WEIL, die 
französische Philosophin und Schrift¬ 
stellerin. 

Carl Einstein 

Carl Einstein wurde von Franz Blei 
1922 einmal folgendermaßen beschrie¬ 
ben: 


[48] SF 2/97 



Foto: R. Maro/Version 

DER EINSTEIN. Dasisteinckomc- 
tarische Angelegenheit, insofern der 
Einstein ein Schwanz- oder Irrstem des 
metaphysischen Himmels ist, aus dem 
erzuweilen,auf nichterklärbare Weise, 
da seine Bahn nicht berechenbar, in die 
Erdatmosphäre abirrt, hier zum Glühen 
kommt und zum Sprühen und Spucken. 
Sein also irdisches Auftauchen ist kata¬ 
strophal für bürgerliche Hirne, deren 
breiige Substanz bei Einsteins größter 
Erdnähe vor Wut zum Kochen kommt. 
Worauf der Einstein wieder seine meta¬ 
physische Laufbahn fortsetzt, von der 
nicht einmal sein schärfster Beobachter 
Rowohlt weiß, wie sie verläuft.” 

Besonders in Berlin erinnert noch 
heute vieles an Carl Einstein. Es gibt 










^ort z.B. das nach ihm benannte “Cafe 
Einstein”; in der Zeltinger Straße in 
r ohnau steht sogar eine Gedenktafel 
ürihn in einem Vorgarten eines Hauses, 
’ n dem er in den 20er Jahren gewohnt 
at - Außerdem befindet sich sein Nach- 
a ß in der Akademie der Künste. Und 
* e Anspielung in Franz Bleis Text auf 
0vv °hl t bezieht sich auf den aufsehen- 
arr cgcndcn Gottcslästcrungsprozeß von 
21/22 gegen ihn wegen seines Thea¬ 
terstücks "Die schlimme Botschaft”. 

er Prozeß endete mi t einer Geldstrafe 
| c ßcn ihn und seinen Verleger Emst 

Rowohlt.) 

SchlagartigalsAvantgardcschriftstcl- 
er bekannt wurde Einstein vor allem 
Urc h seinen Anti-Roman “Bebuquin 


oder die Dilettanten des Wunders”, der 
1912 in Franz Pfemferts Verlag “Die 
Aktion” herauskam. Dieser Roman 
brach radikal mit dem konventionellen 
Erzählprinzip. Als 1907 das erste Kapi¬ 
tel als Vorabdruck erschien, war Ein¬ 
stein erst 22 Jahre alt, und genau dies ist 
mit dem kometenhaften Auftauchen in 
Franz Bleis Zitat gemeint. 

Geboren wurde er 1885 in Neuwied, 
aufgewachsen ist er in Karlsruhe. Seine 
Eltern gehörten zum angesehenen jü¬ 
disch-liberalen Bürgertum der Stadt. 
Nach dem Abi tur 1904 zog er nach Ber¬ 
lin, wo er Philosophie, Geschichte und 
Kunstgeschichte studierte. In dieser Zeit 
veröffentlichte er schon die ersten lite¬ 
rarischen Arbeiten. 


Photos: Interbrigadisten bei der PDS- 
Spanienkonferenz in Berlin 1996 

Aufgewachsen in der rigiden Atmos¬ 
phäre der wilhelminischen Ära, kommt 
er während seines Studiums in Kontakt 
zu linksintellektuellen Kreisen in Berlin, 
die sich vor allem über ihre antibürger- 
liche Revoltehallung definieren. Die 
Opposition gegen den Staat, gegen 
Hierarchien, gegen Unterwürfigkeit und 
geistige Engstirnigkeit wird für ihn le¬ 
bensbestimmend. Aus den Impulsen 
dieser linksexpressionistischen Kreise 
entsteht bei ihm die für ihn so charakte¬ 
ristische Verbindung von Ästhetik und 
Politik, von Kulturkritik und Gesell¬ 
schaftsanalyse. Dortentslehtauch seine 
Weltoffenheit, sein reges Interesse an 
den geistigen Strömungen in anderen 
Ländern. Zahlreiche Reisen nach Paris 

SF 2/97 [49] 























machen ihn mit der dortigen künstleri¬ 
schen Avantgarde vertraut. Ein zentraler 
Einschnitt ist der I. Weltkrieg. Die Kon¬ 
frontation m it dem Tod, m it der eigenen 
Todesangst und dem Sterben anderer 
bewirkt eine gründliche Abkehr von 
nationalistischer Ideologie. 1915 er¬ 
scheint sein Buch “Negerplastik”. Es 
erlangt über die deutschen Grenzen hin¬ 
aus Bedeutung, weil darin zum ersten 
Mal afrikanische Plastik als emstzunch- 
mende bildende Kunst thematisiert 
wird. Während derNovcmbcrrcvolution 
ist er im Brüsseler Arbeiter- und Solda¬ 
tenrataktiv. Nach Berlin zurückgckchrt, 
nimmt er auf seiten des Spartakusbundes 
an den Kämpfen teil und vertritt öffent¬ 
lich rätedemokratische Positionen. Die 
Folgejahre sind gekennzeichnet durch 
tagespolitischen Rückzug, durch Er¬ 
nüchterung über die Rolle der Sozial¬ 
demokratie und der Gewerkschaften, 
aber auch durch interessierte Beobach¬ 
tung der Oktoberrevolution in der Sow¬ 
jetunion. Vor und während der Weima¬ 
rer Republik ist er Herausgeber oder 
Mitarbeiter zahlreicher Zeitschriften 
wie “Der Demokrat”, “Der blutige 
Ernst”, “Die Pleite”, “Das Kunstblatt”, 
“Der Querschnitt” u.a. 

Im Gotteslästerungsprozeß gegen ihn 
stehen die Ankläger politisch rechts. 
Ihr Rachefcldzug gilt nicht nur dem 
linksradikalen Autor, sondern auch be¬ 
reits dem Juden; dies wird im Prozeß 
offensichtlich. Einstein registriert sehr 
wachsam, wie sich daspolitischcKlima 
unheilvoll zuspitzt. In seinen Aufzeich¬ 
nungen beschäftigt er sich intensiv mit 
dem Spannungsfeld von Individuum 
und Kollektiv. Durch seine Belesenheit 
und seine Kenntnis so unterschiedlicher 
Bereiche wie Philosophie, Kunst, Ästhe¬ 
tik, Ethnologie, Religion, Ökonomie 
und dieNaturwisscnschaften verkörpert 
er den Typus des universellen Intellek¬ 
tuellen, was ihm ermöglicht, an umfas¬ 
senden Analysen der Moderne zu ar¬ 
beiten. 1926 erscheint jenes Buch, das 
ihn weltweitbekanntmachte: das Monu- 
mentalwerk “Die Kunst des 20. Jahrhun¬ 
derts” im Propyläenverlag. Auf literari¬ 
schem Gebietarbeitet er an einer Sprach- 
und Ideologiekritik und an Entwürfen 
zu einer neuen Ästhetik. 1928 emigriert 
er nach Paris. Dort erlebt er zunächst 
eine Zeit des Erfolgs und der Anerken¬ 
nung. Die Gründung der Zeitschrift 
“Documents” gehört dazu, er hat viele 
Freunde, ist den Kubisten eng verbun¬ 
den, veröffentl icht etliches, schreibt u.a. 


das Drehbuch für Jean Renoirs Film 
“Toni”. 1932 heiratet er Lyda Guevr6- 
kian, eine Armenierin. 

Ab 1933 wird aus der Emigraüon das 
Exil. In Hitlerdeutschland werden seine 
Bücher verbrannt, er wird ausgebürgert. 
Die Illusion, daß der Spuk bald vorbei 
ist, hat er nicht. Seine materielle Lage 
nimmt wegen der Weltwirtschaftskrise 
und dem Wegfall seiner Ersparnisse in 
Deutschland langsam verzweifelte 
Ausmaße an. Seine rechtliche Lage als 
Flüchtling beruht auf äußerster Unsi¬ 
cherheit, die Erfolge und Expansions¬ 
pläne Hitlers beunruhigen ihn zutiefst. 
An Arbeiten entsteht u.a. eine radikale 
Intcliektuellenkritik, in der er diese an¬ 
klagt, sich an der Vernebelung der herr¬ 
schenden Machtverhältnisse beteiligt 
zu haben, “Die Fabrikation der Fiktio¬ 
nen”. Sie ist noch nicht abgeschlossen, 
da bricht der Bürgerkrieg in Spanien 
aus. Carl Einstein verläßt Paris sofort. 
Sein Ziel ist Barcelona. Zu diesem Zeit¬ 
punkt ist er 51 Jahre alt. 


Simone Weil 

Wenn Simone Weil (1909-1943) nicht 
gerade mit der momentanen französi¬ 
schen Justizministcrin Simone Veil ver¬ 
wechselt wird, wird sie oftmals als My¬ 
stikerin präsentiert. Ihre philosophi¬ 
schen und vor allem ihre politischen 
Schriften werden dabei fast nie erwähnt. 

Geboren wurde sie im Februar 1909 
in Paris. Auch ihre Eltern sindjüdischer 
Herkunft, ohne aber die religiösen Ge¬ 
setze zu befolgen. Simones Poli tisierung 
beginnt schon auf dem Gymnasium, 
wo sie gleichermaßen Interesse für Li¬ 
teratur und Mathematik entwickelt. Als 
sie 14 ist, meint sie, im Vergleich zu 
ihrem drei Jahre älteren Bruder intellek¬ 
tuell nur mäßig begabt zu sein, was sie 
in tiefste Verzweiflung versetzt. Nach 
dem Abitur bereitet sie sich auf ihre 
Aufnahme an der Ecole Normale Supe- 


ESPERO 

Forum für libertäre Gesellschafts¬ 
und Wirtschaftsordnung 

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c/o Uwe Timm Wulmstorfer Moor 34b 
21629 Neu Wulmstorf 


rieure vor. In dieser Zeit belegt sie bei 
dem Philosophen Emile Chartier, be¬ 
kannt unter dem Pseudonym “Alain”, 
Kurse in politischer Philosophie und 
Soziologie und schreibt erste Aufsätze. 
Von 1927 an beteiligt sie sich an einer 
Arbeitervoikshochschule, die von 
Schülern Alains gegründet wurde. Ab 
Ende 1930beginnen ihre heftigen Kopf- 
schmerzanfälle, die sie von da an in re¬ 
gelmäßigen Abständen erleidet. Nach 
dem Bestehen der Agrcgation im Fach 
Philosophie wird sie Philosophieleh¬ 
rerin an einem Mädchengymnasium in 
Le Puy. Sie orientiert sich im linken po¬ 
litischen Spektrum und vertritt die Auf¬ 
fassung, die Gewerkschaften seien der 
wichtigste revolutionäre Faktor. Von 
da an schreibt sic für revolutionäre Ge¬ 
werkschaftszeitschriften wie z.B. “La 
Revolution proletarienne” und “Le Cri 
du peuple” 1931 organisiert sie in Le 
Puy Abendkurse für Bergarbeiter sowie 
Treffen zwischen Mitgliedern verschie¬ 
dener Gewerkschaften. Während einer 
Protestaktion von Arbeitslosen wird sie 
in deren Delegation gebeten und fungiert 
als führende Sprecherin der Arbeitslo¬ 
senbewegung, worauf ihre Schule von 
konservativen Kreisen unter Druck ge¬ 
setzt wird, sic zu entlassen. Das ge¬ 
schieht jedoch nicht. Vom Aufstieg der 
Nationalsozialisten in Deutschland be¬ 
unruhigt, fährt sie im August 1932 für 
einen Monat nach Berlin, um sich selbst 
ein Bild vom Zustand der deutschen 
Arbeiterbewegung zu verschaffen. Sie 
kommt völlig desillusioniert zurück und 
erwartet keinerlei Widerstand mehr ge¬ 
gen die Machtambitionen Hitlers. Ihre 
Analysen zählen noch heute zu den 
klarsten und scharfsinnigsten, die es 
aus dieser Zeit gibt. Als nach Hitlers 
Machtergreifung die ersten deutschen 
Flüchtlinge in Frankreich eintreffen, 
nimmt sie viele von ihnen bei sich auf. 
Politisch tritt sie mit scharfen Attacken 
gegen die sowjeüsche Politik auf, die 
jedoch von anderen nicht aufgegriffen 


ESPERO Nr. 9 u.a. 

Theordor Plivier 
Anarchie 
Emile Armand 

Die zukünftige Gesellschaft 
Jochen Knoblauch j 

Repressionen gegen italienische 

Probehefte gegen 1,50 DM Briefing 


[50] SF 2/97 








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w crdcn. Man wirft ihr reaktionäre und 
kleinbürgerlich-pessimistische Vorur¬ 
teile vor. Im Dezember 1933 nimmt sie 
an einem Marsch der Bergarbeiter nach 
St.Etiennc teil. Das Foto von ihr mit 
c ' n er roten Fahne in der Hand geht 
durch die Presse. Im Juni 1934 läßt sie 
s *ch füreinJahrbeurlauben und beginnt, 
11 Fabriken zu arbeiten. Zum Thema 
Versklavung des Menschen durch die 
Maschine waren schon 1931 mehrere 
Aufsätze von ihr entstanden. Sie wollte 
die Erfahrung der Fabrikarbeit unbe- 


p 0 Henry Mackay: Die Anarchisten 

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dingt persönlich machen. Siearbeitet in 
einer Elektrofabrik im Akkord, in einer 
Metallfabrik und als Fräserin bei Re¬ 
nault. Im nachhinein resümiert sie: 

“Während meiner Fabrikzeit, als ich 
in den Augen aller und in meinen eige¬ 
nen mit der anonymen Masse ununter¬ 
scheidbar verschmolzen war, ist mir 
das Unglück der anderen in Fleisch und 
Seele eingedrungen. Nichts trennte mich 
mehr davon, denn ich hatte meine Ver¬ 
gangenheit wirklich vergessen, und ich 
erwartete keine Zukunft mehr, da mir 
die Möglichkeit, diese Erschöpfungs¬ 
zustände zu überleben, kaum vorstellbar 
erschien. Was ich dort durchgemacht 
habe, hat mich unauslöschlich gezeich¬ 
net.” 

Es folgen Monate an der Schule, in 
Spanien sowie auf einem Bauernhof in 
der Nähe von Bourges, wo sie das Leben 
der Landarbeiter kennenlemen will. 
Gleichzeitig entstehen eine Reihe von 
theoretischen Arbeiten über Fabrikpro¬ 
duktion, Wissenschaft und Gesellschaft. 
Als der Spanische Bürgerkrieg aus¬ 


bricht, beschließt sie aufgrund ihrer 
guten Kenntnis der innerspanischen 
Verhältnisse, sich einer anarchosyndi- 
kalistischen Miliz anzuschließen. Zu 
diesem Zeitpunkt ist sie 27 Jahre alt. 

Was bedeutete die Entscheidung, 
nach Spanien zu gehen, fürCarl Einstein 
und was für Simone Weil? Gibt es Ge¬ 
meinsamkeiten? Oder wo liegen Unter¬ 
schiede? 

Die Ausgangssituation von beiden ist 
unterschiedlich. Carl Einstein, dem auch 
Frankreich kein sicheres Asylland ist, 
kämpft gegen innere Verzweiflung und 
das Gefühl der Ohnmacht. Dies versucht 
erzwar zu überwinden, indem er sich in 
seinen Schriften der rationalen Durch¬ 
dringung von Gesellschaft und Kultur 
widmet, ohne zu wissen, ob er jemals 
wieder ein deutsches Lesepublikum 
finden würde. Sein gefährdetes Dasein 
als Flüchtling hat ihm den Blick für die 
Bedrohung geschärft, die von den fa¬ 
schistischen Staaten fürEuropaausgeht, 
wo man sich in seinen Augen viel zu 
sicher wähnt. 1938 beschreibt er in 


SF 2/97 £51] 











einem Brief an Picasso seine Motivation 
folgendermaßen: 

“Wir müssen diese Leute hier mit 
allen Mitteln verteidigen. Denn wenn 
wir nach alledem hier noch in Freiheit 
schreiben und malen können, dann ist 
dies - wörtlich - nur dem spanischen 
Widerstands zu danken. Ich wußte von 
Anfang an, daß ich in Spanien meine 
eigene Arbeit, die Möglichkeit, als ein 
freies Individuum zu denken und zu 
fühlen, verteidigen würde. Wir müssen 
gegenüber diesen Leuten hier größte 
Dankbarkeit empfinden und indem ich 
Soldat bin, verteidige ich gleichzeitig 
schlichtweg auch mich selbst, na jeden¬ 
falls schaue ich nicht mit gekreuzten 
Armen aus der Feme zu.” 

Simone Weil dagegen nimmt den 
Militärputsch stärker als Ausdruck der 
innerspanischen Polarisierung zwischen 
fortschrittlichen und reaktionären Kräf¬ 
ten wahr, sympathisiert m i t der republ i- 
kanischen Seite und empfindet es als 
ihre moralische Verpflichtung, den 
Kampf der spanischen Arbeiter und 
Bauern auch an Ort und Stelle zu unter¬ 
stützen. 

“Im Juli 1936 war ich in Paris. Ich lie¬ 
be den Krieg nicht; aber was mir im 
Krieg immer am entsetzlichsten vorge¬ 
kommen ist, das ist die Situation derer, 
die in der Etappe bleiben. Als ich einse- 
hen mußte, daß ich, und wäre es wider 
Willen, moralisch Partei ergriff in die¬ 
sem Krieg, das heißt: daß ich jeden Tag 
und jede Stunde den Sieg der einen und 
die Niederlage der anderen Partei her¬ 
beisehnte, mußte ich mir sagen, daß 
Paris, was mich betraf, Etappe war. Ich 
nahm den Zug nach Barcelona, um mich 
freiwillig zu melden. Das war Anfang 
August 1936.” [8.8.] 

Worunter beide in den Jahren zuvor 
gelitten hatten, war die kampflose Auf¬ 
gabe der stärksten Arbeiterbewegung 
Europas, nämlich der deutschen, gegen 
das Hitlerregime. Beide versuchten im¬ 
mer wieder, die Gründe für diese Nieder¬ 
lage zu verstehen. Sie beschäftigten sich 
sowohl mitder Faszination, die von der 
NS-IdeoIogie auf breite Bevölkerungs¬ 
schichten ausging, als auch mit den 
Fehlem der linken Politik, die zu dem 
Zusammenbruch führten. Den “Bank¬ 
rotteinerganzen Generation”, sonannte 
und fühlte das Carl Einstein. Ihre gesam¬ 
te geistige Suchbewegung - und zwar 
bei beiden - dreht sich immer wieder 
um das Aufspüren der gesellschaftlichen 
Mechanismen, die die bestehenden Be¬ 


fehls- und Unterwerfungsverhältnisse 
überhaupt erst ermöglichen. 

Daher war beiden auch ein ungläubi¬ 
ges, aber unendlich erleichtertes Erstau¬ 
nen darüber gemeinsam, daß es über¬ 
haupt noch irgendwo Widerstand gegen 
den Vormarsch reaktionärer Kräfte gab. 
Dazu Simone Weil rückwirkend: 

“In manchen geschichtlichen Perio¬ 
den erhebt ein großer Windstoß die 
Massen; Atem,Worte und Bewegungen 
vereinen sich. Dann widersteht ihnen 
nichts. Endlich lernen die Mächtigen 
ihrerseits das Gefühl kennen, einsam 
und wehrlos zu sein, und sie zittern. (...) 

Im Juli 1936 wohnten wireinem Wunder 
dieser Art bei, und der Eindruck ist 
noch nicht ausgelöscht.” 

“ Wunder” nennt sie, was dort gesche¬ 
hen war. Denn zuvor hatte sie eine sol¬ 
che Möglichkeit schon als unwahr¬ 
scheinlich bezeichnet. “Revolutionäres 
Handeln ist nicht möglich” hatte sie 
notiert, und daß es nur eine Möglichkeit 
des Handelns gäbe: “der Unterdrückung 
Widerstand leisten, bewußt machen”. 
Revolutionär zu sein bedeutete für sie, 
“in Wort und Tat alles zu vollbringen! 
was, direkt oder indirekt, die Last ver¬ 
mindern oder beseitigen kann, die die 
Masse der Menschen erdrückt: die Ket¬ 
ten der Arbeitsschmach, die Lügen, mit 
deren Hilfe die systematische Erniedri¬ 
gung der Mehrzahl verschleiert oder 
entschuldigt werden soll”. 

Carl Einstein antwortete 1938 auf die 
Frage, warum er nach Spanien gekom¬ 
men sei: 

“Das ist die einzige nützliche Sache, 
die es zur Zeit gibt. Und weil ich die 

Monotoniceines faschistischen Europa 

nichtaushalten will. Seitdem 19. Juli 
kämpfe ich in euren Reihen. Ich bin 
gekommen, weil die Spanier das einzige 
Volk sind, das nichterlaubt, daß es ver¬ 
kauft wird, obwohl alle Welt sich an- 
strengt, es zu verkaufen.” 

Was sie ebenfalls gemeinsam hatten, 
war ihre Kritik an der Entwicklung mar¬ 
xistischer Politik in der Sowjetunion. 
Auch hier stimmen sie wieder überein, 
nicht nur die Praxis der marxistischen 
Lehre zu kritisieren, sondern die Wur¬ 
zeln der Deformation und des Scheitems 
bereits im theoretischen Fundament zu 
finden. Beide verurteilen vor allem das 
Primat der Ökonomie, in dem sie den 
Schlüssel zu den sozialen Problemen 
sehen. Simone Weil kritisierte den Pro¬ 
duktionskult, der Menschen nach wie 
vor zu Zahnrädern degradierte, den My¬ 


thos der Großindustrie und den blinden 
Fortschrittsglauben. Einstein benannte 
außerdem den falschen Avantgardean- 
spruch,die Phrasendrescherei, das tech¬ 
nokratische Denken, die ausgeprägte 
Parteihierarchie, den Personenkult und 
eine verlogene Vulgarisierung in Kunst 
und Literatur. Auch die repressive Rolle 
des Staates mit seinen drei Stützpfeilern 
Armee, Polizei und Bürokratie wurde 
von beiden abgelehnt. Beide bezeichne- 
ten die Sowjetunion als totalitäres Regi¬ 
me. Da sie in diesen wichtigen Punkten 
mißtrauisch gegenüber der Sowjetpoli¬ 
tik waren, nahmen sie die stalinisüsche 
Verfolgung bereits in ihren Anfängen 
wahr. 

Hinsichtlich der arbeitenden Bevölke¬ 
rung äußerten beide Respekt vor deren 
Leistung, deren Leiden und deren Ernie¬ 
drigung. Simone Weil betonte die Wich¬ 
tigkeit, die Unterprivilegierten nicht zu 
belügen und betrügen: 

“(...) es wäre schön, wenn sie sich be¬ 
freiten; mehr läßt sich nicht sagen. Die 
Illusionen, die man verbreitet in einer 
Sprache, die kläglich die Gemeinplätze 
der Religion mit denen der Wissenschaft 
vermischt, sind ihnen unheilvoll. Denn 
sie erwecken den Glauben, die Dinge 
seien leicht zu vollbringen, ein moderner 
Gott namens Fortschritt treibe sie nach 
vom, eine moderne Vorsehung namens 
Geschichte mache für sie die Hauptan¬ 
strengung. Schließlich erlaubt nichts, 
ihnen am Ende des Befreiungskampfes 
Genuß und Macht zu versprechen.” 

Das Leben und Denken von beiden 
war sichtlich geprägt von so etwas wie 
“Vereinsamung in der Opposition”. Si¬ 
mone Weil und Carl Einstein waren es 
gewohnt, als radikale Einzelgänger zu 
gelten, vorderen geistiger Scharfsinnig- 
keit sich viele fürchteten. Nach ihrem 
SpanienaufenthalthatSimone Weil dies 
auch einmal direkt ausgesprochen: 

“Ich will aber nicht von einem Milieu 
aufgenommen werden, ich will nicht in 
einem Milieu wohnen, wo man ‘wir’ 
sagt, und ein Teil dieses ‘wir’ sein; ich 
will in keinem menschlichen Milieu, 
gleichviel welchem, zu Hause sein. 
Wenn ich sage, ich will nicht, so drücke 
ich mich ungeschicktaus, denn ich woll¬ 
te es gerne; dies alles ist köstlich. Aber 
ich fühle, daß mir dies nicht erlaubt ist. 
Ich fühle, daß es für mich notwendig 
ist, daß es mir vorgeschrieben ist, einsam 
zu bleiben, eine Fremde und Verbannte 
hinsichtlich jedes beliebigen mensch¬ 
lichen Milieus ohne Ausnahme.” 


[ 52 ] SF 2/97 










Es ist vielleicht kein Zufall - und hier 
greife ich einen Gedankengang Helmut 
Dahmers in bezug auf Sigmund Freud 
a uf -, daß diese Eigenschaft und auch 
der Mut, der dazu gehört, sich bewußt 
außerhalb von Normen und Kollektiven 
z u stellen, sowohl bei Carl Einstein als 
auch bei Simone Weil vorhanden war, 
^schließlich beidedieErfahrungjüdi- 
schen Außenseitertums gemachthatten. 

Eine weitere Gemeinsamkeit war ihr 
e *istenzielles Bedürfnis nach einer 
e ngen Verbundenheit von reflexivem 
Denken und Leben. Simone Weil nannte 
dies einmal die “Verpflichtung zur intel¬ 
lektuellen Redlichkeit”. Sie sahen den 
Sinn ihrer Existenz als Menschen darin, 
Verantwortung für das Allgemeinwohl, 
^so für die unteren Schichten, die Mehr¬ 
heit, zu empfinden und zu tragen. Damit 
übernahmen sie die Aufgabe, zur Ver¬ 
wirklichung der Ideale der sozialen Ge¬ 
rechtigkeit und des solidarischen Zu¬ 
sammenlebens beizutragen, und selbst 
dabei im Hintergrund zu bleiben. Max 
Horkheimer formulierte einmal den 
Satz: “Nur eine über das persönliche 

Glück hinausgehendeZielsetzung kann 

glücklich machen.” Ich denke, dies trifft 
genau das Selbstvcrständnis auch von 
Einstein und Weil. 

Dieses Sichzurücknehmen klingt viel - 
leicht mißverständlich, gemeint ist hier 
n icht eine Unterwürfigkeit, etwa nach 
dem Motto “Ich bin nichts, die Partei ist 
alles”. Eine solche Einstellung wäre 
den beiden zutiefst zuwider gewesen. 
Dieses SichselbstzurücknehmenalsPer- 
s °n ist vielmehr ein Ausdruck von Be¬ 
scheidenheit, eine Absage an selbst- 
s üchtiges, narzißtisches Verhalten und 
v ° r allem an Machtbcstrebungen. Es ist 
bewußter Macht verzieht. Demut, so de¬ 
filierte Simone Weil ihr Bestreben, 

“Demut; glauben, daß man unter den 
an deren steht. (...) Man muß glauben, 
daß man unter den anderen steht, um 
sieh selbst dazu zu bringen, sich als 
desgleichen zu betrachten und sich 
n |cht vorzuziehen. Wenn mannichtum- 
jd kann, sich eine Hierarchie, eine Stu- 
e aleiter z wischen den Menschen vorzu¬ 
stellen (und die Vollkommenheit liegt 
darin, sie sich nicht vorzustellen), muß 
^an sich die unterste Stufe zuweisen, 
Uni zu vermeiden, daß man in seiner 
e |genen Wertschätzung über irgend 
Cln em anderen Menschen steht. Wenn 
jdn lange genug auf der letzten Stufe 
leibt, verschwindet die Leiter.” 

Aach Carl Einstein betonte in Spanien 


immer wieder, daß er als Literat eher 
von den anderen lernen konnte als umge¬ 
kehrt. Nichter war mehrdie Avantgarde: 
“Durruti, dieser außerge wöhnl ich sach - 
liehe Mann, sprach nie von sich, von 
seiner Person. Er hatte das vorgeschicht¬ 
liche Wort “ich” aus der Grammatik 
verbannt. In der Kolonne Duiruti kennt 
man nur die kollekti ve Syntax. Die Ka¬ 
meraden werden die Literaten lehren, 
die Grammatik im kollektiven Sinn zu 
erneuern.” 

Dieses intellektuelle Selbstverständ¬ 
nis, das nicht nur für diese beiden typisch 
war, entspringt keinem Romantizismus, 
sondern seine Wurzeln liegen in der 
Philosophie, vor allem der philosophi¬ 
schen Auseinandersetzung mitmensch- 
lichem Leid und Tod. Diesen zentralen 
Themen waren sowohl Simone Weil 
als auch Carl Einstein schon nahege¬ 
kommen und hatten sich durch die Aus¬ 
einandersetzung mit ihnen persönlich 
verändert. Ihre philosophische Schulung 
zielte nicht nur darauf ab, einen Über¬ 
blick überden GangderGesamtmensch- 
heit zu erlangen, sondern man begann 
gerade zu ihrer Zeit auch die geschichtli¬ 
che Bedingtheitder Individuen zu ver¬ 
stehen. Hieraus erwuchs die Gewißheit, 
daß ein Individuum nicht alles aus sich 
allein heraus erzeuge und im histori¬ 
schen Prozeß von nichtrealisierten Kräf¬ 


ten und Traditionen geleitet werde, so 
daß die Idee des Subjekts relativiert 
werden müsse. Ein solcherart politisch¬ 
philosophisches Denken war für sie 

somit gelebte Subversivität und bewu߬ 
ter Dienst an der Menschheit. 

Was sie ihrerseits von einer zukünfti¬ 
gen gerechteren Gesellschaft erwarte¬ 
ten, war, als Einzelne geachtet zu werden 
und Freiräume zu haben. Oder, wie 


S imone Weil es allgemeiner ausdrückte: 

“Das Leben wird um so weniger in¬ 
human sein, je größer die individuelle 
Denk- und Handlungsfähigkeit ist.” 

Und wie sah dies im Spanien des 
Jahres 1936 aus? 


Die Soziale Revolution 

Als Einstein in den ersten Tagen nach 
dem Putsch nach Barcelona kam, fiel er 
von einem Staunen insandere. Er mußte 
feststellen, daß in Spanien nicht nur ein 
Krieg stattfand, sondern gleichzeitig 
eine von Anarchisten getragene Soziale 
Revolution. Die Regionen, in denen sie 
durchgeführt wurde, waren vor allem 
Katalonien und Aragonien, Valencia, 
die Landesteile nach Süden hinunter 
bis nach Andalusien sowie Teile des 
Baskenlands und Asturiens. Dort hatten 
die Arbeiter ohne Aufforderung und 
ohne Zögern in den ersten Kriegstagen 
die erfolgreiche Niederschlagung des 
Militäraufstands als Katalysator ge¬ 
nutzt, um innerhalb kürzester Zeit auf 
lokaler und regionaler Ebene das beste¬ 
hende politische, soziale und ökonomi¬ 
sche System abzuschaffen. Die wirt¬ 
schaftliche und politische Macht wurde 
von neuen sozialen Gremien wie z.B. 
Räten und Milizkomitees übernommen. 


In weiten Teilen der republikanischen 
Zone waren somit die Regierung und 
der Staat mit seinen Organen faktisch 
nicht mehr vorhanden. Es kam zu einer 
spontanen Kollektivierungsbewegung 
in der Landwirtschaft, in der Industrie 
und in den Dienstleistungsbetrieben. 
Das neue Selbstverwaltungssystem 
funktionierte sogar relativ gut. Um nur 
einige der sozialökonomischen Verän- 


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SF 2/97 [53] 





derungen zu nennen: Beschlagnahmung 
und Aufteilung von Großgrundbesitz, 
Beschlagnahmung von Industriebetrie¬ 
ben (in Katalonien 70% der Betriebe) 
und Übernahme durch die Belegschaft, 
industrielle Umstellung auf Kriegspro¬ 
duktion, Einführung sozialer Sichc- 
rungsmaßnahmcn in den Betrieben wie 
Alters- und Invaliditäts Versorgung, Ur¬ 
laubsregelung, Arbeitslosengeld; Ein¬ 
kommensgleichheit, Bemühungen zur 
Gleichstellung von Mann und Frau, 
Massenteilnahme von Frauen an den 
revolutionären Umwälzungen, Einfüh¬ 
rung staatlicher Schulen mit Koeduka¬ 
tion und Schließung konfessioneller 
Schulen, Beschlagnahmung von Luxus¬ 
villen, Klöstern, Kasernen etc. für Schu¬ 
len und Krankenhäuser, Alphabetisie- 
rung der Landbevölkerung, Einrichtung 
von Gesundheitszentren, Volksküchen, 
Volksbibliotheken usw. Zum Teil wurde 
regional und lokal sogar das Geld abge¬ 
schafft. Auf Erfahrungen in dieser Grös¬ 
senordnung konnte nicht zurückgegrif¬ 
fen werden. Weitgehend unkoordiniert 
und täglich improvisiert war dies ein 
sozialrevolutionäres Großexperiment, 
in dem nicht zuletzt auch die Euphorie 
und Zuversicht aller Beteiligten eine 
wichtige Rolle spielte. 

Barcelona war unbestellbar das Zen¬ 
trum der Revolution. Es gibt zu dieser 
unglaublich euphorisierten Aufbruchs¬ 
stimmung zahlreiche Augenzeugenbe¬ 
richte internationaler Freiwilliger, die 
ebenfalls von ihr erfaßt wurden. Dies 
betraf auch Einstein, der früher den 
Anarchismus eher als Modetrend der 
Boheme angesehen hatte. Die Stärke 
und die Wurzeln dieser anarchosyndi- 
kalisüschcn Bewegung waren ihm völ¬ 
lig neu: 

“Diese Anarchisten verfügen kaum 
über eine einflußreiche Internationale 
und eine wirksame Auslands-Propagan¬ 
da. Man kennt und beurteilt sie nach 
den Wertungen ihrer Gegner. Man kennt 
sie aus einer überalterten Vulgärlitcra- 
tur, die allzu oft den Pistolero beschreibt. 
Kaum einer draußen hat auf europäische 
Art den Anarchosyndikalismus darge- 
stellt, der durchaus konstruktiv ist.” 

Die angestrebten Ziele teilte er; was 
ihn zudem faszinierte, war, daß der 
Anarchismus bzw. Anarchosyndikalis¬ 
mus nicht von thcorcüsiercndcn Intel¬ 
lektuellen getragen wurde, sondern eine 
Massenbewegung war. Auch dieEmst- 
haftigkeit und Selbstverständlichkeit, 
mit der überall tatkräftig daran gegangen 

SF 2/97 


wurde, diese Ideale auf irgendeine Wei¬ 
se umzusetzen, beeindruckten ihn zu¬ 
tiefst. Aus diesem Grunde schloß er 
sich der Milizkolonne des Anarchisten¬ 
führers Buenaventura Durruü an. 

Bei der Kolonne Durruti und den 
Anarchosyndikalisten 

Die Kolonne Durruti war eine Arbei¬ 
termiliz derCNT/FAImiteiner internen 
Struktur, die auf Bcfehlshierarchien, 
militärische Ränge und Privilegien ver¬ 
zichtete und stau dessen auf solidari¬ 
schem Verhalten und Selbstdisziplin 
beruhte. Nicht aus Angst gehorchen 
lernen sollten die Milicianos, sondern 
bewußt handeln und die Bedeutung ihrer 
Handlungen verstehen. Die Delegierten 
von lOer-Gruppen, Hundertschaften 
und Verbänden wurden alle gewählt. 
Auch Durruti selbst war als Generalde¬ 
legierter gewählt. Die Internationale 
Gruppe zählte zeitweilig bis zu 400 
Personen. Als die Kolonne Durruti von 
Barcelona aus an die Aragon-Front zog, 
um Zaragoza einzunehmen, bestand sie 
aus rund 2000 Milizionären. Später 
wuchs sie auf etwa 8000 an. 

Die Kolonne selbst war Auslöserin 
der Sozialen Revolution in allen Dör¬ 
fern, in die sie gelangte und in denen sie 
dicPutschisten besiegte. Dies beschreibt 
Einstein: 

“Wohin allenthalben die Kolonne 
dringt, wird kollcktivisiert. Die Erde 
wird der Gemeinschaft gegeben, die 
Landprolctarier werden aus Hörigen der 
Kaziken zu freien Menschen verwan¬ 
delt. Man springt vom Landfeudalismus 
zum freien Kommunismus über. Die 
Bevölkerung wird von der Kolonne ver¬ 
pflegt, ernährt und gekleidet. Die Kolon¬ 
ne bildet, wenn sie in Dörfern rastet, 
eine Gemeinschaft mit der Bevölke¬ 
rung.” - “Jeder Erfolg der Kolonne be¬ 
wirkt die Befreiung der Arbeiter, wo je¬ 
weils die Kolonne gesiegt hat.” 

Diejenigen, die zur Kolonne dazu¬ 
stießen, waren in der Regel Analphabe¬ 
ten. Ein Unterricht innerhalb der Kolon¬ 
ne wurde organisiert, um dies zu ändern. 
Einstein: 

“Die Kameraden unterrichten sie. Die 
Kolonne Durruü wird ohne Analpha¬ 
beten aus dem Feld zurückkehren. Sie 
ist eine Schule.” 

Obwohl vieles davon nachvollziehbar 
und belegbar ist, klingt es dennoch ein 
wenig zu perfekt, wie er sich zur Kolon¬ 
ne Durruti äußert. Man muß dabei aber 
wissen, daß die Rede, aus der diese Zi¬ 
tate stammen, eine Propagandafunk¬ 


tion hatte. Sie bezog nämlich öffenüich 
Stellung gegen die geplante Umwand¬ 
lung der Milizen in eine reguläre Armee 
mit Wehrpflicht, Hierarchiestruktur und 
Einheitskommando. Das Argument 
hierfür lautete, daß man der Gegenseite, 
die mit modernsten Waffen und riesiger 
militärischer Überlegenheit kämpfte, 
Gleiches entgegensetzen müsse. Der 
Krieg hatte sich enorm ausgeweitet und 
war inzwischen zu einem intemationa- 
len Krieg geworden. Die massive Unter¬ 
stützung Francos durch Deutschland 
und Italien hatte die republikanische 
Seite in die Defensive gedrängt. Frank¬ 
reich und England verweigerten Hilfe, 
und die sowjeüschen Lieferungen konn - 
ten das nicht ausgleichen. Ein bürger¬ 
lich-liberales Staatswesen hatte sich er¬ 
neut gebildet, dessen Dekrete viele So¬ 
zialrevolutionäre Errungenschaften 
rückgängig machten. Die Anarchisten 
hatte sich durch ihre Regierungsbeteili¬ 
gung in Widersprüche verwickelt und 
verloren machtpolitisch systematisch 
an Boden. Die Losung “Krieg und Sozia¬ 
le Revolution” wurde von der Forderung 
“Erst den Krieg gewinnen” verdrängt. 

Carl Einstein trat bis März 1937, als 
die Umstrukturierung der Milizen in 
eine Volksarmee vollzogen wurde, in 
öffentlichen klaren Stellungnahmen für 
die Einheit von militärischem Kampf 
und Sozialer Revolution ein. Leider gibt 
es nicht so viele Zeugnisse von Einstein 
aus Spanien. Als einzige Texte kennen 
wir seine Gedenkrede zur Beerdigung 
des Anarchistenführers Durruti am 22. 
November 1936 - aus dem das Zitat von 
vorhin stammt - und seinen Redebeitrag 
“Die Front von Aragon” [1. Mai 1937]. 
Beide Reden waren in Barcelona ge¬ 
druckterschienen. Außerdem existieren 
zwei Interviews mit ihm, einige Briefe 
von ihm an einen engen Freund, den 
Kunsthändler Daniel-Henry Kahnwei- 
ler in Paris, ein Brief an Picasso und 
Äußerungen über ihn in diversen Briefen 
der Deutschen Anarcho-Syndikalisten 
in Spanien. Reflexive Aufzeichnungen 
wie die von Simone Weil fehlen ganz. 
Dennoch ist sein Redebeitrag “Die Front 
von Aragon” sehr interessant. Er spiegelt 
bereits den Schock wider, als klar wird, 
daß die Sowjetunion aus außenpoliti¬ 
schen Gründen nichtbercit ist, die spani¬ 
sche Revolution zu unterstützen. Die 
durch die sowjetischen Waffenliefe¬ 
rungen erstarkte Kommunistische Partei 
Spaniens bekämpfte die Soziale Revol u- 
tion und die anarchistische Bewegung 







a lsdcrenHauptträgerinmassivmitallen kämpfen, und in Aragon zu siegen.” Studie über die militärstrategischen n 
Mitteln und trat für eine gemäßigte, Dies geschah jedoch nicht. Nach den weltweiten Expansionspläne Nazi- § 

bürgerlich-demokratische Volksfront blutigen Mai-Tagen 1937, in denen die deutschlands erwähnt er, wobei er die 50 

ein. Das Resultat dieser Strategie sah erstarkten Kommunisten die Anarchi- Hoffnung äußerte, daßDeutschland und g 

für die Milizen an der Arag0n-Front so s tcn endgültig in die Knie zwangen, Italien ihre Hilfsleistungen an Franco if 

aus > daß ihnen Waffenlieferungen ver- veränderte sich das politische Gesche- bereits nicht mehr steigern könnten, da ^ 

Wc 'gcrt wurden und sie ohne die erfor- hen zugunsten den Vorgaben der Korn- s ; e ih re Bestände noch woanders brau- 9 

derliche Bewaffnung und Rückendek- munistcn, die einflußreiche Positionen c h e n würden. Ferner sei er mit einem 5' 

kun g von der eigenen Luftwaffe zur 7U besetzen verstanden. Kreis von Leuten dabei, eine Offensive 3 

^onatelangcn Untätigkeit verdammt Nach der Umorganisicrung der Ko- desGeistesgegendiefaschistischeldeo- 
Wur dcn. Damit warauch eineerfolgrei- i onnc Durruti zur Division Durruti war logiezu starten, um die man sich zu we- 

^hc Weiterführung des Kriegs in jenem Carl Einstein militärischer Leiter eines n ig kümmere. Zuguterletzt erwähnte er 

Gebiet blockiert. Diese politische Bri- Frontabschnitts geworden. Nach hefti- noch einen Film Uber Spanien, den er zu 

Sa nz benannte Einstein: gen Kämpfen erlitt er schwere Verwun- drehen beabsichtigte. 

“Die Kameraden, die an der Aragon- dungen.dicerauskurierenmußte. Daer Anders als Einstein hatte sich Simone 

ront wachen, fordern seit langem an einer Vielzahl von Fronten gekämpft Weil bereits vorSpanien positiv auf die 

Kampf und Vormarsch. (...) Ihr Ruf hatte, wissen wir, daß er in spanische anarchistischen Ideen bezogen: 

Vcr halliungehört.DieseFrontdämmert Einheiten aufgenommen wurde und “Ich bestreite, daß die Arbeiterbewe- 

Un ter einem dichten Schleier, aus trü- nicht in die Internationalen Brigaden gung(„.) wieder etwas Lebendiges sein 

gendem Schweigen und drohenderMü- überwechselte. kann,solangesienicht(...)eineInspira- 

'gkeit gewebt. Warum denn will man Aus den beiden Interviews, die er im tionsquelle in dem sucht, was Marx und 

Slc h nicht um diese Front kräftig küm- Mai 1938 gab, erfahren wir weitere die Marxisten bekämpft und töricht 

ni ® rn und mühen?” Schwerpunkte, denen er sich in Spanien verachtet haben: bei Proudhon, bei den 

Nur auf dieser Front (...) werden die zugewendet hatte. Von Schriftstellerin Arbeilergruppen von 1848, in der Ge- 

Üizen durch eine Politik des Miß- scher Arbeit ist da wieder die Rede, von werkschaftstraditionundimanarchisti- 

lra ucns gelähmt.” Beschäftigung mit der Frage der Kunst, sehen Geist.” 

Kr endet mit dem Appell: “Freunde, die eng mit der Frage nach der mensch- Als sie am 8. August 1936 nach Barce- 

Scstattet endlich diesen Divisionen zu liehen Freiheit verbunden sei. Auch eine i ona kam, meldete sie sich bewußt bei 


SF 2/97 [55] 







der CNT. Aber schon in die Anfangs¬ 
euphorie in Barcelona mischte sich bei 
ihr vorsichtige Skepsis: 

“Zunächst einmal kann eine gesell¬ 
schaftliche Umwälzung nur danach 
richtig beurteilt werden, wie sie sich 
auf das tägliche Leben jedes einzelnen 
aus wirkt. In dieses tägliche Leben 'des 
Volkes’ einzudringen ist aber nicht 
leicht. Außerdem verändertes sich von 
Tag zu Tag. Zwang und Spontaneität, 
Ideal und Notwendigkeit mischen sich 
dabei derart, daß nicht nur in den objek¬ 
tiven Sachverhalten, sondern auch im 
Bewußtsein derer, die als Handelnde 
oder Betrachter in die Ereignisse ver¬ 
wickelt sind, eine unübersehbare Ver¬ 
wirrung entsteht. Darin liegt sogar der 
eigentlicheCharakterundvielleichtdas 
größte Übel des Bürgerkriegs. Das ist 
der erste Schluß, der sich auf Grund 
einer raschen Überprüfung dessen, was 
in Spanien geschehen ist, ziehen läßt.” 

An ihrem Beispiel läßt sich gut zeigen, 
wie sie trotz innerer Sympathie ihre Be¬ 
obachtungen immer wieder kritisch 
überdenkt, um sich rational orientieren 
zu können. Da Simone Wcils Freiheits¬ 
begriff auf Gerechtigkeit und dem Stre¬ 
ben nach Moralität beruhte, reagierte 
sie sehr sensibel auf die Racheakte, die 
im Namen der Revolution geschahen. 
Wie in jeder Anfangsphase einer Revo¬ 
lution erfolgten einige spontane Hin¬ 
richtungen, Plünderungen, grausame 
Abrechnungen an verhaßten Gro߬ 
grundbesitzern, Pfarrern, No nnen, A dl i- 
gen, reichen Bürgern und militärischen 
Gegnern. Sic verurteilte dies zutiefst. 
Sie erfuhr auch von der Erschießung 
eines Fünfzehnjährigen, der auf der 
Fcindesscite gekämpft halte und sich 
weigerte, sich der Kolonne Durruü an- 
zuschlicßcn: 

“Durrutigabdem Kind vicrundzwan- 
zig S tun den Bcdenkzci t. Der Junge sagte 
nein und wurde erschossen. Dabei war 
Durruti in mancher Hinsichtcinbcwun- 
derswerter Mann. Der Tod dieses Jun¬ 
gen hat nie aufgehört, mir auf dem Ge¬ 
wissen zu liegen, obgleich ich erst nach¬ 
träglich davon erfahren habe.” 

Zum Vcrhäl tnis zwischen der Kolon¬ 
ne Durruti und den Bauern heißt cs bei 
ihr: 

“Diese blutarmen, großartigen Bauern 
von Arag0n, die unter allen Demüti¬ 
gungen ihren Stolz bewahrt hatten, wa¬ 
ren für die Milizsoldatcn aus der Stadt 
nicht einmal ein Gegenstand der Neu¬ 
gier. Ohne daß cs zu Übergriffen, Unver¬ 


schämtheiten, Beleidigungen gekom¬ 
men wäre (...) trennte ein Abgrund die 
Soldaten von der unbewaffneten Be¬ 
völkerung, ein Abgrund, der ebenso 
tief war wie der zwischen Armen und 
Reichen. Das war deutlich zu spüren an 
der stets etwas demütigen, unterwürfi¬ 
gen, furchtsamen Haltung der einen und 
an der Ungeniertheit, der Überlegenheit, 
der Herablassung der anderen.” 

Aus Gesprächen mit Bauern kommt 
sic zu dem Schluß, daß die Kollektivie- 

rungenz.T. nicht so freiwillig verlaufen 

waren wie erwartet und öfters auch 
Zwang angewendet wurde. Diesem 
Zwang begegnet sic auch in den Betrie¬ 
ben, für die Dekrete zur Überstunden¬ 
ableistung erlassen wurden. 

“Ein anderes Dekret sieht vor, daß je¬ 
der. Arbeiter, der seine Normen nicht 
erfüllt, als Aufständischerzu betrachten 
und entsprechend zu behandeln ist. Das 
bedeutet ganz einfach die Anwendung 
der Todesstrafe in der Industrieproduk¬ 
tion.” 

Ihrer ganz neuen Erfahrung, als eine 
der wenigen Frauen in der Miliz zu 
kämpfen, hat sie keine Beachtung ge¬ 
schenkt. Der Frauenanteil in den Milizen 
lag etwa bei 2-3 %. Im Zuge der mili täri- 
schen Umstrukturierung wurden diese 
später zumeist in den Sanitätsbereich 
umdirigiert. Ab März 1937 bestanden 
die kämpfenden Divisionen mit ganz 
wenigen Ausnahmen, wie etwa Mika 
Etchebehcre, nur noch aus Männern. 
Simone Wcils Notizen läßt sich jedoch 
entnehmen, daß ihr in brenzligen Situa¬ 
tionen nichtnureinmal von ihren männ¬ 
lichen Milizkameraden der Platz in der 
Küche zugewiesen wurde, der im übri¬ 
gen oft nicht weniger gefährdet war. 
Dies heißt jedoch wiederum nicht, daß 
in der Kolonne Durruti nur die Frauen 
kochten. 

Um den 20. August herum erlitt sie 
beim Kochen schwerste Verbrennungen 
am Bein von siedendem Öl, so daß sie 
die Kolonne verlassen und in ein Kran¬ 
kenhaus mußte. Alles in allem blieb sie 
etwa zwei Monate in Katalonien. Sie 
schrieb, als sie nicht mehr kämpfen 
konnte, Artikel, z.B. gegen die Nonin¬ 
terventionspolitik der französischen 
Regierung, die in Frankreich erschienen. 


Rückblick 

Simone Weil versuchte, nach ihrer 
Rückkehr Lehren aus den Erfahrungen 


in Spanien zu ziehen. Sie beschloß, 
künftig nicht mehr mit linken politischen 
Gruppierungen zu sympathisieren. Ihre 
Erwartungen in die CNT hatten sich 
nichterfüllt. Sie befand, daß bislang in 
allen diesen Organisationen unverein¬ 
bare Gegensätze und Widersprüche auf¬ 
getreten waren, die dazu geführt hatten, 
daß das Ziel des ursprünglichen Kam¬ 
pfes preisgegeben wurde. Dazu kam 
die Intemationalisierung des Kriegs: 

“Ich fühlte keine innere Notwendig¬ 
keit, an einem Krieg teilzunehmen, der 
nicht länger, wie ich anfangs gedacht 
hatte, hungrige Bauemmassen den Guts¬ 
besitzern und ihren Komplizen, den 
Pfarrern, gegenüberstellte, sondern die 
europäischen Mächte miteinander kon¬ 
frontierte: Rußland, Deutschland und 
Italien.” 

Auch ihre Zuversicht in die revolu¬ 
tionäre Kraft der Massen hatte sie ver¬ 
loren. Aus den; Ausgebeuteten und Er¬ 
niedrigten, so resümierte sie, ginge auch 
kein neuer Menschentypus hervor: 

Es ist nicht ersichtlich, auf welche 
Weise aus dem Schoß der Massen spon¬ 
tan das Konträre des Regimes hervor¬ 
gehen könnte, das sie formiert oder bes¬ 
ser deformiert hat.” 

Ihre nachfolgenden Jahren sind von 
der Furcht vor einem europäischen 
Krieg bestimmt, weshalb sic bis zum 
Kriegsausbruch eine pazifistische Posi¬ 
tion vertritt. Ihre heftigen Kopfschmer¬ 
zen verstärken sich so, daß sie nicht 
mehr als Lehrerin arbeiten kann. Die 
Hinwendung zur Religion, insbesondere 
zur katholischen Theologie, hilft ihr, 
ihr Leiden besser zu ertragen. Als Polen 
von Deutschland überfallen wird, wid¬ 
met sie sich als Beitrag zu dessen Be¬ 
kämpfung intensiv Studien der histori¬ 
schen und gesellschaftlichen Wurzeln 
des Faschismus. Mitihrer Verzweiflung 
wächst wieder die Konzentration auf 
Philosophie und Theologie. Nachdem 
Paris in deutsche Hände fällt, zieht Si¬ 
mone Weil mit ihren Eltern ins Vichy- 
Frankreich, nach Marseille. Als diese 
in die USA emigrieren, bleibt sie zu- 
nächstund versucht, sich dcrResistance 
anzuschließen. Asketische Lebcnsre- 
geln bestimmen ihren Tagesablauf. Ihre 
hartnäckigen Versuche, von London aus 
in dieResistanceaufgenommcn zu wer¬ 
den, um gefährliche Aufgaben an vor¬ 
derster Front zu übernehmen, scheitern. 
1943 stirbt sie in London im Alter von 
34 Jahren an Tuberkulose und willent¬ 
lich herbeigeführter Unterernährung. 


£56] SF .2/97 












Oer weitere Lebens weg Carl Einsteins 
läßt sich kurz erzählen. Immer noch 
verwundet und tief demoralisiert, flieht 
er mit dem letzten Flüchllingsstrom An¬ 
fang Februar 1939 aus Spanien nach 
Frankreich, wo er in ein Internierungs¬ 
lager für Spanienkämpfergesteckt wird. 
Nach einer kurzen Aufenthaltszeit mit 
seiner Frau zusammen in Paris, wird er 
e meutin Südfrankreich interniert, dies¬ 
mal als fcindlichcrdeutscher Ausländer, 
^or dem Einmarsch der deutschen Trup- 
P Cn gelingt es ihm, aus dem Lager zu 
entkommen. Auch bei ihm gibt cs in 
dieser Zeit eine Hinwendung zum Ka¬ 
tholizismus. Ohne Paß, ohne einflu߬ 
reiche Hilfe und ohneZuversicht nimmt 

er sichim Juli 1940 in den Pyrenäen das 
Leben. 

Am 6. Januar 1939, kurz vor der Nie¬ 
derlage der Republik, hatte Carl Einstein 
v °n Barcelona aus noch einen Brief an 
Pablo Picasso in Paris geschrieben. Über 
seine eigene Lage - er war verwundet 
Un d mußte sich auskurieren - heißtes da 
u.a.: 

“Im Moment habe ich als Soldataußer 
ienst viel Zeit und zwar zuviel. Es ist 
zuzusehen, wie die Kameraden 
ämpfen und man selbst liest nur die 
Ölungen, die über diese Kämpfe be¬ 


lS8l 


richten. Ich schäme mich dafür.” 

Einstein äußerte sich noch optimis¬ 
tisch: 

On battra Franco”, - wir werden 
Franco schlagen, heißt es da noch, “jeder 
an der Front weiß das und spürt das.” 

Aus den spanischen Zeitungen war 
so kurz vor der Niederlage tatsächlich 
nicht zu ersehen, wie ernst die Lage 
war. Sie verbreiteten nämlich Propa¬ 
ganda und zensierten schlechte Nach¬ 
richten, um die Demoralisierung nicht 
noch zu erhöhen. Doch zurück zu dem 
Brief an Picasso. Dort heißt es weiter: 

“Sie können gar nicht wissen, wie 
glücklich ich bin, zusammen mit Ihren 
Landsleuten gekämpft zu haben. Das 
ist vielleicht die schönste Erinnerung 
meines Lebens.” 

“Die Spanier haben sogar während 
des Kriegs großartige Fortschritte er¬ 
zielt. Es gibt keine Analphabeten mehr, 
die Soldaten und Arbeiter verstehen die 
Dinge, die politischen und viele anderen, 
weitaus besser als die intellektuellen 
Affen außerhalb des Landes, es ist wirk¬ 
lich erstaunlich, wie schnell die Spanier 
alles begreifen. Das hat mich immer in 
Erstaunen versetzt.” 

“Glauben Sie mir, ich würde jederzeit 


freiwillig mein Leben und alles für Ihr ^ 
Land geben, das istnicht einfach nur so 2 

dahingesagt. Aber ich würde es nicht ^ 
ertragen, meine Kameraden in einer ' 
mißlichen Situation zu sehen.” 

“Ich habe in Spanien nichts weiter 2, 
gesuchtals die Möglichkeit,den Karne- q 
raden, der Freiheit und der menschlichen §• 
Würde zu dienen.” 

Und, weiter gegen Ende, heißt es 
nochmal ganz klar in bezug auf seine 
eigene Rolle: 

“Ich brauche das alles nicht, weder ir¬ 
gendwelche Prahlereien, noch literari¬ 
sche Rezepte, um das Rechtauf meine 
Würde zu verspüren. Und ich werde sie 
immerohnegroßesGerede verteidigen, 
ohne Eigenwerbung und ohne darüber 
zu schreiben. Denn man muß auch wis¬ 
sen, - oö les mots finissent - wo die 
Grenze der Sprache erreicht ist.” 

Vielleicht liegt in dieser Haltung gen¬ 
au der Unterschied zu heute. 

Dieser Artikel beruht auf einem Vor¬ 
trag, der am 27. Juli 1996 in Berlin ge¬ 
halten wurde. 


SF 2/97 [57] 



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Vom Drachen 
jagen: 

Zum Tod von 
Heiner Köchiin 

von Werner Portmann 

"Ich schaue die Welt an als etwas mir 
nicht nur gegebenes sondern auch 
aufgegebenes" (HeinerKöchiin) 

Wie kann ich den Drachen jagen ohne 
selbst zum Drachen zu werden? Dieser 
Gedanke, umkreiste sein ganzes Sein. 
Dieser Satz, entlehnt einer unbeant¬ 
worteten Frage Karl Jaspers, ent- 
schlüsseltnichtnurdas DilemmaHeiner 
Köchlins - wie kann ich Widerstand 
leisten ohne den Menschen zu schaden 
- sondern des Menschen in der Revolte 
generell. Jaspers und Camus sind denn 
auch zwei Eckpfeiler in seiner Suche 
nach der Existenz der Menschen in der 
absoluten Freiheit. 

Am 21. Januar 1918 in Basel, in einer 
wohlhabenden Familie, geboren, 
verlebte er eine unbekümmerte Kind¬ 
heit, zusammen mit einem Bruder und 
einer Schwester. Der Vater war Abge¬ 
ordneter für die Sozialdemokraten im 
Basler Stadtparlamcnt und Arzt in 
“Kleinbaser, einem klassischen Ar- 
bcitcrlnnenviertel. Die puritanisch, 
religiöse Mutter, aus einer bekannten 
Theologcnfam i 1 ie stam m en d, fü hrte den 
Haushalt des “Schlösschens” und ver¬ 
anstaltete Bibelstunden für Arbeiter¬ 
frauen aus dem Quartier. Mutter und 
Vater verband eine Art religiösen 
Sozialismus. Seine Schwester Esther 
sollte auf diesem Familienpfad wei¬ 
tergehen. Er und sein Bruder Felix aber 
glaubten nicht an Gott und verneinten 
Christen zu sein. Als Heiner seine Gott¬ 
losigkeit der Mutter eröffnete, führte 
dies zum ernsthaften Bruch ihrer Be¬ 
ziehung, der erst im hohen Alter der 
Mutter wieder gekittet werden konnte. 

Schon als Primarschüler der 3. Klasse 
bezieht er Stellung für die zum Tode 
verurteilten Sacco und Vanzetti und 
streitet heftig darüber mit seinen 


Schulkameradinnen. Im Arbeiterquar¬ 
tier in die Schule gehend, war er als 
Arztsohn ein Aussenseiter. Aussenseiter 
blieb er, sei es in der sozialistischen 
Jugend als Anarchist Position beziehend 
oderim Gymnasium, wo er als “Roter” 
verschrieen mit dem Hass des Schweizer 
Grossbürgertums konfrontiert wurde, 
der sich nicht nur gegen ihn und die 
“Roten” im allgemeinen entlud, sondern 
auch gegen die wenigen jüdischen Mit¬ 
schülerinnen, die in den Pausen ver¬ 
prügelt wurden. Dieser Antisemitismus 
und Kontakte zu ersten Flüchtlingen 
aus Nazideutschland 1933/34 schärften 
sein Bewusstsein für die Verfolgung 
und Unterdrückung von Menschen 
durch Menschen und Hess ihn sich die 
Frage eines möglichen Widerstandes 
schon früh stellen. Im bewaffneten 
Kampf der Österreichischen Arbeiter¬ 
innen, im Februar 34, die sich - u.a. im 
Wiener Karl Marxhof verschanzend - 
gegen den Dollfussfaschismus zur Wehr 

setzten, sahen Heiner Köchiin und sein 
Bruder eine mögliche Form sich zu 
widersetzen. Dieses Hoffen auf den Sieg 
des bewaffneten Widerstandes gegen 
den Faschismus wird sie 1936 erneut 
erfassen, als er und Felix - jetzt als 
bewusste Anarchisten, und als einige 
der wenigen in der Schweiz, die gut 
über die CNT/FAI informiert waren - 
sich für die Soziale Revolution in 
Spanien begeisterten und engagierten. 
Trotzdem Heiner Köchlins Einstellung 
sich im Laufe seines Lebens von den 
Ideen einer revolutionären Umsetzung 
des Anarchismus zu einer evolutionären 
Erreichung dieses Ziels veränderte und 

ersieh immer als Antimilitarist verstand, 

war er bis zu seinem Tod überzeugt, 
dass gegen den Despotismus bewaffnet 
Widerstand zu leisten sei: “So konnte 
ich, wie auch heute noch, die Gewalt¬ 
freiheit nur relativ und bedingt akzep¬ 
tieren." 


Die Welt der Sozialismen 

Bei der Sozial istischen Jugend befasste 
er sich, angeleitet durch einen Trotz¬ 
kisten, mit Marx und lernte, neben dem 
dialektischen Materialismus, dass das 
geheiligte Land des Sozialismus, die 
Sowjetunion, nicht das war, was sich 
nichtnurdie Parteikommunisten davon 
versprachen. Daneben entdeckte er in 
der Bibliothek seines Vaters Kropotkins 
Memoiren , las kurz darauf Brup- 


bachers “Marx und Bakunin”, Lan¬ 
dauers “Aufruf zum Sozialismus” und 
kam zur Überzeugung, dass er eigentlich 
Anarchist sei. Beschleunigt durch den 
enttäuschten Einsatz für eine Regie¬ 
rungsmehrheit der SP in Basel, deren 
Erfolg nicht die erhofften Verbesse¬ 
rungenbrachte: “Das “rote Basel", für 
das wir so eifrig geworben hatten, war 
eine grosse Enttäuschung. An der Lage 
der Arbeiterschaft änderte sich kaum 
etwas. Und auch aus der erhofften Ver- 
besserungder Flüchtlingspolitikwurde 
nichts: so weissich doch als naher Zeu¬ 
ge, dass der rote Regierungsrat seine 
Fremdenpolizei schalten und walten 
Hess. Bekannt ist mir eine Ausschaffung 
die für die Opfer tödliche Folgen hatte 
und vom sozialistischen Polizeiober¬ 
haupt gerechtfertigt und gedeckt wurde. 
All dies war nicht dazu angetan, mich 
für sozialdemokratische Wählerei zu, 
begeistern, (...) so versuchte ich, in der 
Jugendgruppe anarchistisches Gedan¬ 
kengut einzubringen, was mir während 
einer gewissen Zeit erstaunlich gut ge¬ 
lang." 

In der Schweiz der dreissiger Jahre war 
der Anarchismus fast aus der Arbei¬ 
terinnenbewegung verschwunden. Nur 
in der Westschweiz war sein Atem noch 
zu spüren. Es war denn auch die 
anarchistische Eule Bertoni - wie der 
Schriftsteller Humm ihn nannte -, die 
von Zeit zu Zeit aus Genf in Basel mit 
einem Koffer voller Broschüren einflog, 
um mitden italienischsprachigen Anar¬ 
chisten eine Konferenz abzuhalten. Da¬ 
neben existierte ein kleiner Kreis um 
Brupbacher, mit Silone und Samson - 
einem späteren Freund Köchlins - in 
dem die Notwendigkeit der Freiheit im 
Sozialismus diskutiert und hochgehal¬ 
ten wurde. Bei ihnen fand Heiner Köch¬ 
iin Anschluss, nachdem die Kommu¬ 
nistische Jugend, nach ihrem Verbot, 
sich in der Sozialistischen Jugend fest¬ 
gesetzt und den Anarchismus im wahr¬ 
sten Sinne des Wortes hinausgeprügelt 
hatte. Prügel, die er noch mehrmals von 
den Stalinisten beziehen sollte. “Eng 
schloss ich mich an eine Gruppe von 
anarchistischen, italienischen Arbeitern 
an, die in einem Kleinbasler Restaurant 
regelmässig zusammenkamen. Ihr 
geistiges Haupt war der in Genf woh¬ 
nende Luigi Bertoni(...). Das Zentrum 
der italienischen Basler Anarchisten 
war der Inhaber einer kleinen Bäckerei 
am Wiesenplatz namens Balboni. Er 





war nach dem Ausdruck meines Vaters, 
dessen Patient er war, 1 Eine Seele von 
einem Menschen' ” 


Direkte Aktionen 

Heiner Köchlin, der mit Mühe und Not 
die Mittelschule beendete, begann ohne 
grossen Elan Geschichte und deutsche 
Literatur zu studieren. Das Studium liess 
er neben her treiben, die Universität be- 
hagte ihm wenig, war sie doch ein welt¬ 
ferner, konservativer ja reaktionären 
Ort. Europa lag im Umbruch, und 
Köchlin versuchte, die wenigen vor Ort 
vorhandenen unabhängigen soziali¬ 
stischen Geister zu sammeln, um dem 
Weltenlauf ein bisschen eine andere 
Richtung zu geben. So organisierte er 
in Basel einen politischen Zirkel der 
heimatlosen Linken, wie er sie nannte, 
damals von den Stalinisten und der 
Polizei pauschal als Trotzkisten be¬ 
zeichnet. Zu ihnen gehörten Flüchtlinge, 
wie der Ex-KPler Boris Roniger, der 
Ex-KPOler Hans Fischer und der Ex- 
Leninbündler Isak Aufseher - ja sogar 
der spätere religiöse Marxist, mit 
stalinistischem Einschlag, Rudolf 
Farner, der mit Heiner Köchlin zusam¬ 
men in Basel studierte war in dieser 
Runde anzutreffen. " Im Wohnzimmer 
unseres Einfamilienhauses organi¬ 
sierten wir Vorträge Ronigers über 
r ussische Geschichte, von den Anfängen 
bis zur Gegenwart. Gegen Ende dieser 
Vorträge Ronigers erfuhr ich zum ersten 
Male aus dem Munde dieses "Trotz¬ 
kisten” , dass die russische Sowjet- 
Demokratie schon im Jahre 1921 durch 
blutige Liquidierung des Kronstädler- 
sowjets durch die von Trotzki befehligte 
r °te Armee vernichtet worden war” 
Isak Aufseher, ein aus Galizien stam¬ 
mender Jude, war in jungen Jahren 
Kommunist geworden. Vor Hitler 
flüchtete er über Frankreich nach Spa¬ 
men, wo er sich in Barcelona vom 
Trotzkismus löste und nun Anarcho¬ 
syndikalist geworden, sich den Deut¬ 
schen Anarchosyndikalisten (DAS) 
anschloss und ein Heim für Flüchtlinge 
leitete. Nach dem Maiputsch flüchtete 
er illegal über die Grenze nach Basel, 
Wo Heiner Köchlin ihm, mit viel Mühe, 
eine “Toleranzbewilligung” verschaf¬ 
fen konnte. Aufseher wurde Köchlins 
wichtigster Freund. 

Ob Flüchtlingsarbeit oder politische 


Aktionen, Köchlin war in Basel sehi 
aktiv. Dies fiel auch den Behörden auf, 
so wurde er von der Polizei seit 1938 
überwacht - zuerst als Trotzkist geführt 
und erst 1946 korrekt als Anarchist - 
und 1940 sogar in ein Sonderverzeichnis 
für “Extremisten” aufgenommen, was 
für ihn bei einem Angriff auf die 
Schweiz bedeutet hätte, sofort verhaftet 
und in ein Internierungslager eingesperrt 
zu werden. Viel Hilfe für seine Flücht¬ 
lingsarbeit fand er nicht; so war eine 
Unterschriftensammlung gegen die In¬ 
haftierung von Flüchtlingen in Straf¬ 
anstalten nicht sehr erfolgreich. - Ur¬ 
sprünge, die zu heutigen Schweizer 
Gesetzen wie die Zwangsmassnahmen 
führten und die damals wie heute kaum 
grosse Wellen der Solidarität mit den 
Verfolgten auslösten: “Isi hatte die Idee, 
eine Unterschriftensammlung, die ge¬ 
gen diese Praxis protestierte, zu veran¬ 
stalten. Eine solche Aktion musste' 
natürlich von Schweizern an die Hand 
genommen werden. Bei dieser Gelegen¬ 
heit lernte ich meine Pappenheimer erst 
kennen. Weder im Volkshaus noch in 
der Universität fand ich Leute, die zur 
Unterschrift bereit gewesen wären. Im 
Volkshausrestaurant sassen die Schwei¬ 
zer und die Ausländer an getrennten 
Tischen, und zwischen diesen beiden 
Lagern gab es wenig Beziehungen. So 
war es für mich nicht verwunderlich, 
dass (...) sich gegen die Ausschaffungs¬ 
praxis der Behörden aus dem Volk so 
gut wie keine Opposition regen sollte. 
Die Universilätsstudenten zu interes¬ 
sieren war vergebliche Liebesmühe.” 
Kleinere “direkte Aktionen” wie Köch¬ 
lin sie nannte, sollten er und seine Ge¬ 
nossen Ende der dreissiger und Anfang 
der vierziger Jahren durchführen und 
dieObrigkeitaufTrabbringen. So rissen 

sie eine erstmalig am Ersten Mai ge¬ 
hisste Schweizerfahne herunter und 
provozierten damit eine Schlägerei, 
wobei sich sein Bruder Felix eine blutige 
Nase holte. Als der francistische Film 
“ Alcazar” gezeigt wurde schmissen sie 
und ein paar italienische Anarchisten 
Eier an die Leinwand. Eine mit einer 
trotzkistischen Gruppe zusammen 
illegal betriebene Druckerpresse für 
Flugblätter, im Keller seines Eltern¬ 
hauses untergebracht, wurde durch 
einen glücklichen Umstand, trotz Haus¬ 
suchung nicht entdeckt, doch die bei 
ihm im Zimmer gefundene Literatur 
reichte der Polizei aus, ihn 10 Tage in 
Untersuchungshaft zu setzen. Doch das 







grösste Aufsehen erregten sie, als sie 
im Februar 1941 einen Vortrag des fran¬ 
zösischen faschistischen Vordenkers 
und Dichters Charles Maurras störten. 
Die Veranstaltung musste unterbrochen 
werden und die Polizei schritt ein, die 
Störenden zu verhaften. 


Die Enge des Seins und 
des Denkens 

Nach bestandenem Examen in Ge- 
schichte schrieb er sich am Lehrer¬ 
seminar ein, um das Mittclschulleh- 
rerdiplom zu erlangen. Am Seminar 
versuchten ihm die stramm patriotischen 
Dozenten herkömmliche “Paukerpä¬ 
dagogik” beizubringen, “Ein Lichtblick 
in dieser traurigen Gesellschaft war die 
Märchenerzählerin und Verfasserin von 
Kindergeschichten Lisa Tctzner, die uns 
Lektionen über Sprechen und Erzählen 
erteilte. Sie wareine kleine, energische, 
körperlich etwas behinderte Frau, deren 
Horizont über den Betrieb, in den wir 
eingespannt Waren, hinausragte. Lisa 
Tetzner, wollte mich unbedingt mit 
ihrem Mann bekannt machen. Es han¬ 
delte sich um Kurt Kläber, der als poli¬ 
tischer Emigrant in der Schweiz lebte 
und unterdem Schriftstellemamen Kurt 
Held bekannt war. Ein Zusammentref¬ 
fen fand statt, verlief aber unglücklich, 
da wir uns nach kurzer Zeit über die 
Bewertung von Stalins Sowjetunion, 
an deren “Fortschrittlichkeit” er als 
Antifaschist glaubte fcsthaltcn zu müs¬ 
sen, in die Haare gerieten. Wir verab¬ 
schiedeten uns zwar höflich, hatten aber 
kein Bedürfnis, uns wiederzusehen. An 
meinem guten Verhältnis zu seiner 
märchcncrzählcndcn Frau änderte das 
nichts.” 

Daneben musste Köchlin vier Wo¬ 
chen im Jahr Militärdienst leisten. “Ich 
konnte mich der Einsicht nicht ver- 
scMiessen, dass dem drohenden To¬ 
talitarismus der Nazis auch militärisch 
ientgegengetreten werden musste.” Als 
Rebell gestempelt wurde er von seinen 
Vorgesetzten scharf beobachtet und 
erlebte, wie Unteroffiziere und Offiziere 
nazistisches Gedankengut pflegten und 
ihren Antisemitismus in der Armee 
verbreiteten. Wieder in Zivil, erste 

Gehversucheais Lehrkraft, die sein Bild 

von den öffentlichen Schulen bestärk¬ 
ten , Erziehanstalt zu sein anstatt Ort des 
Lernens: “Als mir dann einmal während 


einer Pause ein älterer, bebarteter Leh¬ 
rer, der mich anscheinend für einen 
Schüler hielt, die rechte Hand aus der 
Tasche zog mit der Bemerkung 1 Hand 
aus dem SackT, hatte ich genug und 
gab es auf Hier war für mich kein 
Platz ” 

Je länger der Krieg dauerte, je uner¬ 
träglicher wurde für Heiner Köchlin die 
patriotisch aufgeladene Stimmung im 
Land und die “stickige Luft der Kriegs- 
athmosphäre” drohte ihn zu erdrosseln. 
Als er von der Befreiung von Paris er¬ 
fuhr - jetzt als Lehrer in einer Schule für 
jüdische Flüchtlingskinder - und bald 
darauf der Krieg zu Ende war, gab es 
kein Halten mehr, er verliess die 
Schweiz. 

Zuerst reiste er nach Antwerpen, wo 
er eine jüdische Lehrerin besuchte, die 
er in der Schule kennen und lieben ge¬ 
lernt hatte. “Die Leere des Juden viertels 
mit den paar Zurückgekehrten und 
deren Erzählungen brachten mir den 
Holocaust, von dem ich schon durch 
die wenigen Flüchtlinge , die in der 
Schweiz Aufnahme gefunden hatten, 
genug zu wissen glaubte, erst jetzt richtig 
ins Bewusstsein. Auch stellte sich ein 
schlechtes Gewissen ein . Hatten wir 
wirklich genug getan , um unsere Behör¬ 
den zur Öffnung der Schweizer grenze 
zu veranlassen?” 

Auf der Rückreise besuchte er in 
Brüssel Hem Day, den belgischen Anar¬ 
chisten und Antiquar, und in Paris die 
ihm von Isak Aufseher mitgegebenen 
Adressen von jüdisch-anarchistischen 
Emigrantinnen. Zurück in Basel be- 
schlicsster 1947, zusammen mit “Isi”, 
nach Paris zu ziehen. Dort hoffte er] 
endlich in einer lebendigen libertären 
Bewegung tätig werden zu können. 
Doch der erste Kontakt zu den fran¬ 
zösischen Anarchisten verläuft uner¬ 
freulich, trotz der örüichcn Nähe. “An 
der gegenüberliegenden Seite des 
Kanals hatte die von der Anarchistin 
Louise Michel einst gegründete Zeitung 
“Le libertaire” ihren Sitz. Doch gelang 
cs mir nicht, zu den französischen Ge¬ 
nossen einen menschlichen Kontakt her- 
zustellen. Alles ging hier recht büro¬ 
kratisch zu und entsprach meiner Vor¬ 
stellung von einer libertären Bewegung 
wenig.(...) Anders wurden wir von den 
Spaniern und den zugewanderten Ost¬ 
juden empfangen. Bei diesen fand ich 
schnell Kontaktund Freunde, der bis zu 
deren Tod nicht abriss Das offi¬ 


zielle Ziel Köchlins war eine Disser¬ 
tation über die Pariser Kommune zu 
schreiben. Daneben verlegte er von Paris 
aus die Zeitschrift “Der Freiheitliche 
Sozialist”(1941-49), das Nachfolge¬ 
produkt der “Blätter für freiheitlichen 
Sozialismus” (1944-47), die er und sein 
Bruder noch illegal - unter der Schweizer 
Kriegszensur - in Basel herausgaben. 
Die Publikation, inspiriert vom spanisch 
jüdischen Exil-Anarchismus, hatte 
einigen Erfolg und erhieltUnlerstützung 
u.a. durch den bekannten Zoologen 
Adolf Portmann, der ihnen schrieb, er 
trage immer ein Exemplar bei sich. Der 
Vertrieb über die Grenze, dieser eher 
philosophischen als agitatorischen 
Zeitschrift, schien kein Problem zu sein: 
“Mit den Grenzbehörden hatten wir 
keinerlei Schwierigkeiten, da sie der 
Inhalt unseres Blättchens so wenig 
störte als etwa eine Publikation der 
f Zeugen Jehovas ' oder einer anderen 
Sekte.” 

In der Pariser anarchistischen Dia¬ 
spora fand er viele Freunde: “Auch 
Juden kreuzten wieder meinen Weg. 
Diesmal waren es keine Zionisten, 
sondern AnarcMsten, teils Deutsche und 
Österreicher, die hier die Nazibesetzung 
überlebt hatten , teils aus früheren Emi¬ 
grationen stammende Osteuropäer, die 
mit ihrer jiddischen Sprache auch ihre 
alten Ideale bewahrt hatten. ” Einer von 
ihnen war Egon*, der jetzt unter dem 
spanischen Namen GincsGarcia in Paris 
lebte und bei dem Heiner Köchlin ein 
Zimmer bezog. Durch ihn lernte er den 
alten jüdischen FAUDlcr Arthur* *, der 
Auschwitz überlebt hatte, kennen. Ar¬ 
thur führte Köchlin in die Kleinhänd- 


* wohl Egon IIlfeld, aus Wattenberg, 
geb.19.1.1914, emigrierte nach Spanien, 
bei Ausbruch des Bürgerkriegs im Gefäng¬ 
nis, kam damit frei. Mitglied der Gruppe 
DAS. Mitarbeiter an der Zeitschrift"Soziale 
Revolution”. 1937 inAlbaceteundValencia, 
um unter den Interbrigadisten für den 
Anarchismus Propaganda zu machen. Nach 
dem Maiputsch 1937 zuerst in St. Ursula, 
dann 1938 im (kommunistischen) Gefängnis 
inSegorbe, nach der Flucht nach Frankreich 
in Guts interniert. 

** wohl Arthur Lewin, aus Leipzig, geb. 
12.4.1907,Mitglied der SAJD-Leipzig, 
heiratete Martha Wüstemann, emigrierte 
1933 nach Spanien, Sekretär der Gruppe 
DAS, befreundet mit Isak Aufseher, arbeitet 
für das internationale Emigrantenkomitee, 
das zwei kollektivierte Betriebe einrichtete, 
nach dem Maiputsch verhaftet, später nach 
Frankreich ausgewiesen. 1939 im Gefängnis 
in Lille, danach in Paris. Anm. v. W.IIaug 










fcrszcnc um das berühmte Auktions¬ 
haus Drouot und die Bücherwclt der 
Bouquinisten ein. “Bei solchen Gele¬ 
genheiten legte ich mir einen Vorrat an 
Büchern an, mit dem ich dann in Basel 
den Grundstein zu einem Antiquariat 
legte.” Arthur machte ihn auch mit dem 
Autor von “Geheimnis und Gewalt” 
Un d Rcsistenzkämpfer Georg Glaser 
bekannt. Daneben schloss er sich den 
spanischen Anarchosyndikalisten an, er 
Jernic durch ihre Versammlungen Spa- 
üisch, und erlebte, manch hitzige De¬ 
batte über den richtigen Weg zum ge¬ 
lobten Ziel der Anarchie und wie mit 
seküererischem Eifer jede Gruppe ihre 
a bsolutc Wahrheit verkündete -ja sogar 
handgreiflich durchsetzten wollte. Von 
da ab waren für ihn anarchistische Dog¬ 
men, wie jeglicher Dogmatismus ver¬ 
dächtig und gefährlich. An einer solchen 
Versammlung machte er die für ihn 
sehr wichtige Bekanntschaft mit dem 
spanischen “Dionysos” der Anar- 
c histen, Anton io GarciaBirlan - es sollte 
der Anfang einer langen Freundschaft 
Wc rdcn. Birlan, ehemaliger Landar¬ 
beiter und hochgebildet, war Kolumnist 
bei der "Solidaridad obrera ”, der 
Wöchentlich in Paris erscheinenden 


Publ ikation der CNT im Exil. “Antonios 
Denken reichte über das der Aufklärer 
und Rationalisten, nach dem die Anar¬ 
chisten gewöhnlich halt machen, hinaus 
und beschäftigt sich mit der geistigen 
Welt der Mystiker. Die deutschen Philo¬ 
sophen von den Klassikern und Roman¬ 
tikern über die Phänomenologen bis zu 
Karl Jaspers las er in französischer Über¬ 
setzung. Er öffnete mir die Augen für 
seine Licblingsphilosophen Miguel de 
Unamuno und Nikolaj Berdjajew.” 
Daneben war er einer der wenigen, die 
über den Fraktionskämpfen der Exil- 
CNT standen und sich für den absoluten 
Pluralismus in der Bewegung einsetzte. 


Das Elend des Seins im 
Widerstand 

Köchlins Ziel, sich in Paris niederzu¬ 
lassen, gibt er im Laufe seines zwei¬ 
jährigen Aufenthalts auf. Die Anar¬ 
chisten erwiesen sich in ihrer Alltäg¬ 
lichkeit nicht weniger moralisierend und 
normativ, als er es in der Enge der 
Schweiz erlebte halte: “Die Sozialre¬ 
volutionären Überzeugungen jener 


Bild: Trotzdem-Veriags Archiv j 

Menschen änderten wenig an gewissen | 

überlieferten Vorurteilen, die das Pri- j 

vatieben eines unter ihnen betraf.” 

Zurück in Basel schliesst er seine j 

Dissertation “Die Pariser Commune I 

im Bewusstsein ihrer Anhänger” ab. Sie ■; 

wird - im Eigenverlag herausgegeben - 
im gleichen Jahr noch ins Spanische j 

übersetzt und von Personen, wie z.B. 

Hanna Arendt, wohlwollend rezipiert 
werden. t>er frisch ernannte Doktor 
wollte um keinen Preis erneut Schule 
geben, so dass er seinen Lebensunterhalt j 

mit dem Abpacken von Zeitungen bei 1 

den “Basler Nachrichten” und später 1 

als Hilfskorrektorbei der “Nationalzei¬ 
tung” bestritt. 

Durch seinen Pariser Aufenthaltetwas 
ernüchtert, wohl auch erkennend, dass 
seine Vorstellungen einer anarchisti¬ 
schen Nachkriegsgesellschaft auf kei¬ 
nen fruchtbaren Boden fielen, wandte 
er sich “vorläufig von der politischen 
Ideologie ab” und der Existenzphi¬ 
losophie zu. Nach der Lektüre von 
Camus “homme revolte” schreibt er 
Camus einen Brief: “Ich schrieb an 
Albert Camus von Basel aus einen Brief, 
in dem ich ihn meines vollen Einver- 


SF 2/97 [61] 








ständnisses mit seinen Ansichten 
versicherte. Gleichzeitig stellte ich ihm 
die Frage, wie er sich die Beziehung der 
“Revolte” zur Anwendung von Gewalt 
denke, d.h. ob er es für möglich halte, 
ohne zu resignieren auf jede Gewaltan¬ 
wendung zu verzichten, und ob er 
anderseits eine sich der Gewalt bedie¬ 
nende “Revolte” denken könne, die, 
habe sie Erfolg, nicht zu einer neue 
Machtverhältnisse schaffende Revolu¬ 
tion werde. Camus antwortete mir post¬ 
wendend, dass er sich diese Frage auch 
immer wieder stelle, und dass alles, was 
er dazu sagen könne, immer nur pro¬ 
visorisch und nie definitiv sei 
DieExistenzphilosophie war ihm jetzt 
näher als der Anarchismus - daran zu 
sehen, dass ihn die völlige Unkenntnis 
und Klischierung des Anarchismus 
durch Camus im “Mensch in der Re¬ 
volte” nicht störte - auch wenn ihn die 
Polizei noch immer als “Spitzenmann” 
der ‘Arbeitsgemeinschaft freiheitlicher 
Sozialisten’ überwachte. Die Diskus- 
sionsabendc der Arbeitsgemeinschaft, 
die nun in Basel stattfanden, drehten 
sich mehr um Sartre und Kierkegaard 
und weniger um Anarchismus, wenn 
wohl er noch an der Basler Abendschule, 
genauso polizeilich überwacht, über 
Anarchismus referierte und seinen 
Freund, den damals unbekannten, 
kunstschaffendcn Jeannot Tinguely 
“mit anarchisüschem Gift infizieren” 
konnte. Es war nun Jaspers, der seit 
1948 an der Uni Basel lehrte,der Heiner 
Köchlin in den Bann zog. Er besuchte 
Jaspers Vorlesungen und entwickelte 
für sich eine Art existentiellen Anar¬ 
chismus, den er mit dem Begriff Solip¬ 
sismus am besten definiert fand. (...) 

Von Büchern und 
Menschen 

Durch seine asketische Lebensweise in 
Paris, trat bei Heiner Köchlin eine akute 
Tuberkulose auf, so dass er im Winter 
1950/51 einen Kuraufenthalt in Davos 
machen musste. Der Zufall wollte cs, 
dass er dort mit seinem Freund “Isi” 
zusammentraf, der sich die Krankheit 
wohl schon in Spanien aufgelesen hatte. 
Während ihrer Kur beschlossen Köchlin 
und Aufseher ein Antiquariat zu er¬ 
öffnen. Dieses - nach der erfolgreichen 
Kur eröffnet - bestückt mit den in Paris 
gefundenen Schätzen, kam aber lange 


nicht aus den roten Zahlen. Unerfahren, 
wie sie waren, ‘luchsten’ ihnen die 
gierigen Bibliophilen die besten Stücke 
ab und tauschten dafür wertlose Bücher 
ein - Lehrjahre. (...) 

Seine Bekanntschaft mit der aus Spa¬ 
nien stammenden Küchenangestellten 
Elisa Valcarcee holte ihn aus seinem 
Lebensloch, sie heirateten nach langer 
Liebschaft 1968. Seine Aktivitäten 
galten jetzt eherden Dingen des Alltags, 
aber auch da versuchte er immer, ob 
bewusst oder nicht, anarchistisch zu 
handeln. So lösten er und ‘Isi’ das 
Problem, in ihrer prekären finanziellen 
Lage eine günstige Wohnung zu finden 
- war doch die Familie Köchlin um eine 
Tochter angewachsen - damit, dass sie 
eine sclbstverwaltete Wohngenossen- 
schaft gründeten, von den schlechten 
autoritären Strukturen bestehender Ge¬ 
nossenschaften lernend - die Genossen¬ 
schaft besteht heute noch. 

Politisch begann er sich erneut zu 
engagieren, als er mit der spanischen 
Nachkriegsemigration konfrontiert 
wurde und dank seiner Sprachkennt- 
nisse, zusammen mit dem lokalen Ge- 
werkschaftskartcll eine Regelung für 
eine Beratungsstelle für Spanier fand. 
“Den Nachteil hatte diese Regelung, 
dass ich hier im Dienste einer Gewerk¬ 
schaftsbürokratie arbeitete. Bei Arbeits- 
konfl ikten stellte es sich mehr als einmal 
heraus, dass die Herren Sekretäre oft 
den schweizerischen Vorarbeitern oder 
auch dem Personalchef näher standen 
als diesen fremden ‘Gästen’. So sind 
manche enttäuscht aus der Gewerk¬ 
schaft, in die sic voller Hoffnung beige¬ 
treten waren, wieder ausgctretcn.(...) 
die Spanier, die mich (...) aufsuchten, 
waren von denen, die ich in Paris 
gekannt hatte, recht verschieden. Von 
der Gewerkschaft hatten sic eine grund¬ 
verschiedene Auffassung.(.„) doch 
einmal erschien die magere grosse Ge¬ 
stalt eines älteren Arbeiters im Büro, 
dessen Gesicht mir irgendwie bekannt 
vorkam.” Es war ein alter anarchisti¬ 
scher Genosse aus Paris. Mit ihm und 
ein paar jüngeren, dazu gewonnenen 
Spaniern - Köchlin verteilte allen die 
“Solidaridadobrera” - fand sich erneut 
eine Gruppe interessierter Anarchisten 
zusammen. “So bildeten wir den Grund¬ 
stock einer kleinen libertären Gruppe. 
Bald waren wir 10 Sympathisanten, 
manchmal bis zu 20.” 

Durch seine zentrale Stellung unter 
den spanischen Emigranten gelang es 


Heiner Köchlin mehrmals, an offiziellen 
1. Mai Veranstaltungen der Gewerk¬ 
schaften, anarchosyndikalisüscheRed- 
nerlnnen wie Jos6 Peirats und Federica 
Montseny einzuladen oder den liber¬ 
tären Gaston Leval. Auf Druck der kom¬ 
munistischen “comisiones obreras”, 
denen die Veranstaltungen gar nicht ins 
Konzept passte und die immer wieder 
die Redner als Faschisten beschimpften 
und so Saalschlachten provozierten, 
entzog ihm aber die sozialdemokra¬ 
tische Gewerkschaft den Auftrag, diel. 
Mai Reden der Spanier zu organisieren, 
zu Gunsten der Stalinisten - aus kurz¬ 
sichtigem Opportunismus wie Köchlin 
dazu meinte. 


Die Wirrungen des 68ig 

Im “Zirkel”, eine Vereinigung unor¬ 
thodoxer Linker am Vorabend von68ig, 
bot sich ihm wiederum ein Forum, die 
anarchistischen Ideen über den engen 
eigenen Kreis hinauszutragen. Heiner 
Köchlin sprach dort mehrmals überdas 
Thema “Existenz im Absurden”, 
“Sozialismus gestern und heute” und 
zur “Geschichte des Anarchismus”. 
Daneben “referierte ich, mit dem Quel¬ 
lenstudium zu meinem Buch ‘DieTra¬ 
gödie der Freiheit’ beschäftigt, über die 
spanische Revolution des Jahres 1936.” 
Das Buch entstand durch die Unter¬ 
stützung der Basler Max Geldner-Stif- 
tung, die mit Fr. 20 000.- die Unter¬ 
suchung finanzierte. Der Grossteil des 
Geldes brauchte Köchlin sogleich für 
die Sanierung seines Antiquariats, das 
er jetzt allein führte. “Ich beging die 
Unverschämtheit, mit diesem Geld zu¬ 
erst mein im Argen liegendes Anti¬ 
quariat zu sanieren. Doch machte ich 
mich dann, um meiner moralischen 
Pflicht nachzukommen, an die Arbeit. 
Zum Glück fand ich fast alles Quellen¬ 
material, das ich benötigte, im ‘Inter¬ 
nationalen Institut für soziale Ge¬ 
schichte’ in Amsterdam. (...) Dass 
Köchlins Wissen über Spanien ein um¬ 
fassendes war, zeigte sich auch 1986, 
anlässlich einer dreiteilige Radiosen¬ 
dung über die Spanische Revolution, 
die zusammen mit Clara Thalmann 
entstand. 

Seit 1949 unterhielt Köchlin enge 
Beziehungen zu der “Föderation frei¬ 
heitlicher Sozialisten”; trotz inhaltlichen 
Differenzen. Durch diese Kontakte 
schloss er die Bekanntschaft mit Otto 











Reimers und Augustin Souchy, den er 
mehrmals für Veranstaltungen nach 
Basel lud und verband sich so immer 
mehr mit dem Denken der Gruppe der 
“Altanarchisten” des Nachkriegsdeut¬ 
schland - in den 80igem wird Köchlin 
ein wichtiger Mitarbeiter der Zeitschrift 
"Die Freie Gesellschaft ”, die sich als 
Erbe dieses Anarchismus verstand. 
Diese geistige Verwandtschaft führte 
zu neuen Problemen, als 1967 in Paris 
die Revolten ausbrachen und 1968 auf 
die Schweiz überschwappten, waren 
ihm die Ideologie und der härtere Stil 
der neuen, jungen Anarchistinnen 
fremd. Er fühlte sich von der neu er¬ 
blühten lokalen libertären Szene aus¬ 
geschlossen, der Dialog schien nicht 
tuehr möglich. (...) Sein mythischer 
Anarchismus, wie er ihn jetzt nannte, 
und der sich auf den spanischen Anar¬ 
chismus, wie auf Gustav Landauer be¬ 
zog, kollidierte nun mit dem sich mate¬ 
rialistisch gebenden, Teile des Mar¬ 
asmus integrierenden, sich an räte¬ 
kommunistische Ideale anlehnenden 
Anarchismus der 68iger und wurden 
v on den jungen Anarchos, Anarchas als 
Museal abgeschoben: “(..JHätten wir 
die Weiterentwicklung des Anarchis¬ 
mus in den Händen solch verdienstvoller 
(—) Altgenossen wie Huppertz,Reimers 
oder Souchy gelassen, so hätten wir 
heute ein Museumsstück; bösartig und 
a ggressiv, aber verstaubt , und asth¬ 
matisch (...) - der Anarchismus wäre 
e ihe Angelegenheit schmuddeliger 
Bücher in grossen Bibliotheken ge¬ 
worden” (Erklärung der Anarchos von 
Metzlar) 

Trotz des scheinbaren Grabens und 
dos offenen Gcnerationenkonfliktes - 
hier die heiligen Schriften, da das 
Bäumen der verstaubten Bibliotheken - 
^urde Köchlins Antiquariatzum Forum 
dieser neuen Anarchos und Anarchas, 
stellte er doch eine Buchhändlerin aus 
dieser Anarcho-Szene an - sie sollte 
n icht die letzte sein: “Ich hatte meine 
Sturm undDrangjahrc längst hinter mir 
Un d war, obwohl von der Bewegung 
ungerührt, nur am Rande dabei. Mein 
Vorkriegsanarchismus, den ich vertre¬ 
ten zu können glaubte, erschien diesen 
Jüngeren schon recht konservativ. Anti- 
uutoritarismus, Feminismus, linker To- 
"Uütarismus spielten wild durchein- 
under. So wurde in der Buchhandlung 
me hr diskutiert als gehandelt.” Dass 
üer Alt-Anarchismus Defizite hatte in 
Suchen Feminismus, fiel den ‘ Altanar¬ 


chisten ’ ebenso schwer zuzugeben wie 
den Jungen, dass der Ch6 Guevarakult, 
die Kuba Verherrlichung und das blinde 
Kopieren marxistischerTerminologien 
nicht mehr viel mit dem Ideal der Herr- 
schaftslosigkeit zu tun hatten. Dabei 
erwies sich Köchlin in der praktischen 
Alltäglichkeit als der Tolerantere, als 
viele der 68iger, die in ihrem unver¬ 
söhnlichen Dogmatismus direkt den 
Weg ins wohlsituierte Bürgertum an¬ 
traten. 


Akratie statt Anarchie 

Doch mitten in diesen wilden Ausein¬ 
andersetzung mit den neuen Linken 
zwingt eine neuerlich ausgebrochene 
Tuberkulose Heiner Köchlin, im Herbst 
1970, zu einem weiteren Kuraufenthalt 
in Davos. Dort konkretisierte sich der 
Gedanke, nochmals eine Zeitschrift zu 
publizieren, um seine alten Ideale und 
Ideen und die seiner Genossen und 
Freunde wachzuhalten. Doch erst im 
Februar 1973 erscheint die erste Num¬ 
mer der “Akratic”: " Obwohl auch der 
historische Anarchismus zur Sprache 
kommen sollte, wollte ich das Wort 
' Anarchie ' als Zielsetzung vermeiden , 
hatte das Wort doch für viele einen 
Beigeschmack von Gewalttätigkeit 
einerseits und weltfremder Utopie an¬ 
derseits. Ich wählte das Wort 'Akra- 
tie'.” (Akratie No. 2) 

Sein alter Freund Antonio Birlan 
steuerteden definitorischen Artikel bei: 
“Kein äusserer Zwang, d.h. keine Re¬ 
gierung und nichts, was im Wirtschaft¬ 
lichen zwingt, sich einem System ein- 
zufügen, wäre es auch das beste oder 
das, was man gerade für das beste 
hicltc.(...) Akratie ist Freiheit in allem 
oder sie ist nichts.” (“Akratie” in “Akratie” 
No. 1) Die gesellschaftliche Reform in 
die Richtung der absoluten Freiheit, die 
nie ein Ende finden dürfe und deren 
Vorantreiben mit dem Begriff der 
“akratischeren Akratie”, beschreibt 
wohl das damalige Ideal Köchlins am 
besten. Die Zeitschrift erlebte 15 Num¬ 
mern (bis Sommer 1981), an die sich 
die bis 1990 publizierte Schriftenreihe 
“Sisyphos” anschloss, deren Beiträge 
vor allem philosophische, geschicht¬ 
liche und zeitgeschichtliche Essays von 
Heiner Köchlin über Camus/Sartre, den 
Genfer Ketzer Servet, und einen ak¬ 
tuellen Beitrag zu Kuba und Israels 


Politik beinhaltete* “Die 15 Jahre, 
während denen ich die Akratie heraus¬ 
gab, halte ich für die fruchtbarsten und 
produktivsten meines Lebens. So wie 
ich es heute sehe, besass ich erst in 
jenen Jahren nach meinem zweiten 
Davos Aufenthalt die nötige Reife, um 
etwas zwar von einer in mir lebenden 
Idee angeregtes aber doch nicht im luft¬ 
leeren Raum über der Realität schwe¬ 
bendes auszusagen. Der Karin Kramer 
Verlag (...) hat es unternommen, die 
besten meiner Aufsätze zusammen mit 
früheren, späteren und auch gleich¬ 
zeitigen unveröffentlichten Vorträgen 
in einem Sammelband unter dem Titel 
'Philosophie eines freien Geistes* her¬ 
auszugeben.” 

Die lctzteNummer der Akratie befass¬ 
te sich erneut mit einer Protestbewe¬ 
gung, der sogenannten SOiger Jugend¬ 
bewegung. In ihr erkannte Heiner Köch¬ 
lin gar keinen Ansatz von Sozialismus 
mehr, obwohl er fand "die Forderun¬ 
gen der rebellischen Jugendlichen sind 
ausnahmslos berechtigt” . Er übersah 
dabei den tiefen anarchistischen Ansatz, 
der sich klar von der 68iger Termino¬ 
logie distanzierte und sich milder Kritik 
an Kuba und anderen Linken Ikonen, 
Köchlins Vorbehalten annäherte. Die 
Krawalle sah er jetzt nur noch als sinn¬ 
lose gewalttätige Negation des Be¬ 
stehenden ohne positive Ideen. Wieder 
einmal nahm sich keiner der Bewegten 
die Mühe, ihm die Gemeinsamkeiten 
ihrer Ideen aufzuzeigen, wie auch Köch¬ 
lin keinen Ansatz zum gemeinsamen 
Handeln mehr finden wollte - wobei er 
immer breit war, mit allen, jederzeit 
über Alles zu diskutieren. 

Seine Lebenserfahrung, mildern 'real 
existierenden Sozialismus* und dass 
jede Protestbewegung durch den Mar¬ 
xismus/Leninismus zerstört wurde, 
Hessen Köchlin, mit zunehmenden 
Alter, zuweilen überall kommunistische 
Geister sehen. Er übersah positive An¬ 
sätze wie z.B. die des marxistischen 
Theoretikers Karl Korsch. Dabei geriet 
er aber nie ins Fahrwasser des bürger¬ 
lichen Antikommunismus, sondern ver¬ 
suchte einen 'libertären Antikommu¬ 
nismus’ zu lancieren, der sich klar vom 
antisoziaiisiischen Antikommunismus 
des Bürgertums unterscheiden sollte. 
Das seine Ängste vor einer repressiven 
Ideologie, deren Wirken und Ursprung 
er in seiner unveröffentlichten Arbeit 
“Zwischen Skylla und Charybdis/die 


SF 2/97 [63] 







heimatlose Linke der 1930er Jahre” 
wohl belegt hatte, nicht nur Überreak¬ 
tionen waren, zeigte sich in den erneuten 
Erfahrungen, die er in den 70iger Jahren 
mitseinerKubaarbeitundseinem Israel- 
Engagement machte sollte. 

So wurden er und seine Freunde 1976 
am l.Mai von den Stalinisten erneut 
tätlich angegriffen, als sie ein Trans¬ 
parent mit der Aufschrift “Gegen den 
Terror in Chile und in Kuba” mittrugen. 
Lange wollten sich die Anarchistenln- 
nen mit diesen Parolen nicht solidari¬ 
sieren, die vielen Anarchisten in Castros 
Knasten vergessend. Nur Köchlin und 
einige andere ältere Anarchisten wie 
Souchy waren es, die immer wieder auf 
diesesstalinistischeRegime hinwiesen. 
Daran änderte Heiner Köchlins Über¬ 
setzung von Sam Dolgoffs “Leuchtfeuer 
in der Karibik”, mitdem er persönlichen 
Kontakte hatte, wenig - ja es schien so 
als schämte sich der Verlag der Zusam¬ 
menarbeit mit einem älteren kritischen 
Genossen: “AufErsuchen eines kleinen 
deutschen Verlages übersetzte ich das 
Buch ins Deutsche, wobei ich, um eine 
bessere publizistische Wirkung zu 
erzielen, die Stellen, die sich nicht mit 
Kuba sondern mit Anarchismus im 
allgemeinen befassten, ausliess. Der 
Verlag war dann anscheinend anderer 
Meinung und brachte den ganzen Text 
mit ein paar sprachlichen Verbesse¬ 
rungen, ohne meinen Namen zu nen¬ 
nen, heraus.” 

Bedroht wurde er ebenso als er auf 
einer Antiisraeldcmonstration lauthals 
“Solidarität mit Israel” schrie. Köchlin 
war nie ein blinder Befürworter der 
israelischen Politik, sondern schloss sich 
der Kritik der jüdischen Friedensbewe¬ 


gung am Staate Israel an und bejahte 
die Rechte der Palästinenserinnen ohne 
aber die Totalität der palästinensischen 
Gegenbewegung zu verschweigen und 
den latenten Antisemitismus zu über¬ 
sehen. (...) 


Reisender Lebensabend 

Ende der 80iger, Anfang der 90iger 
brach er gedrängt durch seine Frau, zu 
mehreren Reisen um die halbe Welt 
auf, seine alten, noch lebenden Genos¬ 
sen zu suchen und besuchen. Viele 
waren schon lange tot oder lagen im 
Sterben, wie Diego Abbad Santillan, 
einer der wichtigsten Theoretiker des 
spanischen Anarchismus, den er in 
Argentinien gerade noch an seinem 
Sterbebett antraf. 

Viele Erinnerungen kamen auf und 
leid volle B iographien von Vertreibung, 
Verfolgung und Armut der Kämpfe¬ 
rinnen und Kämpfer des Freiheitsideals 
begegneten ihm und seiner Frau. Zurück 
in Basel, anfangs der 90igcr, wurden 
seinegesundheitlichen Probleme immer 
akuter, doch noch einmal war er auf 
einer Demonstration zu sehen. Es war 
eine Antifa-Kundgebung gegen eine 
Schlageterfeier” im Schwarzwald, wo 
Köchlin, über das Anwachsen der 
Neonazis besorgt, “Nazis raus aus 
Schönau”, trotz Atcmprobleme, mit¬ 
skandierte. Seine letzten Arbeiten vor 
seinem Tod galten Studien zu Proud- 
hons Werk - wie viele alt gewordene 
Anarchisten es vor ihm taten. Seine 
unveröffentlichte Arbeit “Pierre Joseph 
Proudhon, ein come back?” ist keine 
unkritische Verherrlichung des Werkes 


- wie bei so vielen andern alten Kämpen 

- sondern eine kritische Auseinander¬ 
setzung mit dessen Oeuvre und eine 
Untersuchung seiner möglichen Aktua¬ 
lität. So geht er darin ausführlich auf 
den Antisemitismus Proudhons ein, 
ohne ihn zu verharmlosen oder als 
unwichtig abzuwehren. 

Schon sehr geschwächt, sein Anti¬ 
quariatschon lange weitergegeben, und 
leidend, reagiert er im Februar 1995 ein 
letztes Mal öffentlich, für den Anar¬ 
chismus Partei ergreifend. Er schrieb in 
den ‘Schweizerischen Monatsheften’ 
mit einen Beitrag - “Anarchismus - der 
Gegensatz zu Herrschaftleine Kor¬ 
rektur” - gegen einen, dort erschienen 
libertäre Ideen diffamierenden Artikel, 
an. 

Am 7.Mai 1996 erliegt er seiner 
schmerzvollen und schweren Krankheit, 
noch wach im Geist: 

Was von ihm weiterleben wird, ist 
seine Idee des Anarchismus als Mög¬ 
lichkeit der absoluten Freiheit in der 
Existenz der Menschen und dem damit 
verbundenen Entwickeln einer Bewe¬ 
gung der Toleranz, deren Voraus¬ 
setzungen er im September 1948 in 
einem Artikel “Gedanken zu Anar¬ 
chistischen Streitfragen. ‘Der Buch¬ 
staben tötet aber der Geist macht le¬ 
bendig’” treffend in einem Satz for¬ 
muliert hat: “Die Überwindung des 
Buchstabengeistes und der Systemge¬ 
bundenheit ist eine Voraussetzung, die 
der Anarchismus erfüllen muss, wenn 
er weiterkommen will” 

(“Der Freiheitliche Sozialist” Nr. 9 Scpt. 
1948) 

Anm. des Autors: Zitiert wurde aus dem 
unveröffentlichten Typoskript Heiner 
Koechlins Memoiren “Am Rande des 
Geschehens, Erinnerungen”. Alle nicht 
bezeichnetenZitate stammen aus diesem 
Text. 

Absolute Mehrheit der SP im Kanton und 
Stadt Basel. Die rote Phase Basels 
dauerte von 1935 - 1950 
Jean Paul Samson, Schriftsteller (1894 - 
1964). Übersetzungen von Silone und 
Brupbacher ins Französische. Teile des 
Nachlasses Samson befinden sich im 
Nachlass Köchlins. 

Polizei-Fichen Heiner Köchlins aus dem 
Nachlass 

Schweizer Zwangsmassnahme: Seit 1994 
werden Nicht-Schweizer Personen, ohne 
Papiere oder die von einer Abschiebung 
betroffenen sind, in Spezi algefängnisse 
eingesperrt. 

Anm. der SF-Red.: Einige Anmerkungen 
gingen leider bei der Konvertierung 
verloren. Der Artikel ist zudem aus 
Platzgründen leicht gekürzt worden. 











»la Nr. 203, März 1997 
Terror gegen Arme Der Krieg gegen 
die “gefährliche Klasse” * Wie sie die 
Zukunft massakrieren * Unbeschreib¬ 
liche Zustände in Brasiliens Gefäng¬ 
nissen * “Soziale Säuberungen” in Ko¬ 
lumbien * Repressionen gegen Jugend¬ 
liche in Argentinien * “Soziale Säu¬ 
berngen” in Köln als Teil eines welt¬ 
weiten Umbruchmanövers * Berichte 
u nd Hintergründe Nervenkrieg in 
Lima - Hoffnungen auf ein friedliches 
Ende der Geiselnahme * Peruanische 
Kumpanei: Polizei, Militär und Justiz * 
WieEcuadors Präsidentzurückgetreten 
wurde * Hciratsmigration aus Brasilien 
* Interview mir der JuventudAntiauto- 
riana Revolutionäre, Mexico * Eine 
Welt Wirtschaft Steuergelder für den 
Arbeitsplatzabbau bei VW * Kultur 
Erasilianiosche Kino * Zum Tode von 
L Antonio und Osvaldo Soriano * 
Bezug: ila,Heerstr. 205,53111 Bonn, 
Einzelpreis 8 .— DM, Normalabo 70.— 


Democracy and Nature, Nr.8 
Murray Bookchin: The Democratic 
Dimension of Anarchism * Cornelius 
Castoriadis: The Problem of Democracy 
Today * Takis Fotopoulos: Towards a 
New Conccption of Democracy * 
ThomasMartiniTheEndofSovereignty 
* William Mc Kercher: Liberalism as 
Democracy 

Bezug: 1449 West Littieton Boule- 
v ard, Suite 200, Littieton, CO 80120- 
2177, USA, US $ 9,50 (über SF bezieh¬ 
bar) 


Südwind, Nr.12 

Zairc/Ruanda: Die Verdoppelung eines 
Konflikts * Naher Osten: Rückschlag 
im Friedensprozess * Pharma-Patente: 
Teure Gesundheit für den S üden * Gold 
- alter Rausch, Zerstörung inbegriffen 
Bezug: Südwind, c/o ÖIE, Berg¬ 
gasse 7, A-1090 Wien, 6,50 DM (über 

SF beziehbar) J ® J 

• ; / " . -' V : ’Y' 


iz3w, Nr.220, MänÜ?17 
Schwerpunkt: Organisierte Barbarei - 
Folter und Vergangenheitspolitik * 
Organisierte Grausamkeit - Zur Ge¬ 
schichte eines Herrschaftsmittels * 
NGOs auf dem Spendenmarkt * 
Intellektuelle im Iran * Homosexualität 
in der 3.Welt * Gewerkschaften und 
Globalisierung* Wirtschaftliche Regio¬ 
nalisierung in Südostasien * Der weib¬ 
liche Körper in der Literatur Afrikas 
Bezug: iz3w, PF 5328, 79020 
Frelburg, Einzelheft 8.-DM, ABO: 60.- 


Lateinamerika Nachrichten 273, 
April 1997 

EI Salvador Große Erfolge der FMLN 
bei den Wahlen * Nicaragua Regierung 
begann mitder Vertreibungarbeitender 
Kinder * Bolivien Hunderttausende 
trauern um Carlos Palenque * Mexico 
Zedillos Ignoranz verbautden Dialog * 
Intergalaktisches in Spanien * Claudia 
Rodrfguez wieder frei * Privatschuldner 
in verzweifelter Lage * Guyana Cheddi 
Jagan ist tod * Jamaica Zum Tode 
Michael Manleys * Kuba/USA Wa¬ 
shington winkt mit Dollarmilliarden für 
ein Post-Castro-Cuba * Brasilien Die 
USA und die brasilianschen Folterer * 
Sextourismus auf der Anklagebank * 
Argentinien Seit 20 Jahren gehen die 
Mütter der Plaza de Mayo * Rezension 
Eduardo Galeano: Wandelnde Worte 
Bezug: LN-Vertrieb, Gneisenaustr. 
2a, 10961 Berlin. Einzelpris DM 7.- / 
Normal-Abo DN470.—. 

Die Beute, NR.13 (1/97) 

U.a. Flüchtlingsverwaltung und Ab- 
schiebcknast * NaM-RaubgoId * Inter- 

Bezug: Die Beute,PF 100624,60006 
Frankfurt, 16.-DM 

Forum, Nr. 210, Feb./Mürz 97 
Thema: Den Norden abwickeln: Ist 
kleiner wirklich besser? * Abwicklung 
- macht das Sinn? * Tupac Amarus 
Wiederkehr * Neuinszenierung Ser¬ 
biens * Flüchtlinge und Gesundheit * 
BUKO-Protokoll * Interview m it links- 
Redakteuren: "Tod durch Kultur" 
Bezug: Forum, Buchtstr.14/15, 
28195 Bremen, Einzelpreis 7.-DM 


^ 0l0S: Jan Jacob Hofmann 


SF 2/97 [65] 






ÄÄfc/' S 








srby Sachs/Version 






SF - Alt© Nummern 

Die Nummern 0-23, 44, die Sonder¬ 
nummern Feminismus I, Verfall der 
Arbeit sind vergriffen. 

Öle $F-Pakete für nur 10.-DM zzgl. 
Portokosten (6,10) sind weiterhin 
erhältlich: 

Paket 1 (Nr .24-30) 

Paket 2 (Nr.31-38) 

Paket 3 (Nr.39-47), (ohne Nr. 44) 
Paket4 (Nr.48-53) 

Paket 5 (Nr.54-58): 15.-DM 


Nr. 59 enthält u.a.:M. Wilk: Aus dem 
Innern des Sparpakets, D. Schütze: 
Die Deutschen sind gefährlich; B. 
Scharlowski: Der Babynahrungsher¬ 
steller Hipp; Subcommandante 
Marcos: Kommunique; H. Benner: Der 
Derivatehandel; D. Nelles: Die an¬ 
archistische Jugend; BUKO-Bericht 
etc.,68S., 8.-DM 


Interna 

(besonders für Buchläden!) 


Herzlichen Dank, 

an die Spenderinnen! Die Spenden 
helfen uns derzeitsehr. Die finanzielle 
Situation des SF hat sich durch den 
Verkaufsrückgang im Buchhandel 
von 580 Exemplaren auf 360 Exem¬ 
plare in den letzten drei Jahren deut¬ 
lich verschlechtert. Ein wenig war 
diese Entwicklung hausgemacht. Wir 
hatten den SF in einen Vertrieb ge- 


'as zu entlasten, 
rtrieb verzögerte 
ca. 3-4 Tage. Im 
dann nochmal 
r zwei Wochen 
edacht,es sollte 


Nr.60 enthält u.a.:Anti-Expo-AG: 
Nachhaltige Propaganda für das 
3. Jahrtausend; M. Kittmann: Die neue 
Militarisierung der Gesellschaft; H. 
Waibel: Neofaschismus in Ost¬ 
deutschland; Interview mit Birgit 
Rommelspacher; N. Chomsky: Ziele 
und Visionen (l.Teil der Bookchln- 
Chomsky-Debatte), U. Bröckling: 
Anarchistischer Antimilitarismus im 
Kaiserreich; W. Sterneck: Techno und 
CybertribeJ. Wagner: Von der Suche 
nach der Anarchie, etc. 68S., 8.-DM 


Spenden für den Pressefonds des 
Schwarzen Fadens: 


irde öfter zusam- 
eltschriften raus- 
em an der Sache 
war jedoch, daß die Wiederver¬ 
kaufsstellen dadurch die Jeweils ak- 
e Nummer meist 2, manchmal 3 
Wochen nach den Abonnenten er- 
i„ Läden der SF oft 
hen wurde und 
en uns deshalb 
F künftig wieder 


R. P., Hamburg 15.-; E.F., Berlin 15.-; 
U.K., Oldenburg 15.-; K.H., Berlin 15.-; 

S. K. & A.K.R., Gundersheim 15.-;A.B., 
München 35.-; T.G., Trier 6.-; W.F., 
Vlotho 15.-; O.K., Idar-Oberstein 120.- 
; B.W.-W., Estorf 15.-; H.S., Klei 50.-; 
J.A., Aachen 100.-; P.B.-M., Wies¬ 
baden 35.-; S.G,, Nürnberg 15.-; K.-O. 
P. Grebenau 15.-; 


Gesamt: 471.- 


[66] SF 2/97 


D.h. alle Buch- 
iederverkäufer- 
alten den Faden 
Erscheinen. Wir 
n Bezieherinnen 
el sich nochein- 
b und In welcher 
[SF wieder in ihr 
n. Im Gegenzug 
Buchhandlun- 
entiichung Ihrer 
o Jahr in dieser 








Wiederverkaufsstellen des SF t 

(ohne Wiederverkäuferinnen) 

■nfoladen Volk & Wissen, Schiachthof str.25.06844 Dessau /> ' 

Sierra y Libertad-Info laden, Thiergartener StrA 08527 Plauen 
Infoladen Daneben, Lie big str. 34, 102^7 Berlin 
Raumer Buchladen. Raumerstr.38.10437 Berlin 
A-Laden, Schwarzrotbuch-Veriag. Rathenowerstr.23, 10559 Berlin 
Buchladen Schwarze Risse. U-Bhf., Gnei$enau$tr,2,10961 Berlin 
Rotation Einzelhandel. Mehringdamm 51,10961 Berlin 
°as Arabische Buch. Horstweg 2,10556 Berlin 
Ei Locco, Kreuzbergstr.43.10965 Berlin 
B'Books. Falckensteinstr.37, 10997 Berlin 
0h 21 'Buchladen, Oranienstr.21. 10999 Berlin 
lnf °iaden Omega, Sparrstr.21. 13347 Berlin 
Aurora-Buchversand, Knobelsdorffstr.8, 14059 Berlin 
'nfoladen, c/o JAZ, August-Bebel-Str.92, 18055 Rostock 
Heinrich Heine Buchladen. Schlüterstr. 1.20146,Hamburg 
Buchladen Osterstrase, Österstrasse 156,20357 Hamburg 
Schladen Schwarzmarkt. Kleiner Schäferkamp 46, 20357 Hamburg 
Caf6 und Buch, Markts! r. 114,20357 Hamburg 
Nautilus Buchhandlung, Friedensallee 7*9,22765 Hamburg 
L'bertäre Jugend/FAU. Thadenstr. 118,22767 Hamburg r 
^°2iales Zentrum e.V., Schinkelring 16h 22844 Norderstedt 
2 a Pata-Buchladen. Jungfernstieg 27,24103 Kiel 
,nf oladen Omega, Bahnhofstr.44,24534 Neumünster 
Carl von Ossielzky-Buchhandlung, Heiligengeistgang 9,24937 Flensburg 
Qr l von Ossietzky-Buchhandlung. Achternstr. 15/16, 26122 Oldenburg 
3 AVeft *lnfozentrum. Auguststr.50,26121 Oldenburg ; 

^uchladen im Ostertor. Fehrfeld 60. 28203 Bremen 

Bu chladen in der Neustadt. lahnstr.65b, 28199 Bremen 

ßßA lnf °iaden. St.-Paulr-Str. 10-12,28203 Bremen 

^Nationalismus Buchladen, EngelbostelerDamm 10,30167 Hannover 

lnf0ladQ n. Kornstr.28/30,30167 Hannover 

^hnaboe-Buchladen, Gerberstr.6,30169 Hannover 

An ° fes Nord . PF 2011,31319 Sehnde 

lnf °9ruppe ( c/o Att0 Pau|inej ßielefelderstr.3, 32756 Detmold 
p ' Borchener Str. 12.33098 Paderborn 
* 0r,s Piegel-Buch laden, Hagenbruchstr.7, 33602 Bielefeld 
^stochen Scharf Druckkollektiv, Elfbuchenstr, 18.34119 Kassel 
° d ör. Zucht Versandbuchhandlung, Steinbruchweg 14, 34123 Kassel 
ßLJCh,Qc,en Roter Stern, Am Grün 28, 35037 Marburg 
Uc htaden Rote Straße, Nikolaikirchhof 7,37073 Göttingen 
°' aden Juze Innenstadt, Bürgerstr.41,37073 Göttingen 
BHZE-Buchhandlung, Aachenerstr.l, 40223 Düsseldorf 
^'Buchhandlung, Heinrich Heine, Unrversrtcrtsstr. 1,40225 Düsseldorf 
f0 'bri-Buch laden, Schillerstr.22-24,41061 Mönchengladbach 

0laden ‘ Brunnenstr.41,42105 Wuppertal 
s Vle Buchversand, Im Rosenhof 22a, 42859 Remscheid 
Qr >ta-Babu-Laden, Humboldtstr.44,44137 Dortmund 
^ ^ Buchhandlung, Universrtätsstr. 16,44789 Bochum - 
'Stand-Büchertisch. Ünrversitätsstr. 150, 44801 Bochum 
ein rich-Heine-Buchhandlung, Viehofer Platz 8.45127 Essen 
Q lro||-B UC hh a ndlung, Hernerskld,45657 Recklinghausen 
Uc h im Revier, Klosterstr.21.45879 Gelsenkirchen 
yndikat A-Medienvertrieb. Bismarckstr,4la, 47443 Moers 
er ändere Buchladen, Dionysius$tr.7; 47798 Krefeld 
lnf0, aderr Bankrott. Dahlweg 64.48153 Münster 


Meitze nt rum, Schamhorststr.57.48151 Münster 
Opladen. Alte Mümnze 12,49074 Osnabrück ' 

Der andere Buchladen, Zülpicherstr. 197,50937 Köln 
ÖUCh handlung Schwatz auf Weiss, VenloerStr.220,50823 Köln 
C khaus-Buchhandlung, Trichtergasse 14,52064 Aachen 
Uc Hladen Le Sabot, Breite Str.76, 53111 Bonn 
|j ÜCh ' Qde n 46, Kaiserstr.46, 53113 Bonn 
c Hhandlung im Gegenlicht, Glockenstr.10, 54290 Trier 


AKAZ, Birkenfelderstr. 13,54497 Morbach 
Trotzdem-Werkstatt, Große Bleiche 42.55116 Mainz 
Cardabela-Buchladen, Frauenlobstr.40,55118 Mainz 
Infoladen RIZ, C/o ASTA FH, Am Finkenherd 4,56075 Koblenz 
Bücherkiste, Blsmgrckstr.3,57076 Siegen 
Quadrux-Buchladen. lange Str,21,58089 Hagen 
Das Archiv, c/o JUZE, Karnacksweg 44,58636 Iserlohn 
Land in Sicht-Buchlader||Rotteckstr. 13, 60316 Frankfurt 
■ ASTA FH. Kleiststr.l. 60318&pkfurt 
Unibucjh, Jügelstr. 1.60325 ftb|kfurt 
Kari-Marx-Buchladen. Jorda®47.60486 Frankfurt 


ßuchgalerieljgchst, Bolongaj 
Alibri-Vertag. Würzburgerstr. 18c 

Cal6 Klatsch. Marcobrunnsnst' 


|fel61,65929 Frankfurt/Hoechst 
6373(9 Aschaffenburg 


>4289 Darmstadt 


Bücherladen Neckaistadt. Kobellstr. 17. 68167 Mannheim 
Autonomes Zentrum. Alte Bergheimerstr.7a, 69115 Heidelberg 
Eine-Welt-Zentrum/Friedensladen, Am Karistor 1,69117 Heidelberg 
W. Niedlich-Buchhandlung, Schmale Str. 14, 70173 Stuttgart 
Bücherecke Fra Diavolo, Pfarrstr.7, 70182 Stuttgart 
Schwarzes Schaf-Buchladen. Reithausplatz 2,71634 Ludwigsburg 
Buchladen Die Gruppe, Münzgasse 15, 72070 Tübingen 
Jakob-Fetzer-Buchladen, Georgenstr.26, 72764 Reutlingen 
Druckcooperative. Steinstr.23, 76133 Karlsruhe 
Phantasia-Buchladen. Ritterstr.25, 77652 Offenburg 
Schwarze Geiss-Buchiaden, Obermarkt 14, 78462 Konstanz 
Jos Fritz-Buchladen, Wilhelmski5, 79098 Freiburg 
Echt-Optimal GmbH, Jahnstr.6. 80469 München 
Basis-Buchladen, Adalbertstr.41b-43,80799 München 
lnfoladen Kellergeist. Breisacherstr.12, 81667 München 
Irrilcht-Buchladen, lnnstr.45a, 83022 Rosenheim 
Buchladen Kleine Eule, Bürstengasse 7,88131 Lindau 
Buchhandlung Dieckmann. Schlehengasse 6,90402 Nürnberg 
Libresso-Buchhandlung, Peter-Vischer-Str.25,90403 Nürnberg 
BBS, Große Messergasse 8,94032 Passau 

Peter Engstier Bücher u. Zeitschriften, Oberwaldbehrungen 13. 97645 Ostheim 

lnfoladen Zehn, Wielandgasse 2-4, A-l 100 Wien 

Buchvertrieb Stonehenge, Hahngasse 22, A-l090 Wien 

Südwind-Magazin, c/o ÖIE, Berggasse 7, A-l 090 Wien 

Kutturverein KAPU, Kapuzjnerstr.36, A-4020 Linz 

Buchhandlung Parnass, Speckbacherstr.21 A-6020 Innsbruck 

lnfoladen, PF 2227, CH-5001 Aarau 

Romp-Laden, PF 6347, CH-6006 Luzern 

Buchhandlung Lesekaffee, Neustadtgasse 9, CH-8400 Winterthur 
Schwarzpeter Buchhandlung, Schulhausstr.3. CH-9470 Buchs 
Anares/Commenius-Antiquariat, Rathausgasse, PF, CH-3000 Bem-8 
Pinkus-Genossenschaft, Froschaugasse 7. CH-8025 Zürich 
Bokcafen, Hjelmsgate 3, N-0355 Oslo 

Boekhandel Het Fort van Sjakoo, Postbus 16578, NL-1011 NK Amsterdam 
Boekhandel De Rode Huhd. Prins Hendrikstraat 138, NL-2518 HX Den Haag 

■••• .. 

Diese Liste ist unvollständig, alte diejenigen, die über Stonehenge. Anares-Bern oder 
durch die Schwarz auf Weiss-Buchhandlung beliefert werden und hier 
aufgenommen werden wollen, bitte (,neiden. Natürlich auch alle die. die sich neu 
oder wieder für dtß Aufnahme dß^§F injhr Sortiment entscheiden! 









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